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Gericht
FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

27. Januar 2016

Landgericht Frankfurt: Messer-Attacke aus dem Nichts

 Von 
Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild)  Foto: ddp

Ein Mann sticht in Frankfurt in einem Geschäft grundlos und ohne Vorwarnung einen Filialleiter nieder. Jetzt steht der 38-Jährige in Frankfurt vor Gericht. Es geht bei ihm nicht um Gefängnis, sondern um eine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie.

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Am 10. Juni 2015 hatte Frederik R. nach eigenen Angaben „einen rabenschwarzen Tag“. Felix G. aber schien an diesem Tag auch keine Sonne. Gegen 17 Uhr betrat Frederik R. damals den Sportbekleidungsladen am Rossmarkt, in dem Felix G. die Geschäfte führt. R. rammt dem Filialleiter ohne Vorgeplänkel ein Messer in den Unterleib, danach flüchtet er gemessenen Schrittes. Ein Zeuge verfolgt ihn und schießt ein Foto, das dafür sorgen wird, dass R. einige Tage später verhaftet wird. Felix G. wird notoperiert und kommt mit dem Leben davon.

Seit gestern muss sich der 38 Jahre alte R. vor dem Landgericht verantworten. Wobei verantworten etwas viel gesagt ist, denn auch die Staatsanwaltschaft glaubt nicht, dass R. schuldfähig ist. Es geht in dem Prozess nicht um Gefängnis, sondern um eine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie – bereits jetzt ist R. in Haina (Landkreis Waldeck-Frankenberg) untergebracht. Laut Antragsschrift leidet der Beschuldigte unter „aggressiven Impulsausbrüchen“. Und der Vorfall im Juni war nicht der erste Ausraster.

2013 ging R. auf eine Supermarkt-Kassiererin los, weil seine EC-Karte streikte. Kurz darauf prügelte er sich auf der Beerdigung seiner Großmutter mit seinem Bruder. Im Juni 2014 verpasste R. seiner gesetzlich bestellten Betreuerin mit der Faust eine Platzwunde am Kopf, woraufhin diese die Betreuung niederlegte – und auch durch niemanden ersetzt wurde. Was R. ganz recht war – „ich hatte der Betreuung sowieso nur widerwillig zugestimmt“.

Das ist das Problem. Alle halten Frederik R. für geistig nicht ganz gesund. Außer Frederik R.

Die brüderliche Klopperei bei Omas letztem Gang etwa war vielleicht „nicht der tollste Zeitpunkt“, aber er stünde mit seinem Bruder eh auf Kriegsfuß, und irgendwann müsse es halt mal raus. Und bei der Kassiererin habe die EC-Karte gestreikt, da habe er sich eben geärgert. Und die Sache mit der Betreuerin, nun ja – er habe ihr zuvor ständig im Guten zu erklären versucht, dass er weder ihre Betreuung noch die ärztlich verordneten Medikamente länger benötige. Da habe er es auch mal im Schlechten versucht.

Auch am 10. Juni 2015 „war ich eigentlich relativ normal, würde ich fast mal sagen“, sagt der bullige Mann vor Gericht. Aber eben: rabenschwarzer Tag. R. habe gehadert „mit den Widrigkeiten des Alltags – dass ich arbeiten muss und so“. Nachdem er dann noch eine Verkäuferin in dem Laden am Rossmarkt absolut erfolglos anzubaggern versucht hatte, ging der Hotelangestellte, der eine Nachtschicht hinter sich hatte, halt mal nach Hause in seine Ein-Zimmer-Wohnung in der Mainzer Landstraße, holte ein Messer, ging zurück, steckte das Messer in Felix G. und ging dann wieder weg, „das ist halt so passiert“. Eigentlich habe er G. weder töten noch verletzen wollen.

In seiner Jugend, sagt R., habe er „so ziemlich alle Drogen außer Heroin“ genommen. Im Drogenrausch habe er dann immer wieder Stimmen gehört und eine verzerrte Wahrnehmung gehabt – was ja aber irgendwie auch Sinn der Übung gewesen sei. Als die Ärzte ihm eine paranoide Schizophrenie attestierten, habe er die Drogen abgesetzt. 2010 sei das gewesen, erinnert sich R. Seitdem seien die Stimmen verschwunden, und die Wahrnehmung stimme auch wieder. Man habe ihm immer wieder Medikamente verschrieben, aber mit denen fühle er sich wie ohne: Sie brächten absolut nichts.

Trotzdem habe man ihn in Haina nun wieder auf Pillen gesetzt, überflüssigerweise. Doch immerhin habe er seitdem niemanden mehr geschlagen, keinen mit dem Messer gestochen, sei überhaupt nicht ein einziges Mal ausgerastet und … – „vielleicht ist es ja doch besser, wenn ich meine Medikamente nehme“, sagt Frederik R. in einem kurzen Moment der Besinnung.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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