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Schlingensiefs Filmwerk: Gesamtkunstkino

Schlingensiefs Filmwerk war lange umstritten. Auch wenn seine Filme die Konventionen mit Füßen treten, vergessen sie nie, dass der Film eine Kunstform ist.

Christoph Schlingensief 1996 in Berlin bei Dreharbeiten zu seinem Film Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte Neue Deutscne Film.
Christoph Schlingensief 1996 in Berlin bei Dreharbeiten zu seinem Film "Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte Neue Deutscne Film".
Foto: dpa
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An der Ruhr wird man vielleicht nicht Europas Kulturhauptstädte finden, wohl aber eine Wiege des unabhängigen Films. Als Christoph Schlingensief in Oberhausen geboren wurde, gab es dort die weltbekannten Kurzfilmtage. Im Umkreis von 15 Kilometern wirkten der bedeutende Experimentalfilmer Werner Nekes und der subversive Filmerzähler Hellmuth Costard. Dessen Skandalfilm „Besonders wertvoll“ sprengte 1968 die Kurzfilmtage. Es war das erste Festival, das der achtjährige Schlingesief besuchte. Sofort machte er sich an sein Debüt in Normal 8. Zweimal lehnte ihn später die Münchner Filmhochschule ab, so lernte er sein Handwerk am Mülheimer Schneidetisch von Nekes. Helge Schneider, ein weiterer Mülheimer aus dem Umfeld von Nekes, begleitete Stummfilme auf dem Klavier. Später engagierte er Schlingensief als Kameramann und Co-Regisseur. So entstand 1994 von der Kunstwelt gänzlich unbemerkt Schlingensiefs einziger Kassenerfolg: „OO Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“.

In einer Zeit, als sich eine unterhaltungssüchtige Filmindustrie heftig vom Erbe des „Neuen Deutschen Films“ distanzierte, fielen Schlingensiefs in rasantem Fluss entstehende Filmwerke zwischen alle Stühle. Für die große Festivalkultur fehlte ihnen der nötige Ernst, für die Experimentalfilmszene der dort geschätzte Formalismus. Obwohl Schlingensief fast alles über das Kino wusste, versteckte er sein Handwerkszeug hinter der Maske des vermeintlichen Dilettanten. Die Freiheit, die ihm das bescherte, entschädigte ihn für die fehlende institutionelle Anerkennung. Wie nur wenige deutsche Filmkünstler machte er sich unabhängig von der Bürokratie der Förderinstitutionen. Und noch immer kann man dabei eine Gänsehaut bekommen. Etwa 1989 bei „100 Jahre Hitler – Die letzte Nacht im Führerbunker“, einer beklemmenden Performance in Schwarzweiß, beleuchtet von einem einzigen Handscheinwerfer. Gedreht für ein Budget von 14000 DM an einem einzigen Tag in einem Mülheimer Bunker kreuzt Schlingensief den falschen Verismus des Geschichtsfernsehens mit einem anderen damals erst erwachenden Medienphänomen: der Reality-Soap. Zugleich aber entsteht durch die klassische Filmtechnik und die Präsenz von Darstellern wie Udo Kier und Volker Spengler ein ästhetischer Überschuss. Dies ist typisch für Schlingensiefs Filme: Bei aller Provokation lassen sie sich nicht auf das Bloß-Satirische reduzieren. Auch wenn sie alle Konventionen des Mediums mit Füßen treten, eines vergessen sie dabei nie: Dass Film eine Kunstform ist.

In späteren Jahren kehrte Schlingensief dem geliebten Kino weitgehend den Rücken. Das Theater war ihm eine dankbarere Bühne, doch erst im Blick auf das ganze mediale Spektrum, das er beherrschte, zeigt sich seine Größe. Man muss schon zurückgehen zu Jean Cocteau und Orson Welles, um einen Virtuosen zu finden, der ähnlich über alle Gattungsgrenzen triumphierte.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  22 | 8 | 2010
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