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Gericht
FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

04. Dezember 2014

Syrien-Heimkehrer: IS-Kämpfer zu mehrjähriger Haft verurteilt

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Niemand weiß so ganz genau, was Kreshnik B. in Syrien so alles getrieben hat.  Foto: afp

Kreshnik B. kämpfte im „Heiligen Krieg“ in Syrien und kam zurück. Das Oberlandesgericht verurteilt ihn am Freitag zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Es ist das erste Urteil gegen einen Syrien-Heimkehrer.

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Wie soll man Kreshnik B. am besten beschreiben? Als einen „jungen Mann, der noch nie in seinem Leben Verantwortung übernommen hat“, wie das der Bundesanwalt in seinem Plädoyer getan hat? Als „Pimpf, der nicht mal mit dem Arsch wackeln kann“, wie das seine ältere Schwester getan hatte, als sie ihm während seines Syrien-Aufenthalts telefonisch den Kopf wusch? Recht haben wohl alle beide. Aber wenn das so ist: Warum macht Kreshnik B. uns Angst?

An diesem Freitagvormittag hat das Frankfurter Oberlandesgericht sein Urteil gegen Kreshnik B. gesprochen: Er wird zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Es ist das erste Urteil gegen einen „Syrien-Heimkehrer“, einer von jenen jungen Leuten, die meinen, ihr Heil im Heiligen Krieg zu finden und dann nach ein paar Monaten – aus welchen Gründen auch immer – abbrechen und heimkehren. Besonders spannend war die Urteilsverkündung nicht. Schon im Vorfeld war klar, dass Kreshnik B. zu einer Jugendstrafe zwischen drei Jahren und drei Monaten und vier Jahren und vier Monaten verurteilt werden würde – so lautet der Deal, auf den sich die Prozessparteien zu Verhandlungsbeginn eingelassen hatten. Als Gegenleistung gab es Kreshnik B.s Geständnis.

Kreshnik B. hat während der gesamten Gerichtsverhandlung keinen besonders bedrohlichen Eindruck gemacht. Im Gefängnis verhärmt der 20-Jährige zumindest nicht. Im Laufe der Verhandlungstage sind Bauch und Bart ins Beachtenswerte gewachsen. Kreshnik B. randaliert nicht, er redet auch nicht mehr davon, möglichst viele Kuffar töten zu wollen, wie er sich in den Telefonaten mit seiner Schwester immer wieder dicke tat. Er will auch gar nicht mehr retour in den Heiligen Krieg, das kann man ihm wohl abkaufen. Selbst wenn er, wie der Bundesanwalt ihm attestierte, „nur körperlich, nicht geistig aus Syrien zurückgekommen zu sein“ schien – der Körper hat mittlerweile Dimensionen angenommen, die die Toleranz des Emirs deutlich überschreiten dürfte.

Die Wurstigkeit des Bösen

Niemand weiß so ganz genau, was Kreshnik B. in Syrien so alles getrieben hat. Die Anklage reichte lediglich für Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die der Angeklagte auch unumwunden eingeräumt hat. Äußerst glaubwürdig hat der junge Mann berichtet, dass er als „Europäer“ einen schweren Stand bei der kämpfenden Truppe gehabt habe. „Europäer“ würden ungern an vorderster Front eingesetzt und eher für Wach-, Sanitäts- und Propagandadienste eingeteilt, während „Araber und Tschetschenen“ die militärische Drecksarbeit erledigten. Mehr als nur ein Hauch von Bewunderung, Respekt und Neid schwang mit, wenn Kreshnik B., der selbst von einer Ausbildung zum Scharfschützen geträumt hatte, von den Dschihad-Frontsoldaten erzählte. Als „zäh und langweilig“ habe er seine Zeit in Syrien empfunden: „Ich habe immer ganz hinten gestanden.“

Vielleicht ist das, was uns an Kreshnik B. Angst macht, so etwas wie die Wurstigkeit des Bösen. Da sitzt ein dicklicher, bislang verhaltensunauffälliger Berufsfachschüler, der sich ohne erkennbaren Grund und unter nach wie vor unklaren Umständen bis zur Einsatzbereitschaft radikalisiert hat. Er ist, so der Eindruck, den er auf der Anklagebank vermittelt, weder besonders helle noch außergewöhnlich dämlich.

Er ist in Frankfurt und seinem Speckgürtel großgeworden, in einer Familie, die bei ihren regelmäßigen Gerichtsbesuchen und den aufgezeichneten Telefonaten mit ihrem damals kämpfenden Sohn durchaus den Eindruck vermittelt hat, als hätten sie noch sämtliche Tassen im Schrank. Religiöse Eiferer sind nicht dabei. Kreshnik B. hat in seiner Jugend für den jüdischen Fußballverein Makkabi Frankfurt gekickt, er war das, was man voll sozialisiert nennt, in seinem Leben hat es bislang keine großen Schicksalsschläge getan. Was macht so einen empfänglich für die Sirenengesänge der IS-Rekrutierer? Und woraus resultiert seine nach wie vor bestehende Verstocktheit?

