„Im Lebensmittelmarkt läuft etwas grundlegend schief. Zwischen Werbe- und Produktrealität klafft oft eine große Lücke, die Politik und Hersteller schließen müssen“, fordert Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Anlass ist eine neue Studie im Auftrag der Verbraucherschützer. Billen fordert deshalb strengere Regeln und mehr staatliche Siegel für Lebensmittel. „Es reicht nicht aus, auf Freiwilligkeit zu setzen.“
Ein Joghurt für starke Knochen oder ein Getränk für eine gesunde Verdauung - bei solchen Versprechen auf Lebensmittelpackungen sollten Verbraucher skeptisch sein, rät Alexandra Borchard-Becker, Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucher Initiative in Berlin. Denn noch sind die gesetzlichen Regelungen, welche Behauptungen der Hersteller über die gesundheitsfördernde Wirkung seines Produkts aufstellen darf und welche nicht, nicht vollständig.
Viele Merkmale sind schwer nachprüfbar
Auch anderen Angaben auf Lebensmittelverpackungen sollte der Verbraucher beim Einkauf nicht einfach blind vertrauen. Das ist das Ergebnis der Studie „Trends in der Lebensmittelvermarktung“, die die Agrifood Consulting GmbH im Auftrag des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv) erstellt hat.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass viele Merkmale, über die der Verbraucher gerne Bescheid wüsste, schwer nachprüfbar sind. Etwa ob ein Lebensmittel biologisch und regional hergestellt wurde. Denn die Regeln für die Kennzeichnung und Aufmachungen sind unklar. Und es fehlt an Siegeln.
Diese Lücke würden Hersteller zum Teil mit plakativen Werbeaussagen füllen, die einem Realitätscheck häufig nicht standhalten. Das belegen die Fälle, die auf dem Portal Lebensmittelklarheit dokumentiert werden. Beispiele für irreführende Werbeaussagen, von den Verbraucherschützern zusammengestellt, zeigen wir in der Bilderstrecke unten.
Mehr Klarheit bei Siegeln und Kennzeichnung
Die Lebensmittelbranche weist die Kritik zurück. „Die Unternehmen kennzeichnen die Produkte umfassend, verständlich und auf der Grundlage der geltenden gesetzlichen Regelungen auf den Verpackungen“, teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie mit. Die Qualität der Lebensmittel habe sich in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig verbessert.
Und auch wenn nach Ansicht der Verbraucherschützer mehr Klarheit bei Siegeln und Kennzeichnung bestehen sollte. Ganz alleingelassen ist der Verbraucher im Supermarkt tatsächlich nicht. Es gibt auch Angaben, denen man in der Regel immer vertrauen kann: Dazu zählen laut Ernährungsexpertin Borchard-Becker die Zutatenlisten und die Nährwertangaben. Auch die Biolabel und die einfachen Herkunftsangaben sind vertrauenswürdig.
Das Internetportal Lebensmittelklarheit der Verbraucherzentralen wurde ins Leben gerufen, um über die irreführende Kennzeichnung von Lebensmitteln zu informieren. Verbraucher können dort Produkte melden, von deren Aufmachung sie sich getäuscht fühlen. Die Hersteller nehmen dazu Stellung. Wir zeigen Beispiele, die die Verbraucherzentrale zusammengestellt hat. Etwa das mit dem Phantasienamen „in Love Schokokiss“ beworbene Schokoladendessert. In den Zutaten der Süßspeise sind nur drei Prozent Schokolade aufgeführt.
Foto: Verbraucherzentrale(dpa/ef)
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