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31. August 2014

Wirtschaftswachstum: Immer mehr

 Von 
Brauchen wir immer mehr? Oder lässt es sich auch ohne Wirtschaftswachstum leben?  Foto: dpa

Das Wirtschaftswachstum soll die Lösung für alle Probleme sein. Dabei schafft es dennoch ständig neue. Warum muss die Wirtschaftsleistung eigentlich ständig wachsen?

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Die Politik allein, so schrieb kürzlich ein britischer Ökonom, könne Italiens Koma-Wirtschaft nicht retten. „Koma“ bedeutet im griechischen „tiefer Schlaf“. In der Medizin gilt es als zumeist lebensbedrohlich. Nun arbeiten in Italien fast 23 Millionen Menschen am Band, im Büro, auf dem Bau. Jedes Jahr produzieren sie Güter im Wert von 2000 Milliarden Euro. Doch aus Sicht der Ökonomie ist Italiens Wirtschaft quasi tot. Warum? Weil sie seit zehn Jahren nicht wächst.

Stagnation – das ist in der Wirtschaft gleichbedeutend mit Scheitern, der kleinste Rückgang der Produktion gleicht einer Katastrophe. Während alle Lebewesen irgendwann ausgewachsen sind, muss es mit der Wirtschaft stets aufwärts gehen. Mit Wachstum will die Politik alle Probleme lösen: Armut, Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Ungerechtigkeit.

Umgekehrt werden alle Probleme aus dem Mangel an „Wachstum“ erklärt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gerade seine Prognose gesenkt: Dieses Jahr wird die Weltwirtschaftsleistung demnach nur um 3,4 Prozent zulegen, für 2015 sollen es 4,0 Prozent sein. Hält dieses Tempo an, würde sich die Produktion in 18 Jahren verdoppeln. Doch gilt dies als zu wenig. Für die letzte Verdopplung brauchte die Weltwirtschaft nur elf Jahre – trotz globaler Krise.

Die Zweifel an diesem System wachsen, die Kritiker werden lauter. Kommende Woche treffen sie sich in Leipzig, um auf der vierten Degrowth-Konferenz über Alternativen zu diskutieren. Für sie soll das Wohl der Gesellschaft nicht mehr nur vom Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), beziehungsweise dem Bruttosozialprodukt (BSP) abhängen, einer „scheinbar ideologiefreien“ Rechengröße, so der Potsdamer Ökonom Philipp Lepenies.

Die Konferenz

„Degrowth“- Konferenz: Die Zweifel an unserer auf Wachstum fixierten Gesellschaft werden wieder größer. In Leipzig diskutierten die Kritiker des derzeitigen Wirtschaftssystems. Mehr als 2500 Teilnehmer trafen sich zur internationalen „Degrowth“- Konferenz, die nach Paris (2008), Barcelona (2010) sowie Venedig und Montreal (2012) zum vierten Mal stattfindet.

Die Debatte: Die „Degrowth“- Bewegung setzt sich für eine Wirtschaft ein, die „unabhängig von Wirtschaftswachstum ein gutes Leben für alle“ ermöglicht. Ungleichheit und Umweltverbrauch, Produktion und Konsum sollen reduziert und vorhandene Ressourcen gerechter verteilt werden.
Die Frankfurter Rundschau lässt ihre Leser an der Debatte teilhaben.

Das BSP wurde erst vor 70 Jahren eingeführt, als die USA im Weltkrieg ihre Möglichkeiten zur Rüstungsproduktion schätzen wollten. Vater des BSP war der Ökonom Colin Clarke. Clarkes Lehrer, Simon Kuznets, schwebte hingegen eine ganz andere Maßzahl vor: das „income enjoyed“, das „genossene Einkommen“ der Menschen. Kuznets fand es absurd, den Fortschritt am Wachstum der puren Produktion zu messen. Wichtiger fand er die „Steigerung der Wohlfahrt im weiteren Sinne“, in die auch die „Vorstellung eines guten Lebens“ einfließen sollte. Doch Kuznets setzte sich in der Politik nicht durch. Und seitdem dreht sich alles um den Wert, den der Politologe Lorenzo Fioramonti „Bruttoinlandsproblem“ getauft hat.

Allen ist klar: Nichts wächst ewig, alles hat eine Grenze und ein Ende. Nur das BIP darf nicht ruhen, ganz egal, wie hoch es ist. Dieses Gesetz gilt absolut. Das belegt die internationale Klima-Diplomatie: Noch im Jahr 2007, die Konjunktur lief rund, hatte die Senkung des CO2-Ausstoßes Priorität, alle warnten vor der globalen Erwärmung. Doch dann kam die Wirtschaftskrise. Und seitdem ist das Thema faktisch tot. Die vereinbarten Klimaziele werden verfehlt, die Meerespegel steigen. Denn effektiver Klimaschutz verursacht Kosten – und damit Wettbewerbsnachteile. Umweltschutz, so die klare Botschaft, gibt es nur, wenn das Wachstum nicht leidet. Und mit „das Wachstum“ meint jeder Standort: mein Wachstum.

