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Gesundheit
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22. August 2013

AOK-Fehlzeiten-Report 2013: Doping für den Job

 Von Stefan Sauer
Die Zahl der Arbeitnehmer, die an Alkoholsucht erkranken, ist in den letzten Jahren stark angestiegen.  Foto: dpa

Der Stress im Beruf wächst, leistungssteigernde Mittel verheißen Vorteile. Vor allem jüngere Arbeitnehmer putschen sich auf. Viele trinken. Gesundheitliche Folgen werden verdrängt. Jetzt kommt ein neues Problem dazu: pharmazeutische Aufputschmittel.

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Der Stress im Beruf wächst, leistungssteigernde Mittel verheißen Vorteile. Vor allem jüngere Arbeitnehmer putschen sich auf. Viele trinken. Gesundheitliche Folgen werden verdrängt. Jetzt kommt ein neues Problem dazu: pharmazeutische Aufputschmittel.

Das Risiko scheint gering, der Ertrag hoch. Es gibt Pillen, die die Leistungsfähigkeit erhöhen und das Durchhaltvermögen steigern. Es gibt Pillen, die die Stimmung heben und Angstgefühle vertreiben. Es gibt Pillen, die beruhigen und entspannen. Und es gibt immer mehr Menschen in Deutschland, die sich der pharmazeutischen Helferlein bedienen, um den Anforderungen am Arbeitsplatz gerecht zu werden. Zwischen 2002 und 2012 stieg die Zahl der Fehltage an den Arbeitsplätzen, die durch den Konsum stimulierender Medikamente verursacht wurden, um fast 400 Prozent. „Gehirndoping ist erkennbar auf dem Vormarsch“, kommentiert Uwe Deh, geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbands, die Ergebnisse des Fehlzeiten-Reports 2013, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Dabei würden die gesundheitlichen Gefahren ganz offenbar unterschätzt.

Von rund 8 000 auf knapp 30 000 ist die Zahl der durch Hirn-Doping bedingten Fehltage in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Verglichen mit den Schäden, die Alkohol und Tabak verursachen, erscheint das freilich immer noch lächerlich. So registrierte das wissenschaftliche Institut der AOK Wido 2012 gegenüber 2002 ein Plus von 350 000 Arbeitsunfähigkeitstagen auf 2,42 Millionen, die der Einnahme der Alltagsdrogen zugeordnet werden konnten. Allein die alkoholbedingten psychischen Folgeerscheinungen und Verhaltensstörungen führen zu mehr als einer Million Fehltage. Den volkswirtschaftlichen Schaden durch Tabak und Alkoholmissbrauch veranschlagt Deh auf 60,25 Milliarden Euro. Die Deutschen trinken sich arm.

Vor allem jüngere Arbeitnehmer greifen vermehrt auch zu leistungssteigernden Substanzen wie Amphetaminen.
Vor allem jüngere Arbeitnehmer greifen vermehrt auch zu leistungssteigernden Substanzen wie Amphetaminen.
 Foto: dpa

Enorme Dunkelziffer

Die AOK-Daten weisen gleichwohl nicht unbedingt auf einen steigenden Konsum der Alltagsdrogen hin. Es könne durchaus sein, dass immer mehr Ärzte Suchterkrankungen als solche erkennen, benennen und entsprechende Diagnosen stellten, so Wido-Vize Helmut Schröder. Eine solche Enttabuisierung sei durchaus zu begrüßen.

Zum anderen verweisen unterschiedliche Studien auf eine wachsende Verbreitung der pharmazeutischen Helfer: In einer Umfrage der AOK gaben fünf Prozent der Beschäftigten an, in den vergangenen zwölf Monaten leistungssteigernde Präparate ohne medizinische Notwendigkeit genommen zu haben. Von den unter 30-Jährigen waren es sogar gut acht Prozent. Einer Studie der DAK aus dem Jahr 2009 zufolge konsumieren rund 800 000 Menschen in Deutschland mehrmals pro Woche oder gar täglich Psychopharmaka, um am Arbeitsplatz bessere Leistungen zu erzielen oder Stressempfindungen zu dämpfen. Dabei bevorzugen Frauen vor allem angstlösende Präparate, Männer greifen öfter zu leistungssteigernden Mitteln. Nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems HIS aus Hannover bedient sich jeder zwanzigste Student mitunter des Hirndopings. An manchen Universitäten in den USA soll der Anteil regelmäßiger Konsumenten unter den Studenten sogar bei 25 Prozent liegen.

Rezepte vom Arzt

Die Bereitschaft zum Hirndoping nimmt aber auch in Deutschland laut Wido enorm zu. „Die neue Arbeitswelt mit ihren Anforderungen an Flexibilität, Erreichbarkeit und Mobilität ist der Nährboden für neue Süchte, so AOK-Chef Deh. Dabei ist es offenbar kein Problem, sich eigentlich verschreibungspflichtige Substanzen zu beschaffen. Im Internet können Psychopharmaka aller Art aus dem Ausland bezogen werden, das gegen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) Kindern verschriebene Ritalin wird nicht selten von den Eltern konsumiert, während Präparate gegen die Demenz der Großmutter wiederum von deren Kindern veruntreut.
Am einfachsten scheint freilich der direkte Gang zum Arzt. Bei einem Abgleich der ärztlichen Verordnungen und Diagnosen stellte die DAK fest, dass nur 2,7 Prozent des Wirkstoffs Piracetam gegen Demenz einem Versicherten mit dieser Diagnose verschrieben wurden. 83 Prozent der Patienten bekamen Rezepte mit diesem Wirkstoff, obwohl bei ihnen keine Demenz diagnostiziert wurde. Weitere 15 Prozent erhielten das Mittel ohne jede Diagnosestellung.

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