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13. August 2014

Dynamo Dresden gegen FSV: Strafe für „U-Bahn nach Auschwitz“

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Das Amtsgericht Frankfurt hat eine Prostituierte frei gesprochen.  Foto: ddp

Ein Fan von Dynamo Dresden wird in Frankfurt wegen Volksverhetzung verurteilt und weiß nicht einmal warum. Er hat vor dem Spiel Dynamo Dresden gegen den FSV im April 2013 das berüchtigte „U-Bahn-Lied“ gesungen. In Rostock ist das erlaubt.

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Böse Menschen kennen keine Lieder, sagt der Volksmund. Uwe B. ist vermutlich nicht böse. Zumindest wirkt er nicht so. Auf der Anklagebank des Amtsgerichts macht er am Dienstag den Eindruck eines zu Unrecht Angeklagten.

Uwe B. hat ein Lied gesungen, am 27. April 2013 am Frankfurter Hauptbahnhof. Uwe B., 44 Jahre alt, gelernter Koch und wegen einer Krebserkrankung arbeitsunfähig, war einer von ein paar Dutzend Dynamo-Dresden-Fans, die vor dem Spiel gegen den FSV (3:1 für Frankfurt) noch gute Laune hatten und diese auf den unterirdischen Gleisen lauthals herausgrölten. Es handelt sich um das „U-Bahn-Lied“, einen vor allem im deutschen Osten weitverbreiteten Stadiongesang. Der Text, auf Frankfurt zugeschnitten: „Eine U-Bahn, eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir, von Frankfurt bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir.“

Das hat Uwe B. einen Strafbefehl über 90 Tagessätze à 20 Euro wegen Volksverhetzung eingebracht. Und Uwe B. versteht jetzt die Welt, vor allem aber Frankfurt nicht mehr. Deshalb hat er auch Einspruch gegen den Strafbefehl eingelegt.

Seit 40 Jahren, sagt er, sei er Fan von Dynamo Dresden, Vereinsmitglied, habe Hunderte von Auswärtsspielen besucht. „Ich hatte da noch nie Probleme.“ In Frankfurt sei man von der Polizei ganz furchtbar behandelt worden: Alle mit dem Zug angereisten Dresden-Fans hätten sich am Hauptbahnhof ausweisen müssen, zudem habe man ihre Bewegungsfreiheit radikal eingeschränkt, selbst ein Toilettengang sei ihnen verwehrt worden: „Man musste sogar aufs Gleisbett urinieren, obwohl das verboten ist.“ Und zu urinieren gäbe es immer reichlich, man besaufe sich nämlich aus alter Tradition immer schon auf dem Hinweg: „Im Stadion ist das Bier teurer – und wenn Dresden spielt, meistens auch noch alkoholfrei.“

In Rostock straffrei

Angesichts dieses Elends habe man halt ein Lied gesungen, zumal einen die Polizei „ja selbst zur U-Bahn gebracht“ habe. Und der Text? „Mit Holocaust hat das nichts zu tun, so was gibts in Dresden gar nicht.“ Ihm sei schon klar, dass die Nazis Millionen Juden ermordet hätten, „obwohl ich in der DDR Geschichte hatte“, und er sei auch der Meinung, „dass das nicht in Ordnung war damals“. Aber er sei doch damals noch gar nicht geboren gewesen. „Soll ich jetzt dafür zuständig sein?“ Man werde doch wohl noch singen und eine U-Bahn nach Auschwitz fordern dürfen.

Letztlich ist es so, dass sich Uwe B. die falsche Stadt für das Lied ausgesucht hat. Es gibt ein Urteil des Oberlandesgerichts Rostock, welches das Singen des „U-Bahn-Liedes“ als nicht volksverhetzend einstuft. Die Gründe sind streng juristischer Natur, man kann sie im Internet (openjur.de/u/341874.html) nachlesen. In Frankfurt sieht man das anders. Hier gilt das Lied als Volksverhetzung – und nicht als Aufruf zur Verbesserung der Infrastruktur des Öffentlichen Personennahverkehrs.

Uwe B. gibt durchaus zu, dass er gesungen haben könnte. Es gibt auch ein Video der Polizei, das beweist, dass er genau das getan hat. „Eigentlich bin ich nach Frankfurt gekommen, um gar keine Strafe zu zahlen. Ich habe mich doch auch entschuldigt – reicht das nicht?“

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Es reicht nicht. Die Staatsanwältin sagt, sie sei nicht gewillt, in dieser Stadt zu dulden, dass die systematische Ermordung von Millionen Menschen „durch den Bierdunst“ gezogen werde. So sieht das auch die Richterin, und nachdem B., der ohne Anwalt erschienen ist, auf eindringliches Zureden seinen Einspruch nur auf die Höhe des Strafbefehls beschränkt, verurteilt das Gericht den mittellosen Mann zu 70 Tagessätzen à sechs Euro. Er solle es seinen Freunden weitersagen, rät ihm das Gericht: In Frankfurt könne das Singen böser Lieder teuer werden.

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