Nikolas Gleber sagt, er könne kein Leid ertragen. Der Mann isst kein Fleisch, die Massentierhaltung, "damit will ich nichts zu tun haben". Und wenn man will, dass seine blauen Augen wütend funkeln, lässt man das Wort "Pelzindustrie" fallen: "Davon bin ich ein absoluter Gegner", sagt er. Zuchtfarmen und Designer mit Pelzkollektion seien skrupellos.
Gleber sitzt in seiner Altbauwohnung in einem sozialistischen Prachtbau im Berliner Szenebezirk Friedrichshain. Er streichelt ein Fuchsfell und sagt: "Auf mein Konto geht kein Leid". Das Fell ist eine Stola, sie hängt, neben Muffs, Mützen und Taschen aus Fell an einer Kleiderstange in seinem Arbeitszimmer. Nikolas Gleber, 33 Jahre, Konzeptkünstler, stellt Luxus-Accessoires aus Fuchsfell her. Die will er nicht als Mode verstanden wissen, sondern als Objekte, die zum Naturschutz beitragen.
Kathrin Hartmann ist Autorin des Buchs "Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt" (Blessing Verlag) www.ende-der-maerchenstunde.de
"Friendly Fur", freundlichen Pelz, nennt Gleber seine Felle, sie stammen ausschließlich von Rotfüchsen, die zum Abschuss freigegeben sind und deren tote Körper sonst im Wald verscharrt oder in der Tierkörperbeseitigung landen würden. Für die Felle zahlt Gleber den Jägern kein Geld. Er akzeptiere keine Felle aus Fallen- oder Bleijagd, keine Weibchen und nur Felle von Füchsen, die im Winter in Gebieten mit Überpopulation gejagt werden.
Und damit an der Unbedenklichkeit erst gar keine Zweifel aufkommen, prangt auf jedem von Glebers Stücken ein handtellergroßer, giftgrüner Aufnäher. Er zeigt einen Fuchs und zwei Eichenblätter, darüber steht: "Friendly Fur - Happy Nature". Dies sei sein "politisches Siegel" für Menschen, die Pelz toll finden, "aber nicht das Leiden." Für seine Kunden sei es "wesentlich, dass sie ethisch korrekte Felle tragen, sagt Gleber und holt zwei Flaschen Bionade aus dem Kühlschrank - selbst ernanntes "offizielles Getränk einer besseren Welt" und inoffizielles Lieblingsgetränk von Glebers Zielgruppe, einer neuen Genusselite, die ihr moralisches Wohlgefühl als Voraussetzung für das Gute in der Welt begreift. Sie stillt ihre Sehnsucht nach Weltrettung nicht durch politisches Engagement, sondern mit dem Konsum von Produkten, die ein gutes Gewissen versprechen. Es sind jene wohlhabenden Großstädter, die ihren Konsum nach selbst gewählten ethischen Kriterien ausrichten. Lifestyle of Health and Sustainability (Lohas) ist der Marketingbegriff für diese "pragmatischen Idealisten". Pragmatismus bedeutet dabei vor allem die Überwindung von Widersprüchen: Glamour, Verschwendung und Öko sollen sich nicht mehr ausschließen.
Die Industrie hat sich viel einfallen lassen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden: So gibt es Ski aus Holz, mit denen man nachhaltig die Berge kaputt fahren kann, Fischstäbchen aus überfischtem Alaska-Seelachs, mit deren Kauf man ein Meeresschutzprojekt unterstützt und Porsche, die das Klima schützen. Dazu passen auch ethisch korrekte Pelze.
Mit seinem Konzept ist Gleber nicht alleine. Auch die Pelzindustrie hat den lukrativen Markt entdeckt entdeckt und sich ein Unbedenklichkeitssiegel ausgedacht: das Origin Assured-Label soll Konsumenten versichern, dass das Produkt aus einem Land stammt, in dem Tierschutzgesetze in Kraft sind. Die Methode hat Erfolg. Seit Mitte der 90er Jahre ist Pelz wieder in Mode. Große Designer wie Armani, Joop, Versace und Lagerfeld haben Pelze in ihren Kollektionen. Fellkragen an Mänteln, Fellmützen und Fellbesatz an Stiefeln sind kein seltener Anblick. Eine Milliarde Umsatz vermeldete das Deutsche Pelz-Institut für 2007, eine Steigerung von elf Prozent.
Füchse fallen nicht von Bäumen
Eine Entwicklung, die Tierschützern ein Dorn im Auge ist. "Es gibt keinen Öko-Pelz", sagt Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater der Tierrechtsorganisation PETA, "Öko-Siegel, wie sie jetzt von Pelzherstellern übernommen werden, sind nichts als der Versuch, sich neuen Marktbedinungen anzupassen." Nikolas Gleber glaubt trotzdem dass sein Pelz anders ist. Besser, ökologischer. "Viele denken, dass ich mit toten Tieren Geld verdiene", sagt Nikolas Gleber. Seine Felle aber seien "wie der Apfel, der vom Baum fällt", er verwerte nur die Ressource, "für meine Mode stirbt kein Tier".
Seine Produkte seien nachhaltig, alles werde verwertet, jedes Objekt sei auf 100 Stück limitiert. Aber natürlich fallen Füchse nicht von Bäumen, sie werden totgeschossen. Gleber sagt: "Wer Fleisch isst und Leder trägt, braucht sich nicht über Fuchsjagd aufregen". Doppelmoral ist ihm zu wider, auch dagegen kämpft er an. "Wir haben ein völlig verzerrtes und verklärtes Naturbild", sagt der 33-Jährige. Er ist als Sohn eines Försters auf dem Land aufgewachsen, auch sein Großvater war Förster.
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