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15. November 2012

Risiko Resistenz: Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Viele Patienten wissen zu wenig über Wirkung und Nebenwirkungen von Antibiotika.  Foto: dpa

Antibiotika haben schon viele Menschenleben gerettet. Doch bei allem Nutzen werden die Medikamente zunehmend zum Problem. Ein Grund: Werden sie häufig und falsch angewendet, entwickeln Bakterien Resistenzen. Die Keime können nicht mehr wirksam bekämpft werden.

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Die Entwicklung der Antibiotika gehört zu den Meilensteinen der modernen Medizin: Sie können etwa bei einer Lungenentzündung oder einer Blutvergiftung Leben retten. Und sie können die Symptome bakterieller Erkrankungen lindern und die Genesung beschleunigen. Im Vertrauen auf diese hohe Wirksamkeit werden jedoch mehr und häufiger Antibiotika verordnet und eingenommen, als notwendig und sinnvoll ist. Die große Gefahr dabei: Die zu bekämpfenden Bakterien wehren sich, die Antibiotika wirken über kurz oder lang nicht mehr. Der Europäische Antibiotikatag am Sonntag, 18. November, soll auf dieses Dilemma aufmerksam machen.

„Unser Ziel muss sein, Antibiotika so gezielt wie möglich einzusetzen, so wenig wie möglich und so viel wie nötig“, fasst Prof. Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in Frankfurt, zusammen. Auch Patienten können ihren Beitrag dazu leisten. „Es gibt durchaus Patienten, die beim Arzt eine Behandlung mit Antibiotika verlangen“, sagt Prof. Markus Dettenkofer vom Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. Er verweist auf Eltern mit schmerzgeplagten Kindern, aber auch auf Berufstätige, die rasch voll einsatzfähig sein wollen.

Gegen Viren und Pilze wirkungslos

„Viele Patienten wissen zu wenig über die Wirkweise von Antibiotika“, bestätigt auch Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in Berlin. Antibiotika gezielt einsetzen - das heißt zunächst: Sie dürfen nur verwendet werden, um bakterielle Infektionen zu behandeln. „Ganz unbestritten müssen Antibiotika bei einer Lungenentzündung, bei Verdacht auf Borreliose nach einem Zeckenbiss und bei Harnweginfektionen eingesetzt werden.“

Gegen Viren oder Pilze sind die Mittel wirkungslos. Nur: Um eindeutig zu unterscheiden, ob eine Infektion durch ein Virus oder ein Bakterium verursacht wurde, müsste der Arzt manchmal Urin oder Speichelproben im Labor untersuchen lassen. Das dauert meist mehrere Tage. So lange kann oder will manch ein Arzt oder auch Patient nicht warten. Das Ergebnis: Oft werden völlig sinnlos Antibiotika verschrieben und eingenommen. „Eine klassische Grippe wird meist durch Viren hervorgerufen“, erklärt Schröder. Ein Antibiotikum sei in diesem Fall nicht angebracht. Doch die völlig unwirksame Einnahme kommt offenbar häufig vor: Es sei zu beobachten, dass parallel zur Grippehäufigkeit die Antibiotikaverordnungszahlen im Winter steigen.

Umgang mit Mittelohrentzündungen

Die Erfahrung zeigt: Akute Mittelohrentzündungen verlaufen mit und ohne Antibiotika sehr ähnlich.
Die Erfahrung zeigt: Akute Mittelohrentzündungen verlaufen mit und ohne Antibiotika sehr ähnlich.
Foto: dpa

Antibiotika unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus. „Je nach Wirkstoffzusammensetzung hemmen sie entweder das Wachstum von Bakterien oder sie töten diese sogar“, erläutert Gerlach. Während einige Antibiotika gezielt bestimmte Erreger angreifen, wirken sogenannte Breitbandantibiotika wie Penizillin oder Tetracyclin gegen mehrere Bakterien. Kenne man den Erreger, dann könne und sollte man gezielt behandeln, sagt Gerlach. Ist der Erreger nicht bekannt, ist im akuten Fall eine versuchsweise Behandlung sinnvoll. „Man wird zuerst ein Breitbandantibiotikum einsetzen und parallel eine Diagnostik im Labor durchführen“, sagt Dettenkofer. Wenn das Medikament nicht anschlägt oder wenn die Laborergebnisse vorliegen, wird die Therapie angepasst.

Darüber hinaus muss nicht jede bakterielle Infektion sofort mit Antibiotika behandelt werden. So haben viele Ärzte ihren Umgang mit Mittelohrentzündungen mittlerweile geändert. „Bei einer akuten Mittelohrentzündung ist der Krankheitsverlauf mit und ohne Antibiotika sehr ähnlich“, sagt Gerlach. „Wir empfehlen deshalb folgende Strategie: Vier von fünf Kindern haben nach 24 Stunden keine Schmerzen mehr, wenn ihnen schmerzlindernde Mittel wie Säfte gegeben werden.“ Außerdem sind körperliche Schonung und - vor allem bei Fieber - ausreichend Flüssigkeitszufuhr angesagt. „Erst wenn die Beschwerden nach zwei bis drei Tagen nicht abklingen, sollte der Arzt aufgesucht werden und eine Antibiotikatherapie in Betracht gezogen werden“, sagt Schröder.

Zahlreiche Nebenwirkungen

Werden Antibiotika zu häufig eingesetzt, verlieren sie ihre Wirksamkeit.
Werden Antibiotika zu häufig eingesetzt, verlieren sie ihre Wirksamkeit.
Foto: dpa-tmn

Doch was tun, wenn eine Mutter am Freitagnachmittag mit ihrem vor Ohrenschmerzen weinenden Sprössling zum Kinderarzt kommt? „Wir geben Eltern dann auch eine Verordnung für ein Antibiotikum mit. Dieses können und sollen sie einlösen, wenn nach 48 Stunden keine Besserung eintritt. So fühlen sich die Eltern beruhigt“, erklärt Gerlach. In den allermeisten Fällen werde das Rezept nicht eingelöst.

Jede unnötige oder nicht zielgerichtete Antibiotikatherapie hat Folgen. „Antibiotika haben zahlreiche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Erbrechen“, betont Gerlach. Auch allergische Reaktionen zählen dazu. Hinzu kommt, dass Bakterien in kürzester Zeit erfolgreich natürliche Anpassungsmechanismen entwickeln oder ihr Erbgut verändern. So werden sie unempfindlich gegen einen oder mehrere Wirkstoffe.

Was die ambulante Behandlung erschwert, kann für Kleinkinder, für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder Krankenhauspatienten lebensgefährlich sein. „Bei schweren Verletzungen oder großen Operationen besteht immer die Gefahr, dass es zu einer bakteriellen Infektion wie einer Lungenentzündung oder einer Blutvergiftung kommt“, sagt Dettenkofer. Damit dann sofort ein Mittel verabreicht werden kann, das garantiert anschlägt, werden Risikopatienten bei einer Krankenhausaufnahme auf bestimmte Keime getestet. (dpa)

 

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Quelle: Onmeda

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