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11. Oktober 2012

Auslöser und Symptome: Auch Kinder kennen Depressionen

Sind Kinder dauerhaft traurig und ängstlich, kann eine Depression dahinter stecken.  Foto: dpa-tmn

Depression ist nicht nur eine Krankheit von Erwachsenen. Auch Kinder kann sie treffen - mit ähnlichen Symptomen. Etwa vier bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden daran. Auslöser kann eine Trennung der Eltern sein, Mobbing oder Schulprobleme.

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Vor dem Fenster mit den geschlossenen Jalousien scheint die Sonne. Drinnen, hinter den Jalousien, ist es dunkel. Genauso wie in Elisas* Gedanken und Gefühlen. Das Mädchen kommt tagelang nicht aus ihrem Zimmer, hat sich aus Decken eine Höhle gebaut, verschwindet dort. Als die Depression Elisa fest umklammert hielt, war sie 15 Jahre alt. Doch die Krankheit kam viel früher.

Wann genau, weiß Jörg Lohgard nicht. Er kennt Elisa erst, seit sie mit 15 in die betreute Wohngruppe in Hamburg kam, in der er als Sozialpädagoge arbeitet. Kinder und Jugendliche mit einer besonders schweren Lebensgeschichte oder besonders gravierenden Problemen finden dort Hilfe. Elisa ist eine von ihnen.

Die Hälfte der Fälle bleibt unerkannt

Wie Elisa leiden sind vier bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland bis zu ihrem 18. Lebensjahr mindestens einmal unter Depressionen. Das ist etwa ein Kind in jeder Schulklasse. Damit gehören Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen. Die World Federation for Mental Health sieht in der Erkrankung gar eine globale Krise.

Doch die Hälfte der Fälle werde gar nicht erkannt, sagt der Kinder- und Jugendtherapeut und Fachbuchautor Martin Baierl aus Heuchlingen (Baden-Württemberg). Grund dafür sei oft, dass Eltern mit auffälligen Kindern nur zum Kinder- oder Hausarzt gehen. Wenn der nicht helfen kann, bleiben die Eltern oft allein. Wenn Kinder nicht mehr lachen können, keine Freude mehr an ihren Hobbys haben, sollten Eltern nicht nur zum Kinderarzt gehen, sondern unbedingt einen Psychologen oder Therapeuten aufsuchen, der sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert hat, betont Baierl.

Anzeichen für Depression:
Die Anzeichen für eine Depression sind bei Kindern ähnlich wie bei Erwachsenen. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, zählt verschiedene Symptome auf: Ständige Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Essstörungen gehören dazu. Auch Konzentrationsstörungen, Aggressivität, Schuldgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl können auf eine Depression hinweisen. „Depression hat viele unspezifische Symptome“, sagt Baierl. „Die endgültige Diagnose kann nur ein Facharzt stellen.“

Häufige Auslöser:
Ob ein Mensch zu Depressionen neigt, entscheiden die Gene. Ist ein Elternteil depressiv, sind auch die Kinder anfälliger. Ausgelöst wird die Krankheit aber häufig durch äußere, oft sehr einschneidende Faktoren. „Die häufigste Ursache ist die Trennung der Eltern“, sagt Schulte-Markwort. Aber grundsätzlich könne jede langanhaltende Belastung oder ein kurzfristiges, schweres Problem der Auslöser sein, erklärt Baierl.

Dazu gehören Überforderung in der Schule, Mobbing, Streit mit den Eltern, aber auch ein Migrationshintergrund und Probleme mit der fremden Kultur. Elisas Vater war Alkoholiker, die Eltern trennten sich, die alleinerziehende Mutter konnte sich nicht ausreichend um die drei Kinder kümmern. Elisa plagten Verlustängste und Selbstzweifel - typische Probleme, die mit einer Depression einhergehen.

Behandlung und Therapie:
Die Ängste sind für Außenstehende nicht immer real. Für das Kind schon. Deswegen sei es wichtig, die Traurigkeit und Ängste der Kinder ernst zu nehmen und zu würdigen, sagt Lohgard. Erst wenn das Kind sich mit seinen Problemen angenommen fühlt, kann es anfangen, diese Probleme zu lösen. Genauso wie Erwachsene brauchen Kinder Hilfe, um Depressionen zu überwinden. Nach der Diagnose folgt wie bei jeder Krankheit die Behandlung. Im Falle einer Depression ist das meist eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie. Bei einer mittleren bis schweren Depression wird die Behandlung in der Regel durch Antidepressiva unterstützt.

Beziehung zu den Eltern:
Doch die wichtigste Medizin gerade in dieser Zeit ist eine gute Beziehung zu den Eltern. Sie sollten Ansprechpartner sein, Fortschritte anerkennen und vor allem Geduld haben, empfiehlt Baierl. Denn wenn ein Kind wegen Depressionen nicht aus dem Bett kommt oder schlechte Noten nach Hause bringt, dann ist es nicht faul, sondern krank.

Depressionen vorbeugen:
Genauso wie bestimmte Lebensumstände Depressionen fördern, können andere Umstände vorbeugend wirken. Eine gute Atmosphäre zuhause, klare Grenzen, ein strukturierter Tagesablauf, ermutigende Worte der Eltern, Erfolgserlebnisse und Anerkennung stärken Kinder und machen sie immuner gegen die Folgen von Schicksalsschlägen und Belastungen. „Loben Sie ihr Kind“, rät Baierl. „Und lösen Sie Probleme gemeinsam.“ Bewegung, viel Licht, helle Räume sorgen außerdem für ein positives Lebensgefühl, fügt er hinzu. Und: „Eltern müssen auch dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, sonst können sie ihren Kindern nicht zur Seite stehen.“

Elisa ist heute 20 Jahre alt. Die Gesprächstherapie hat sie nach fünf Jahren abgeschlossen. Die Angstattacken sind vergangen. Doch die Traurigkeit bleibt. Drei Viertel aller Betroffenen erkranken im Laufe ihres Lebens erneut an Depression, sagt Baierl. Wichtig ist deswegen, in der Therapie den Umgang mit der Krankheit zu lernen. (dpa)

* Der Name wurde auf Wunsch der Betroffenen geändert.

Eine Broschüre für Eltern zum Umgang mit psychisch auffälligen Kindern gibt es hier zum Download und beim Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. als kostenpflichtige Bestellung.

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Quelle: Onmeda

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