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07. November 2013

Fleisch-Konsum und Vegetarier: So was geht gaaar nicht!

 Von Hilal Sezgin
Voll glücklich: Kühe, wie wir sie sehen wollen.  Foto: Michael Schick

Hilal Sezgin hat viele Freunde. Die meisten essen nur noch gaaanz wenig Fleisch. Und wenn, dann natürlich nur "vom Bauern des Vertrauens um die Ecke". Hilal Sezgin fragt sich, wo all die Landwirte am Prenzlauer Berg wohl ihre Höfe versteckt haben.

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Hilal Sezgin hat viele Freunde. Die meisten essen nur noch gaaanz wenig Fleisch. Und wenn, dann natürlich nur "vom Bauern des Vertrauens um die Ecke". Hilal Sezgin fragt sich, wo all die Landwirte am Prenzlauer Berg wohl ihre Höfe versteckt haben.

Was ein Glück, dass ich nur tierfreundliche, bewusste Konsumenten kenne. Ich meine jetzt nicht die Veganer, auch die anderen. All sie sind gegen Massentierhaltung. Sie verabscheuen Tiertransporte. Wenn man ihnen erzählt, dass den Milchkühen die neugeborenen Kälber weggenommen werden, verziehen sie das Gesicht. Neulich haben sie den TV-Bericht über das Elend der Mastputen gesehen – so was geht gaaar nicht!
All diese Leute würden nie Fleisch „im Supermarkt“ kaufen, schon gar nicht „bei Aldi“. Sie kaufen „nur bio“, am liebsten Fleisch, bei dem man „weiß, wo es herkommt“. „Regional“ also. Viele kaufen daher auf dem Erzeugermarkt, beim „Bauern um die Ecke“ oder dem „Bauern ihres Vertrauens“.

Vor allem die Berliner, die ich kenne, kaufen durch die Bank bei diesem Bauern des Vertrauens oder eben dem um die Ecke, und weil die meisten Berliner, die ich kenne, in Prenzlauer Berg leben, muss die Bevölkerungs- und Bewirtschaftungsdichte vertrauensvoller Landwirte dort ganz besonders hoch sein. Dachte ich lange. Dann hörte ich, von anderen Veganern, dass deren Bekannte ebenfalls alle beim Bauern um die Ecke kaufen. Anscheinend kennen wir alle dieselben Leute, oder diese Leute kaufen alle bei denselben Bauern.

Das Paradoxe ist, dass ich selbst mitten im Agrarland Niedersachsen lebe und nicht wüsste, wo ich hier ein Schwein, Kalb oder Ei meines Vertrauens her bekäme. Typisches Stadt-Land-Gefälle! Vermutlich gibt es von jedem xbeliebigen Punkt in jeder xbeliebigen Großstadt aus irgendwo eine entscheidende Ecke, um die man nur herumgehen muss, um zu den diversen Bauernhöfen des Vertrauens zu gelangen, wo glückliche Kälbchen mit Mamis rumspringen, auf grünen Wiesen natürlich, und später liebevoll in den Schlaf gesungen werden. Erst wenn sie nie wieder aufwachen, werden sie von meinen Freunden gekauft und gegessen.

Oder jedenfalls, wenn sie sonstwie friedlich aus dem Leben geschieden sind. Es sind ja inzwischen alle Menschen gegen industrielle Schlachthöfe, sie befürworten eine „humane Schlachtung“. Neulich las ich irgendwo: „artgerechte Schlachtung“. Auf das artgerechte Einsperren, das humane Kälberwegnehmen, das tierschutzkompatible Zwangsbesamen, sanfte Hodenabschneiden und kreaturgerechte Schnabelkürzen folgt dann die artgerechte Schlachtung ihres Vertrauens.

50 Prozent Vegetarier - gefühlt

Solches Fleisch kann man essen – aber eh nur ganz selten. Wir essen „nur noch wenig Fleisch“, sagen die meisten, jedenfalls „viel weniger als früher“. Wenn man diversen Straßenumfragen glaubt, leben in Deutschland fast 50 Prozent Vegetarier – halt gefühlt. Man fühlt sich so, wie man gerne wäre; und insbesondere wenn da so ein Interviewer mit Klemmbrett auf einen zukommt, hört man die Stimme des Gewissens vernehmlich.

Etwas anders gelagert ist folgendes Argument gegen den Vegetarismus: dass die Inuit bei sich zu Hause kein Gemüse anbauen können, also Fleisch essen müssen. Also isst auch der Deutsche Fleisch nur aus Solidarität mit den Inuit. Oder mit den Armen in Deutschland. Von einem völligem Mangel an sozialem Bewusstsein sprach es daher, als meine Freundin Katrin S. neulich fragte: „Wenn alle nur beim Bauern des Vertrauens kaufen, warum liegt in ihrem Kühlschrank der Gouda von Ja! und das Hack vom Kaufland?“ – Mensch, Katrin, das ist doch nur solidarisches Hack! Gewiss machen diese Menschen auch Skiurlaub, trinken teuren Wein und fahren Autos, die sich arme Leute nicht leisten können. Aber irgendwo muss Solidarität ja anfangen!

Es ist nicht so, dass ich all das nicht verstehe. Ich werfe ganz selten Essen weg, und überhaupt verbrauche ich wenig. – Mein Mülleimer lässt anderes vermuten. – Ich würde von mir auch sagen, dass ich Dinge lieber reparieren lasse, als sie neu zu kaufen. – Wo kann man noch etwas reparieren lassen? – Bis vor kurzem glaubte ich sogar, dass ich Socken stopfe, statt sie wegzuschmeißen! Bis ich all die Socken, die ich nicht wegschmeiße, in der Schublade mit der Schuhcreme fand. Zum Schuheputzen. (Ich putze nie Schuhe.) Ich kaufe viel ein, ich schmeiße viel weg, ich fahre Auto. So sieht’s aus. Diese Diskrepanzen im Selbstbild sind vermutlich nur menschlich.

Menschlich ist aber auch, mal zu erkennen, wenn es um etwas geht. Sich einen Schubs zu geben. Sich etwas vorzunehmen. Ist der Mensch an sich gut, ist er böse? Keine Ahnung. Aber wir können besser werden.

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