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Gericht
FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

02. März 2016

Landgericht Frankfurt: „Zigeunergericht“ als weitere Instanz

 Von 
Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild)  Foto: ddp

Der Fall einer versuchten Erpressung beschäftigt nach einem „Zigeunergericht“ und Amtsgericht nun auch noch das Landgericht Frankfurt. Das vermeintliche Opfer des Angeklagten schweigt, auch zu dem geheimnisvollen Gericht. Er hat Angst.

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Es ist die Frage, ob Ludwig S. sich in der zweiten oder der dritten Instanz befindet.

Fakt ist: Das Amtsgericht hatte ihn im Oktober 2015 wegen versuchter räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt. Er hatte im Januar 2014 10 000 Euro von seinem alten Spezi Raffi M. gefordert. Andernfalls, so drohte er ihm via Telefon und Facebook, werde er ihn „unter seinen Beinen zertreten“ sowie die sterblichen Überreste seiner verblichenen Ahnen schänden.

M. zahlte nicht, er zeigte S. an, nachdem dieser auch seine Frau und Kinder bedroht hätte. Vor dem Amtsgericht aber zog er 2015 sämtliche Anschuldigungen zurück. Mittlerweile, sagte er, habe ein „Zigeunergericht“, das im Ostpark getagt habe, die Sache geregelt. Er und seine Frau wollten nicht gegen M. aussagen, weil sie Angst hätten, ansonsten auf ewig aus der Sippe ausgeschlossen zu sein.

Das Amtsgericht verurteilte S. dennoch zu einer Haftstrafe, der legte Berufung ein. Auch in der Berufungsverhandlung sagt M. nichts, ebensowenig seine Frau. Müssen sie auch nicht, da die Staatsanwaltschaft wegen Falschaussage im ersten Prozess gegen die beiden ermittelt und sie sich nicht selbst belasten müssen.

Ludwig S. hingegen beschließt am Ende der Verhandlung doch noch, sein ursprüngliches Schweigen zu brechen. Der 48-Jährige hat ein eindrucksvolles Führungszeugnis mit 27 Eintragungen aufzuweisen, darunter Diebstahl, Nötigung, Körperverletzung, Betrug, Beleidigung, Drogenhandel und -besitz, Hehlerei, Verstoß gegen das Waffengesetz, Unfallflucht, Fahren ohne Führerschein. Er hat mehr als 13 Jahre im Gefängnis gesessen, fünf davon dafür, dass er einem anderen das Gesicht zu Brei getreten hat. Er bezeichnet sich selbst als ein Kind der Ahornstraße, Frankfurts ehemaliger Problemmeile, die sein Leben geprägt habe. Die 10 000 Euro, sagt er, hätten ihm zugestanden, es sei sein versprochener Anteil an einem ehrlichen Teppichbetrug gewesen. Die Beleidigungen seien im Zorn gefallen. Wenn er M. tatsächlich habe massakrieren wollen, hätte er das einfach getan, nach schlechter alter Ahornstraßenart.

Immerhin: Die jüngste Eintragung im Register stammt aus dem Jahr 2009, die letzte Gewalttat geschah 2003. Angesichts dessen und seines – wenn auch etwas mageren – Geständnisses verurteilt das Landgericht Ludwig S. nun zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr.

Zweite oder dritte Instanz? Das Zigeunergericht, sagt S., habe zwar getagt, M. sei aber nicht erschienen, „sonst hätten unsere Alten ihn hundertmal schuldig gesprochen“. Auch M., den nach wie vor die Angst umtreibt, will sich zu diesem geheimnisvollen Gericht nicht äußern. Lediglich seine Frau gibt ein Geheimnis preis: „Das machen Männer.“

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