Jedes fünfte Kind ist übergewichtig, Tendenz steigend. Wissen über gesunde Lebensmittel? Fehlanzeige. Regelmäßiger Sport? Auch oft Fehlanzeige. Als Folge nehmen Krankheiten bei der Jugend zu – und begleiten sie schon mal dauerhaft. „Leider werden viele Kinder durch massive Werbung und vorgelebte Fehlernährung so stark beeinflusst, dass manche ein Leben lang gegen ihre Gewohnheiten ankämpfen müssen“, sagt Detlev Geiß, Ernährungsexperte des Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte am Donnerstag in Köln.
Der Mediziner sieht die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesen auf der Kippe. „Hier rollt ein Tsunami auf unser Gesundheitssystem zu.“ Bisherige Studien und Programme seien bisher oft erfolglos geblieben, weil sie zu spät im Kindesalter ansetzten, meint der Experte.
1. Fett macht Fett
Das stimmt so nicht. Der Körper braucht sogar einen gewissen Anteil an Fett. Rund 30 Prozent aller Kalorien sollen aus fetthaltigen Lebensmitteln kommen, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Im Schnitt etwa 70 bis 80 Gramm Fett am Tag. Isst man mehr Fette, werden diese im Körper abgelagert. Außerdem kommt es darauf an, welche Fette wir zu uns nehmen. Gesund sind ungesättigte Fettsäuren. Sie stecken zum Beispiel in Oliven oder Walnüssen. Auch Fette aus Fischen sind gesund. Tückisch, weil besonders ungesund, sind dagegen die versteckten Fette in Wurst oder Kuchen.
Foto: dpaEine groß angelegte Studie fragt nun erstmals junge Kinder selbst nach ihren Essgewohnheiten - was sie warum essen, wie oft es Limo, Süßes oder Pommes gibt, ob sie eine warme Mahlzeit erhalten, ob sie vor dem TV oder mit der Familie speisen, ob Sport eine Rolle spielt. Die Zweit- und Drittklässler wurden in zufällig ausgewählten Schulen schriftlich befragt, bis zu den Sommerferien sollen alle Daten vorliegen, Ende 2011 erste Ergebnisse kommen.
«Kinder haben ein Recht auf ein Höchstmaß an Gesundheit, gesunder Ernährung und Informationen dazu», betont Friedhelm Güthoff vom Deutschen Kinderschutzbund. Das ergebe sich schon aus der UN-Kinderrechtskonvention. Die Realität sei aber eine andere. Gesundheit sei in Deutschland nicht mehr selbstverständlich für den Nachwuchs. Gefährlich seien sogenannte Kinder-Lebensmittel. Der Kinderschutzbund kooperiert nun bei der Elefanten-Kinderstudie, um danach Forderungen an die Politik zu stellen und um Programme zur Kindergesundheit passgenauer gestalten zu können.
„Neue Ergebnisse aus Kindermündern sind sehr wichtig“, betont Klaus Balster vom Landessportbund. Er erhoffe Aufschluss darüber, warum sich Jungen und Mädchen nicht ausreichend bewegen, welcher Sport sie interessieren könnte und ob sie tatsächlich immer wieder an Fernseher und Computer hängen bleiben. Es gehe nicht „nur“ um körperliche Gesundheit: „Bewegung und Sport sind auch wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.“
Die Zeit drängt, meinen die Fachleute. Schon vor 15 Jahren hätte man erkennen müssen, welches Problem auf Deutschland zurollt und dass die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems ernsthaft gefährdet sei, meint Geiß. „Übergewichtige Kinder werden irgendwann übergewichtige Erwachsene mit vielfältigen Krankheitsproblemen.“ Ein explosionsartiger Anstieg von frühem Schlaganfall, Herz-Kreislauf- Erkrankungen oder Diabetes Typ II seien bereits zu beobachten.
Kinderarzt Geiß, der im Brennpunkt Köln-Chorweiler seit 30 Jahren seine Praxis hat, sieht auch eine wachsende Kluft zwischen Kindern, die mit wohlüberlegter Bio-Kost aufwachsen, und anderen, die mit Fast Food und Fertigprodukten abgespeist werden. „Umso wichtiger ist es, dass die Politik bessere Bedingungen für die Versorgung aller Kinder schafft.“ Und: „Bei der Studie darf es nicht bleiben. Die Studie muss Einstieg in ein neues Handeln sein.“ (dpa)
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