Der Prozess hat da keine Antworten gebracht. Man mag ja glauben, dass es gereicht hat, dass Kreshnik B. im Internet Videos über das Leid der syrischen Zivilbevölkerung gesehen hat und vor Ort helfen wollte – mit der Waffe. Selbst wenn man das glaubt, heißt das noch lange nicht, dass man es auch verstehen kann.

Mehr als deutlich wurde aber auch, wie nahe Kreshnik B. nach wie vor dem Heiligen Krieg steht. Selbstverständlich habe er immer noch vor, eines Tages „als Märtyrer zu sterben“ – einen Masterplan dafür habe er aber derzeit nicht. Selbstverständlich bedaure er es, dass in Deutschland nicht die Scharia herrsche, „aber da kann ich nichts machen“. Selbstverständlich halte er Enthauptungen für ein probates Mittel der Rechtsprechung – „das kommt darauf an, welche Sünde man begangen hat“.

Viele Prozessbeobachter taten sich schwer damit, dass das Oberlandesgericht den Deal angesichts der fehlenden Reue des Angeklagten nicht hatte platzen lassen. Aber Reue war auch nie Teil des Deals, den das Gericht geschlossen hatte. Die relativ milde Strafe, die er zu erwarten hat, verdankt Kreshnik B. einzig und alleine seinem Geständnis, das er so ablieferte, wie es vereinbart war: Er sprach freimütig über die Struktur der Terror-Miliz, ohne dabei bemerkenswerte Details oder gar Namen zu nennen. „Reue kann man nicht erzwingen“, hatte Oberstaatsanwalt Dieter Killmer in seinem Plädoyer bedauert. Er hat sich Sorgen um die nach wie vor offensichtliche „Verführbarkeit“ Kreshnik B.s gemacht, hatte ihm moralisch die Leviten gelesen, bevor er auf die vereinbarte Höchststrafe von vier Jahren und drei Monaten plädierte.

Es war ein gutes Plädoyer, eines, das noch einmal daran erinnerte, dass der Rechtsstaat sich am Riemen reißen muss, wenn er den Terror nicht mit dessen eigenen Mitteln bekämpfen will.

„In bester Gesellschaft“

Mutlu Günal, der Anwalt Kreshnik B.s, stand nach Killmers Plädoyer nicht bloß rhetorisch auf verlorenem Posten. Fast schon unfreiwillig komisch wirkte sein Versuch, eine Studie als Entlastungsindiz anzuführen, nachdem etwa ein Drittel der Jura-Erstsemester der Unis Konstanz und Erlangen für die Todesstrafe seien.

Sein Mandant befinde sich also „in bester Gesellschaft“, sagte Günal, und sei im Übrigen ein herzensguter Kerl, der aus nacktem Humanismus nach Syrien gegangen und vielleicht ein bisserl übers Ziel hinausgeschossen sei. „Was bringt es uns, wenn wir ihn vier Jahre und drei Monate ins Gefängnis stecken?“, fragte Günal am Ende. Eine interessante Frage, die allerdings zwei weitere aufwirft: Was bringt es uns, wenn wir ihn drei Jahre und drei Monate ins Gefängnis stecken? Und wer ist eigentlich uns?

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Vermutlich die, die Angst vor Kreshnik B. haben. Die wissen, dass er die kommenden Monate wohl an einem Ort verbringt, wo seine kruden Ansichten den besten Humus finden werden – bereits jetzt, berichtete eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe im Prozess, liefen in Kreshnik B.s Zellentrakt immer mehr junge Männer im Salafisten-Outfit durch die Gänge – und wahrscheinlich als einer rauskommt, der immer noch als Märtyrer sterben will und sich dafür auch das nötige Rüstzeug besorgt hat. Kreshnik B. ist der erste „Syrien-Heimkehrer“ der von einem deutschen Gericht verurteilt worden ist – daran hatte sein Anwalt noch einmal in seinem Plädoyer erinnert und angemahnt, dass dies beim Strafmaß keine Rolle spielen dürfe. Es könne genauso gut der dritte, siebte oder gar hundertste sein, das mache keinen Unterschied.

Das kann man auch ganz anders sehen. Ein Kreshnik B. mag possierlich wirken, drei von seinem Typ eher lästig, sieben bedrohlich. Hundert sind eine Terrorarmee. Vielleicht ist es vor allem das, was einem an Kreshnik B. Angst macht.

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