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Dioxin-Skandal: Großdemo gegen Massentierhaltung

Der Dioxin-Skandal ist nur eins von vielen Symptomen für die Gefahren der Massentierhaltung. Satt hat das ein Bündnis aus Bauern-, Umwelt- und Tierschutzverbänden. Mit einer Großdemo wollen sie gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft protestieren.

Massentierhaltung von Puten. Foto: dapd
Berlin –  

Die Henne, die verstört ins Bild des Werbefilms tippelt, sieht zerrupft aus. Dann pickt sie zaghaft Futter vom Boden, und dieser Tagen dürfte vielen dazu ein ekliges Stichwort einfallen: Dioxin. Seit die krebserregende Substanz wieder einmal in Tausende Tonnen Tierfutter und so in Mastfleisch und Eier geraten ist, ist die deutsche Massentierhaltung erneut im Gerede. Für 80 Bauern-, Umwelt-, Tierschutz- und Entwicklungsverbänden - darunter Attac, BUND, Nabu, Oxfam und Bäuerliche Erzeugergemeinschaften - ein gefundenes Fressen: Sie nutzen den neuerlichen Skandal, um verstärkt für ihre Großdemonstration gegen die Industrialisierung von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zu mobilisieren, die ohnehin zum Start der Grünen Woche in Berlin am 22. Januar geplant war. Dafür wirbt auch der Film mit der geschundenen Henne, der mit dem Slogan endet: "Nein zu Gentechnik, Tierfabriken, Dumpingexporten".

"Der erneute Dioxin-Skandal zeigt, dass die Agrarindustrie ihre selbstproduzierten Risiken nicht in den Griff bekommt", erklärt der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in seinem Demo-Aufruf. In Deutschland werden demnach bereits 50 Millionen Hühner und 27 Millionen Schweine gehalten, Tendenz steigend. Unter dem Konkurrenzdruck der industriellen Massentierhaltung werden zunehmend industriell hergestellte Futtermittel eingesetzt, während immer weniger Eier- und Fleischproduzenten selbst hergestelltes Futter einsetzen - "obwohl sich auf diese Weise Gefahren entscheidend verringern ließen", so der BUND. Dioxin sei dabei nur die Spitze des Eisbergs - so bekommen die Tiere auch massenhaft genmanipuliertes und zu Dumpingpreisen hergestelltes Futter, was zu Armut und Hunger in der Dritten Welt beitrage.

Dagegen wollen die Aktivisten die Bürger nun auf die Straße bringen. "Das Wachstum der Massentierhaltung und der Futtermittelindustrie vergrößert das Risiko für die Verbraucher. Bei weiter steigenden Rohstoffpreisen begünstigt der Kostendruck zudem Missstände wie die Dioxinpanscherei in Futtermitteln", sagte Jochen Fritz von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Staatliche Kontrollen seien trotz der regelmäßig wiederkehrenden Skandale nicht genug ausgebaut worden. Trotz Dioxin und Gentechnik im Futter fördere der Staat das System der Tierfabriken weiter mit Steuergeldern. "Die Verbraucher fühlen sich angesichts der mangelhaften Informationspolitik der Bundesregierung verraten. Das haben wir satt", klagt Fritz - und zitiert damit das Demo-Motto: "Wir haben es satt!".

NRW fordert mehr Eigenkontrollen

Zu dem Protest, das "einen grundsätzlichen Wandel in der Agrarpolitik" und "das Ende der Agrarfabriken" fordert, ruft ein ungewöhnlich breites Spektrum auf: neben Natur- und Umweltschützern auch kleine, unabhängige Bauernverbände, aber auch Verbraucherschutzvereine und die Bewegung für gesunde Lebensmittel "Slow Food". Auch Gewerkschafter haben ihre Unterstützung angekündigt, und die Globalisierungskritiker Attac verbinden ihren Aufruf mit dem Protest gegen Finanzspekulation mit Nahrungsmitteln und gegen unfaire Welthandelsregeln.

Aber auch die Reaktion der Politik auf den aktuellen Dioxin-Skandal halten die Verbände für unzureichend. Die jetzigen Rückrufaktionen im Handel reichten nicht aus - es müsse vielmehr "eine Rückrufaktion aus dem Kühlschrank geben", fordert BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning. "Seit mindestens Mitte Dezember liegen erste Dioxin-Hinweise vor. Vermutlich sind viele seither gekaufte Eier und Fleischprodukte noch nicht verspeist." Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) müsse schnell Markennamen und Chargen, Handelsketten und Zeiträume nennen, die belastete Ware betreffen.

Unterdessen hat Nordrhein-Westfalen einen Zehn-Punkte-Plan für einen besseren Verbraucherschutz vorgelegt. Als zentrale Vorhaben nannte Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) am Donnerstag in Düsseldorf unter anderem die Einführung einer Positivliste mit Stoffen, die in der Tierfütterung eingesetzt werden dürfen, und eine behördliche Zulassungspflicht für Fett verarbeitende Betriebe. Außerdem strebt NRW mehr Eigenkontrollen der Futtermittelwirtschaft an sowie stärkere Anreize für den Ausbau des Ökolandbaus. "Der aktuelle Skandal hat uns einmal mehr die Schwachstellen der Lebensmittelkette vor Augen geführt", betonte Remmel. "Wir müssen dem Verbraucherschutz Vorrang vor den wirtschaftlichen Interessen Einzelner geben. Deshalb müssen wir alles unternehmen, um diese immer wiederkehrenden Lebensmittelskandale zu bekämpfen und zu verhindern."

Der Vorsitzende der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft hat den Verbraucherzentralen derweil "reinen Populismus" vorgeworfen. Es sei "völlig unbegründet", dass die Verbraucherschützer vom Verzehr von Eiern abrieten, die nicht aus Bioproduktion stammen, sagte der Vorsitzende Wilhelm Hoffrogge. Das Bundesinstitut für Riskiobewertung erwarte keine unmittelbare gesundheitliche Beeinträchtigung. Daher sei die Aufforderung zum Verzicht auf Eier aus konventioneller Produktion eine "Unverschämtheit". Die Folge sei, dass der Eierverbrauch der Konsumenten zurzeit rückläufig sei. Dadurch sinken die Preise, so dass auch die nicht gesperrten Eierproduzenten Einbußen erlitten. Er kündigte Schadenersatzforderungen der betroffenen Landwirte an. Allerdings werde ein großes Problem sein, zu klären, wen sie für den Schaden konkret haftbar machen können. (mit dpa, dapd)

Autor:  Steven Geyer
Datum:  6 | 1 | 2011
Kommentare:  37
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