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08. Oktober 2013

Krankenhäuser : "Kliniken nicht auf Sterbende vorbereitet"

Menschenwürdiges Sterben ist in deutschen Krankenhäusern kaum möglich, so eine Studie.  Foto: Andreas Arnold

Experte Wolfgang George über die schweren Mängel bei der Betreuung todkranker Patienten in Krankenhäusern, die eine Gießener Studie offenbart hat.

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Experte Wolfgang George über die schweren Mängel bei der Betreuung todkranker Patienten in Krankenhäusern, die eine Gießener Studie offenbart hat.

Jeder zweite Schwerstkranke stirbt im Krankenhaus – knapp die Hälfte von ihnen unter menschenunwürdigen Umständen. So das Ergebnis einer Umfrage unter Pflegekräften und Ärzten in 212 Kliniken. Das Personal sei zu knapp und nicht ausgebildet, bemängelt der Leiter der bundesweit einmaligen Studie, Wolfgang George. Bei 40 Prozent der Todkranken würden unnötige medizinische Therapien vorgenommen. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und der Deutsche Hospizverband fordern seit langem, die Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen als wichtige Säule in Pflegeeinrichtungen anzuerkennen. Doch die Realität ist eine andere: Laut Patientenschützern werden Schwerstkranke in den letzten zwei Lebensjahren zwischen Pflegeheim, Krankenhaus und Zuhause bis zu fünfmal hin und hergeschoben.

Herr George, 90 Prozent der Menschen wollen zuhause sterben. Die Hälfte stirbt im Krankenhaus, eigentlich dem Ort der Heilung. Sind Kliniken auf das Sterben vorbereitet?

Der zentrale Handlungsauftrag der Klinikmitarbeiter ist das Heilen und Genesen zu unterstützen. Darauf richtet sich die Haupt-Aufmerksamkeit, das ist das Kerngeschäft. Die Sterbebetreuung bleibt eher an der Peripherie.

Meinen Sie räumlich? Was ist dran an den Horrorgeschichten, in denen Sterbende auf den Gang oder in die Besenkammer geschoben werden?

Wolfgang George

Wolfgang George leitet das Transmit-Zentrum für Versorgungsforschung und Beratung in Gießen. Er hat vor 25 Jahren Beschäftigte von 70 Krankenhäusern zur Sterbesituation an ihrem Arbeitsplatz befragt. In die aktuelle empirische Studie flossen 1400 Fragebögen aus 212 deutschen Krankenhäusern ein. Bei einem Kongress am 12. Oktober werden sie diskutiert. Mehr dazu hier. (jur)

Das ist nicht mehr so. Im Krankenhaus wird auf unterschiedlichen Stationen gestorben. Die onkologischen Stationen sind am besten vorbereitet, weil dort viele Schwerstkranke betreut werden. Dann gibt es die Intensivstationen, der Ort, an dem es die problematischsten Befunde gibt. Da ist der Tod ein stets drohendes Szenario. Dann haben wir noch die allgemeinen Stationen. Auch dort versterben viele Patienten. Alle drei eint, sie sind nicht wirklich auf die Betreuung Sterbender ausgerichtet.

Aber die Palliativmedizin, die lediglich Schmerzen lindert, hat doch große Fortschritte gemacht.

Palliative Angebote gibt es ungefähr nur in jedem zehnten Krankenhaus. Und selbst in einer Universitätsklinik muss eine Palliativstation nicht in alle anderen Arbeitsbereiche hinein wirken. Jeder Krankenhausbereich bleibt für sich und damit werden durchaus bestehende Möglichkeiten vergeben.

Was ist mit Hospizen? Sind die die Lösung?

Tatsächlich liegt die Zahl der Menschen, die dort sterben, im einstelligen Bereich. Es gibt eine Ungleichheit zwischen öffentlicher Wahrnehmung, die der Hospizbewegung viel Aufmerksamkeit schenkt, und der stationären Versorgung.

Woran scheitert menschenwürdiges Sterben?

Es sind insbesondere die Ressourcen. Die Helfer wissen beispielsweise, dass die Angehörigen integriert werden müssten. Doch ihnen fehlt häufig die Zeit und auch praktische Erfahrung, wie die Angehörigen angeleitet werden können. Es ist zwangsläufig, dass in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen der Sterbeprozess die zunehmend standardisierten und optimierten Abläufe irritiert.

"Die Ärzte sind nicht angemessen vorbereitet"

Meinen Sie mit Ressourcen das knappe Personal? Dass wie am Fließband alles funktionieren muss?

