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04. Oktober 2012

Ursachen und Behandlung: Epilepsie - elektrische Gewitter im Gehirn

Bei epileptischen Anfällen entladen sich Nervenzellen wie in Gewitter im Gehirn.  Foto: dpa

Epilepsie kommt nicht selten vor. Doch viele verschweigen ihr Leiden, denn die plötzlichen Krampfanfälle machen Außenstehenden oft Angst. In zwei Dritteln der Fälle wirken Medikamente gegen die Anfälle, manchmal nur eine Operation.

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Plötzlich ist da wieder dieses seltsame Kribbeln, das vom Magen bis zur linken Wange aufsteigt. „Und dann setzt sich eine Angstspirale in Gang, denn man weiß genau: der nächste Anfall steht kurz bevor“, erinnert sich Thomas Porschen, Vorsitzender des Landesverbands für Epilepsie-Selbsthilfe Nordrhein-Westfalen. 15 Jahre lang hatte er immer wieder epileptische Anfälle. Im Job, beim Einkauf, auf der Straße. Er sackte zusammen, verlor das Bewusstsein. Als er wieder aufwachte, standen fremde Menschen um ihn herum. „Ich brauchte jemanden, der mit ruhiger Stimme fragt: Geht es dir gut, ist alles in Ordnung?“ Doch die Augenzeugen waren nur panisch und laut. „Die wussten einfach nicht, was sie tun sollten, und waren hilflos.“

Dabei ist Epilepsie mit einer Erkrankungswahrscheinlichkeit von rund einem Prozent in der Bevölkerung etwa so häufig wie Gelenkrheuma. „Epilepsie ist nicht als isolierte Erkrankung zu verstehen, sondern als Miterkrankung“, sagt Thomas Mayer, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie in Bielefeld. Sie beruht auf einer Funktionsstörung des Gehirns. „Das kann etwa eine genetische Störung, ein Tumor, eine Schädelhirnverletzung durch einen Unfall oder ein Schlaganfall sein, und im Rahmen dessen kann es zu Anfällen kommen.“

Nervenzellen entladen sich ungezielt

Entgegen der Vorurteile ist Epilepsie keine geistige Behinderung. „Viele Patienten sind in leistungsreichen Positionen tätig“, fügt Prof. Christian Elger von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Berlin hinzu. „Wenn die Ursache der epileptischen Anfälle aber die Gesamtleistungsfähigkeit des Gehirns einschränkt, kann es neben den Anfällen auch zu einer intellektuellen Beeinträchtigung kommen.“

Um von Epilepsie zu sprechen, müssen sich mehrere Anfälle über einen gewissen Zeitraum von selbst wiederholen. „Aber bereits nach einem ersten Anfall würde man mit einer Therapie anfangen, wenn man ein hohes Risiko einer beginnenden Epilepsie feststellt“, sagt Mayer. Das könne beispielsweise bei Patienten sein, die nach einem Schädelhirntrauma mit Gehirnverletzungen einen ersten Anfall haben und im Bereich der Hirnverletzung Auffälligkeiten im EEG zeigen.

Epileptische Anfälle sind wie elektrische Gewitter im Gehirn. Nervenzellen entladen sich unbewusst und ungezielt. „Das kann in einem kleinen Areal beginnen und sich über das ganze Gehirn ausbreiten“, erläutert Mayer. Die Anfallsformen reichen von sekundenlangen Abwesenheiten, in denen Betroffene wie abgeschaltet wirken, über Wahrnehmungsstörungen und merkwürdig erscheinende Verhaltensweisen wie plötzliches Brummen bis hin zu großen Krampfanfällen.

Anfallsserie ist lebensgefährlich

„Da werden die Patienten ganz steif und entwickeln enorme Kräfte, sie zucken rhythmisch, werden bewusstlos und stürzen zu Boden, wobei sie sich teilweise Knochenbrüche zuziehen können“, sagt Elger. Vielen Menschen macht diese Erscheinung Angst. „Das dauert aber maximal nur eineinhalb Minuten. Bis sich die Betroffenen reorganisiert haben, vergeht manchmal eine halbe Stunde oder mehr.“

Elektroenzephalogie, die Messung der Hirnströme mit Elektroden, ist bis heute wichtigstes Diagnostikmittel zur Erkennung von Epilepsie.
Elektroenzephalogie, die Messung der Hirnströme mit Elektroden, ist bis heute wichtigstes Diagnostikmittel zur Erkennung von Epilepsie.
Foto: dpa

Ein einzelner Anfall schadet dem Gehirn nicht. Tritt einer auf, können ihn Außenstehende nicht direkt behandeln und müssen abwarten, bis er abgelaufen ist. „Sie sollten aber bei dem Betroffenen bleiben, ihn ansprechen und vor Verletzungen infolge des Zuckens schützen“, rät Mayer. Sobald der Betroffene ruhig ist, sollte er in die stabile Seitenlage gebracht werden. „Dauern die Krämpfe jedoch fünf Minuten oder länger an, muss man davon ausgehen, dass sich eine Anfallsserie oder ein Status von Anfällen ereignet.“ Da das lebensgefährlich ist, müsse der Notarzt gerufen werden.

Epilepsieherd im Gehirn identifizieren

Zur langfristigen Behandlung werden vorrangig Medikamente eingesetzt. „Bei etwa zwei Drittel aller Patienten führen sie erwiesenermaßen zur Anfallsfreiheit“, sagt Elger. An den Ursachen ändern sie aber nichts. „Deshalb kommt es nach einer möglichen Absetzung der Medikamente mit hoher Wahrscheinlichkeit zu neuen Anfällen, oftmals mit Verzögerungen von bis zu einem Jahr und mehr.“ Manche wiegen sich dabei in vermeintlicher Sicherheit und fahren wieder alleine Auto oder gehen alleine schwimmen.

Wenn die Behandlung mit Medikamenten auch nach mehreren Versuchen nicht wirkt oder die Patienten Nebenwirkungen wie Müdigkeit nicht vertragen, kommen alternative Behandlungsformen in Betracht. Eine Möglichkeit ist ein chirurgischer Eingriff. „Patienten können dadurch auch ohne Medikamente langjährig anfallsfrei bleiben“, sagt Elger. „Allerdings muss man den Epilepsieherd im Gehirn eindeutig identifizieren, was eine aufwendige Vordiagnostik erfordert und nur für einen Teil der Patienten infrage kommt.“

Notfallausweis kann Ängste lindern

Auch wenn Epilepsie gut behandelbar ist, lassen sich die Anfälle nicht vorhersagen. An dieser Unsicherheit leiden Betroffene wie Angehörige. Ein Epilepsie-Notfallausweis kann ihre Ängste etwas lindern. „Wenn ihn Menschen mit schwerer Epilepsie bei sich tragen, fühlen sie sich sicherer und trauen sich wieder auf die Straße“, sagt Porschen. Der behandelnde Arzt trägt hierzu die jeweilige Anfallsform sowie konkrete Schritte für eine Notfallbehandlung ein.

Neben den Anfällen werden Menschen mit Epilepsie oft auch von den Sorgen und Ratschlägen ihrer Angehörigen und Freunde eingeengt. In der Regel wollen sie aber genauso behandelt werden wie alle anderen auch. „Dafür müssen sie ihrem Umfeld deutlich machen: Schränkt mich bitte nicht ein, ich weiß ganz genau selbst, wo meine Grenzen liegen“, sagt Porschen. Ein gemeinsamer Besuch beim behandelnden Arzt könne Epilepsiepatienten dabei unterstützen. (dpa)

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Quelle: Onmeda

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