Wer beim Kauf von Aspirin, Ibuprofen und Co. gerne klotzt und die preiswerten 20er- oder 50er-Packungen erwirbt, wird womöglich bald kleckern müssen. Ein Ende der Großpackungen ist in Sicht, zumindest der rezeptfreien.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) in Bonn möchte Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen von einer bestimmten Packungsgröße an verordnungspflichtig machen. Rezeptfrei sollen nur solche Mengen bleiben, die für eine viertägige Eigenbehandlung die empfohlene Maximaldosis nicht überschreiten. Von Ibuprofen etwa dürften dann nur noch Packungen mit 4,8 Gramm Wirkstoff frei erhältlich sein, beispielsweise 12 Tabletten à 400 Milligramm. Für Paracetamol gibt es bereits eine solche Regelung. Seit 2009 ist das schmerzstillende und fiebersenkende Mittel nur in Packungen mit maximal 10 Gramm rezeptfrei.
Nun liegt es an dem zuständigen Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht, ob er den Bfarm-Antrag befürwortet oder nicht. Das Gremium wird an diesem Dienstag in Bonn darüber diskutieren. „Wir wollen die Patienten für die Risiken sensibilisieren und deutlich machen, dass auch freiverkäufliche Schmerzmittel mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein können und einen verantwortungsbewussten Umgang erfordern“, sagt Bfarm-Sprecher Maik Pommer.
Schäden an der Leber
Die Risiken sind unbestritten: Hohe Dosen Paracetamol richten die Leber zugrunde; Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen setzen auf Dauer der Magenschleimhaut zu und können zu Magenblutungen führen.
Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) ist dennoch entschieden gegen eine Begrenzung der Größen. Auf den Beizetteln sei vermerkt, dass die Mittel ohne ärztlichen Rat nicht länger als vier Tage eingenommen werden sollen, sagt Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft im BAH. „Wir sollten nicht so tun, als wenn der Verbraucher zu dumm wäre, das zu begreifen.“
Der Pharmalobbyist verweist auf den maßvollen Schmerzmittelkonsum. „Die Menge der Schmerzmittel, die die Deutschen einnehmen, ist seit Jahren konstant und im europäischen Vergleich sehr niedrig“, sagt Kroth. Er schließt daraus, dass es eine gewisse Menge Schmerz im Land gibt, die mit einer gewissen Menge an Schmerzmitteln bekämpft werden muss – egal ob aus 12er-, 20er- oder 100er-Packungen.
Dass die Industrie finanzielle Einbußen befürchtet, weist er von sich. „Es wird alles eher umständlicher für die Patienten und aufwendiger für die Ärzte“, sagt Kroth. Nach BAH-Angaben setzten Pharmafirmen hierzulande 449 Millionen Euro im Jahr mit rezeptfreien Schmerzmitteln um. Zum Vergleich: Hustenmitteln bringen 1,2 Milliarden Euro ein. Der gesamte Pharmamarkt beläuft sich auf 39 Milliarden Euro.
Viele Ärzte sagen zu dem Bfarm-Antrag: „Ja, aber.“ So auch Wolf-Dieter Ludwig, Krebsmediziner am Helios Klinikum in Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. „Prinzipiell ist die Reduzierung der Packungsgrößen richtig. Sie ist ein wichtiges Signal für die Patienten. Allerdings sollte über die Vier-Tage-Grenze noch einmal nachgedacht werden“, findet Ludwig. Mengen für eine Behandlung von bis zu sieben Tagen rezeptfrei zu lassen, würde allzu häufige Apotheken- und Arztbesuche vermeiden.
Bfarm-Sprecher Pommer beharrt aber: „Risiken bestehen vor allem dann, wenn Schmerzmittel über mehr als vier Tage eingenommen werden. Vielen Patienten sind diese Risiken nicht ausreichend bewusst.“ Unerwünschte Wirkungen nicht-rezeptpflichtiger Schmerzmittel führen dem Statistischen Bundesamt zufolge jährlich zu etwa 3 300 Krankenhauseinweisungen. Darüber hinaus verzeichnen die Giftinformationszentren jedes Jahr Tausende Vergiftungsfälle mit Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac und ASS.
Ein zweiter Antrag, über den der Verschreibungspflicht-Ausschuss beraten wird, ist noch umstrittener. Kay Brune, Pharmakologe an der Universität Erlangen, möchte damit eine generelle Rezeptpflicht für Paracetamol erwirken. Denn anders als die übrigen Schmerzmittel wurde Paracetamol – und auch Aspirin – von der Rezeptpflicht befreit, ohne dass die Wirkstoffe und ihre Risiken gründlich erforscht wurden. „Paracetamol kann zudem bei absichtlicher oder unabsichtlicher Dosisüberschreitung zum Tode führen“, sagt Brune. Substanzen wie Ibuprofen und Naproxen seien nicht tödlich.
Veraltete Arznei
Brune bereiten besonders Auswirkungen auf die Leber Sorge. „Anders als andere rezeptfreie Schmerzmittel schädigt Paracetamol die Leber – und das schon in relativ geringer Dosis“, sagt Brune. Für Alkoholiker oder Hepatitispatienten sei das eine Gefahr. „Paracetamol hat auch nicht die immer gepriesenen Vorteile“, sagt Brune. Es lindere Schmerzen nur schwach, könne der Magenschleimhaut zusetzen und erhöhe den Blutdruck und damit das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Studien deuten zudem auf ein erhöhtes Asthmarisiko von Kindern hin, deren Mütter in der Schwangerschaft das Schmerzmittel eingenommen haben. „Paracetamol ist veraltet, gefährlich und überflüssig“, sagt Brune.
Paracetamol wirkt fiebersenkend und schmerzstillend, aber nicht entzündungshemmend. Seine Vorteile: Es schädigt den Magen-Darm-Trakt kaum, macht bei allergischer Veranlagung selten Probleme und verlängert kaum die Blutgerinnungszeit. Bei gelegentlicher Einnahme in geringer Dosierung ist es auch in der Schwangerschaft und Stillzeit erlaubt. Nachteile: In höherer Dosis schädigt es die Leber. Tabu ist es bei Menschen, deren Leber geschädigt ist. Maximale Tagesdosis bei Erwachsenen: 4 Gramm.
Viele Ärzte sind jedoch skeptisch. „Dem Argument, dass Paracetamol eine alte, schlecht untersuchte Arznei ist, kann ich folgen. Aber es ist einfach nicht zu leisten, alle alten Mittel aufwendig neu zu testen“, sagt Wolf-Dieter Ludwig. Zu den weiteren genannten Nebenwirkungen wünscht er sich gründliche Analysen durch die Arzneimittelbehörden.
Wie viele Ärzte ist Ludwig dafür, bei Paracetamol einstweilen alles beim Alten zu belassen. Auch der pharmakritische Wolfgang Becker-Brüser vom Arznei-Telegramm in Berlin hält die Rezeptpflicht ab 10 Gramm für ausreichend. Paracetamol sei besonders für Patienten mit Magenproblemen eine wichtige Alternative. Becker-Brüser: „Wegen jeder Paracetamoltablette zum Arzt zu müssen, würde die Praxen mit banalen Anlässen überlasten.“
Trocken, dunkel und kühl lagern
Ärzte und Apotheker raten dazu, Medizin möglichst trocken, dunkel und eher kühl zu lagern. Denn Wärme, Feuchtigkeit und Licht können die Wirksamkeit der Arzneimittel beeinträchtigen.
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