Doch die Politik wiegelt ab. Ökologie und Ökonomie seien keine Gegensätze, heißt es. Gemeint ist damit: Sie sind Gegensätze. Aber sie müssen es nicht sein. Um sie zu versöhnen, setzt man auf die Wunderwaffe – den „Technik-Fix“, die Lösung des Problems durch neue Technologie. Vor allem bessere Ressourcenproduktivität soll immerwährendes Wachstum ermöglichen: immer mehr BIP mit immer weniger Rohstoffen und Emissionen. Das ist der „grüne Kapitalismus“.

Doch bleibt er eine Hoffnung. Denn die rettende Technologie ist zumeist entweder nicht „wirtschaftlich“, sprich: rentabel nutzbar; oder sie ist noch gar nicht erfunden. Bislang führt jede Erhöhung der Ressourceneffizienz in der Regel zu vermehrtem Verbrauch und damit zu höherer Naturbelastung.

Unterstellter Wachstumszwang

Diesen „Rebound“ genannten Effekt zeigt der Energie-Riese BP in seinem Energy Outlook bis zum Jahr 2030: Zwar würden erneuerbare Energien zügig wachsen und dank politischer Maßnahmen Fortschritte bei der Energieeffizienz erzielt. Diese Fortschritte reichten aber nicht aus, um die Kohlendioxid-Emissionen zu senken. Der Energiebedarf der Welt wachse zu schnell.

Warum muss die Wirtschaftsleistung ständig wachsen? Ökonomen antworten oft: um Arbeitsplätze zu schaffen. Einerseits stimmt es – ohne Wachstum keine Jobs. Doch zeigt dies gleichzeitig, dass die Unternehmen nur solche Arbeitsplätze schaffen, die dem Wachstum dienen. Der Wachstumszwang ist beim Argument „Arbeitsplätze“ also schon unterstellt. Abgesehen davon – dass Menschen arbeiten, um mehr zu produzieren, leuchtet noch gerade so ein. Dass sie mehr produzieren müssen, um arbeiten zu dürfen, nicht mehr.

Viele glauben, hinter dem Wachstumszwang stecke, was der Vater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, das menschliche „Verlangen, unsere Lebensbedingungen zu verbessern“ nannte. Oder weniger freundlich: die Gier der Menschen nach immer mehr. Auch die Volkswirtschaftslehre setzt voraus, dass die Bedürfnisse des Menschen prinzipiell nicht zu stillen sind. Dabei spricht eigentlich wenig für die Vermutung.

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Dass mehr Konsumgüter immer glücklicher machen, belegt keine Umfrage, zumindest in den reicheren Ländern. Als wichtiger bewerten die Menschen regelmäßig Freundschaften, Familie, Freizeit oder eine intakte Umwelt. „Wirtschaftswachstum war für lange Zeit Motor des Fortschritts, doch in den reichen Ländern ist dieser Antrieb inzwischen weitgehend erschöpft“, so die Gesundheitsforscherin Kate Pickett. „Langfristig haben Ängste, Depressionen und andere soziale Probleme mit wachsendem Wohlstand zugenommen.“

Dass die Menschen immer mehr wollen, ist zweifelhaft. Dass dieses Immer-mehr-wollen die Ursache des Wachstumszwangs sein könnte ebenso. Man stelle sich vor: Mit einem Mal besinnen sich alle Deutschen, üben Verzicht und Sparsamkeit, gehen nicht mehr einkaufen. Folge wäre eine ausgewachsene Krise in einem Land, in dem der private Konsum mehr als die Hälfte des BIP ausmacht. Der Wachstumszwang besteht getrennt von den Bedürfnissen der Menschen. Er ist dem Wirtschaftssystem eingeschrieben. It’s the economy, stupid.

Appelle zum Maßhalten werden den Wachstumszwang also nicht beseitigen. Forderungen nach „einem Wertewandel hin zu nachhaltigen Konsummustern sind wichtig, aber auch etwas hilflos“, so Ulrich Brand, Professor an der Uni Wien. Das Individuum ist mit der Lösung des Problems überfordert. Denn die Firmen sind nicht seine Auftragnehmer, sondern haben eigene Ziele: Gewinn, Umsatzsteigerung, Rendite, Marktanteile. „Politik findet eben nicht für ‚die Menschheit‘ statt, sondern ganz konkret als Verfolgung von Interessen“, so Brand. „Umweltfragen sind Macht- und Herrschaftsfragen.“

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