Ja, aber ich meine aber auch Strukturqualität. Dazu gehört etwa die Ausbildung des Personals. Von den 270 befragten Ärzten gab es keinen, der gesagt hätte, er habe eine sehr gute oder auch nur gute Ausbildung in diesem Bereich gehabt. Die Ärzte treten ihre Tätigkeit an, ohne als Studenten angemessen vorbereitet worden zu sein.

Sie haben ihre Befragungen in Krankenhäusern aller Größen gemacht. Gibt es Unterschiede?

Sie sind nicht stark. Im Trend sind die Bedingungen für Sterbende in großen Einrichtungen schwieriger als in den kleinen Häusern der Grund- und Regelversorgung.

Schneiden die konfessionellen Träger besser ab?

Auch hier sind die Effekte nicht stark ausgeprägt. Aber die frei gemeinnützigen Träger, in der Regel die Konfessionellen, sind im Trend besser. Ohne dass sie richtig gut sind.

Was macht gutes Sterben aus?

Dass viel von dem aufrechterhalten bleibt, was der Sterbende zuhause für sich beanspruchen kann. Unsere Krankenhäuser sollten den Palliativgedanken sehr viel stärker zum Leitfaden des Geschehens in allen Arbeitsbereichen des Krankenhauses machen. Andere Nationen wie Irland sind da weiter.

"Angehörige sollten die Grundpflege übernehmen"

Wie sieht das konkret aus?

Die räumlichen Bedingungen müssen stimmen. Angehörige müssen ermutigt und angeleitet werden, die Grundpflege des Sterbenden zu übernehmen. Diese Chance, sich voneinander zu verabschieden, sollten die Profis ihnen nicht aus der Hand nehmen. Familien können das. Das weiß man auch aus dem ambulanten Bereich. Doch leider können tatsächlich nur die wenigsten im häuslichen Bereich sterben.

Warum können immer weniger Menschen daheim sterben?

Das geben die demografischen Entwicklungen nicht her. Wir haben einen riesigen Druck auf die großen Städte. Die Fragilitäten der Familien nehmen immer mehr zu. Also wird das Krankenhaus auch weiterhin Sterbeort sein. Wenn alle Ressourcen zur Verfügung stehen – ein guter Sterbeort.

Sie haben die gleiche Studie von vor 25 Jahren wiederholt. Was hat sich denn in diesem Zeitraum geändert?

Es wird mehr in stationären Pflegeeinrichtungen gestorben. Damals hatten 80 Prozent der Befragten geantwortet, an unserem Arbeitsplatz ist das Sterben in der Regel nicht mit dem zentralen Postulat der Menschenwürde vereinbar. Heute sagen das immer noch 40 Prozent. Das belastet auch die Helfer. 20 Prozent der Befragten sagen, dass sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrung mehr Angst vorm Sterben haben.

"Zu viele lebensverlängernde Maßnahmen"

Das heißt, es hat sich wenig verbessert?

Insgesamt sind die Bedingungen als problematisch, aber nicht mehr so katastrophal wie vor 25 Jahren einzuschätzen. Es sind immer noch viele Mitarbeiter die sagen, dass es nicht gut läuft. Dass an Sterbenden zu viele unnötige lebensverlängernde Maßnahmen durchgeführt werden. Und zwar deutlich zu viel. 40 Prozent geben dies an. Das sind Alarmsignale, da muss man genau hinschauen. Es hat sich noch immer keine hinreichende Sterbekultur etabliert. Das hatten wir so nicht erwartet.

Könnte es daran liegen, dass mit lebensverlängernden Maßnahmen Geld zu verdienen ist?

Die Hälfte der Sterbenden im Krankenhaus ist über 75 Jahre alt. Auf der anderen Seite stehen die Fakten, dass diese in den letzten Wochen ihres Lebens nochmal sehr hohe Kosten verursachen. Jetzt kann man die beiden Tatsachen zueinander bringen.

Was ist schlimm daran, mögliche Gründe zu benennen?

Uns ist es sehr wichtig, dass man neue strukturelle Überlegungen formuliert. Wir wollen erreichen, dass an den problematischen Bedingungen gearbeitet wird, dass zuvor sorgfältiger hingeschaut wird. Es kann nicht sein, dass das Sterben im Krankenhaus Terra Incognita ist. Ungefähr 400 000 Menschen sterben dort jährlich. Ebenso viele in den Altenpflegeeinrichtungen, wo es erfahrungsgemäß eher problematischer ist, weil das Personal noch schlechter ausgebildet und noch weniger vorhanden ist.

Interview: Jutta Rippegather

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