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Freiwilligendienst: Gute Reise

Häuser bauen in Guatemala oder Englisch unterrichten in Benin: Zahlreiche Reiseagenturen bieten Entwicklungsarbeit zum Selbermachen im All-inclusive-Paket. Das ist oft teuer und hilft den Menschen nicht wirklich.

Nathalie Schwarz ist eine der Freiwilligen, die in Ghana in einem Waisenhaus von Praktikawelten arbeitet.
Nathalie Schwarz ist eine der Freiwilligen, die in Ghana in einem Waisenhaus von Praktikawelten arbeitet.
Foto: Praktikawelten

Irgendwann stand Jekaterina vor ihrer Klasse und war plötzlich sprachlos. Sprachlos im Wortsinne – denn die einzige Möglichkeit, sich ihren Schülern verständlich zu machen, hatte gerade den Raum verlassen. Und ohne Dolmetscherin eine Gruppe buddhistischer Novizenmönche im thailändischen Bergland zu unterrichten, stellte die 22-Jährige aus Köln vor ernsthafte Probleme.

Eigentlich wollte Jekaterina im Dezember 2010 nur eine Freundin in Korea besuchen und fremde Kulturen kennenlernen. Sie wollte sich etwas gönnen nach den bestandenen Bachelor-Prüfungen an der Universität. Zusätzlich aber wollte sie noch etwas „Sinnvolles“ machen, erzählt sie. Und so buchte sie zwei Wochen Freiwilligenarbeit bei Travelworks.

Auf den Internetseiten von Reiseagenturen wie Travelworks, Praktikawelten oder Projects Abroad fand Jekaterina die große, weite Welt – und Möglichkeiten, sie zu sehen und gleichzeitig besser zu machen. Die Unternehmen werben mit genau solchen Angeboten: einen Monat Meeresschildkröten retten in Mexiko für 1995 Euro, acht Wochen Waisenkinder betreuen in Nepal für 1595 Euro, fünf Wochen Reittherapie mit behinderten Kindern in Ecuador für 1250 Euro (jeweils ohne Flug). Auf diese Weise könne wirklich jeder Auslandserfahrung sammeln – „und das alles ohne Vorkenntnisse“, schwärmen die Unternehmenssprecher aller Anbieter.

Einfach mal in einem Krankenhaus in Guatemala arbeiten? Ohne Vorkenntnisse? „Das ist absolut kein Problem!“, wirbt beispielsweise der Praktikawelten-Katalog. Auch wegen fehlender Sprachkenntnisse müssten die Teilnehmer nicht auf ihr großes soziales Abenteuer verzichten: Bei acht Wochen mit Travelworks in Peru sind vier Wochen Sprachkurs inklusive. Mit gutem Schulenglisch schickt die Agentur jeden und jede in thailändische Klöster, um dort Mönche zu unterrichten. Da landete auch Jekaterina.

In der Stadt Chiang Mai sollte sie Novizen-Mönche in Englisch unterrichten. Die Eltern der jungen Männer seien „häufig verstorben oder verschwunden“, stand im Katalog. Eine Partnerorganisation von Travelworks nahm die Studentin unter ihre Fittiche. Sie wurde vom Flughafen abgeholt, wohnte in einem Haus mit anderen Freiwilligen aus dem Westen und zum Frühstück gab es keinen Reisbrei, sondern Toast. In einem zweitägigen Crashkurs wurde Jekaterina schließlich auf die Thai-Kultur vorbereitet und lernte außerdem „ein paar thailändische Wörter, die wir brauchen können, falls wir verloren gehen“, erzählt sie.Verloren fühlte sich Jekaterina in den folgenden zwei Wochen zwar manches Mal – ihre paar Thai-Brocken halfen ihr da allerdings auch nicht weiter. Morgens um acht stand sie auf und machte sich auf den Weg, um täglich drei Stunden den Novizen die englische Sprache näher zu bringen – unterstützt von einer Dolmetscherin. War die mal nicht anwesend, begann für Jekaterina die schweißtreibende Kommunikation mit Händen und Füßen. So beschränkte sich ihr Unterricht auf Dinge, die sie per Gestik vermitteln konnte: Die kleinen Jungs in den orangenen Roben sprachen ihr Wörter nach, lernten Körperteil-Vokabeln und sangen mit der 22-Jährigen englische Lieder. Inzwischen blickt Jekaterina mit gemischten Gefühlen auf ihren zweiwöchigen Einsatz zurück: „Für die Kinder hat es nicht so viel Sinn gemacht“, sagt sie. „Für mich war es aber viel besser als normaler Tourismus.“

Abenteuer-Faktor nicht im Mittelpunkt

Dass der Nutzen für die jungen Mönche sich tatsächlich in Grenzen halten dürfte, wenn ihre Englischlehrer alle paar Wochen wechseln und Thai nicht verstehen, ist für die Anbieter zweitrangig. „Wir müssen uns nach den Wünschen unserer Kunden richten“, sagt Jennifer Binnewitt von Travelworks. Die sehen sich offenbar gern in der Position des selbstlosen Helfers aus dem Westen – und die Unternehmen drücken dafür in ihren Katalogen kräftig auf die Tränendrüse: „Engagiere dich und bringe kleine Kinderaugen zum Leuchten“, „Ermögliche jungen Meeresschildkröten nach dem Schlüpfen den sicheren Weg in den Pazifischen Ozean“ und „Ob klein oder groß – alle Kinder freuen sich, wenn du ihnen ein Gefühl der Fürsorge und Geborgenheit schenkst“ – es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Und Gutes tun kann schließlich jeder, der das nötige Kleingeld hat. „Bei uns muss man sich nicht lange bewerben oder viele Fragebögen ausfüllen“, sagt Angela Baierlacher von Praktikawelten.

Das war bei Mara anders. Als sie 2008 in Köln ihr Abiturzeugnis in die Hand gedrückt bekam, wollte die damals 19-Jährige unbedingt ins Ausland. Die Katalogpreise der kommerziellen Anbieter waren für sie jedoch unbezahlbar. So setzte sie ihre Hoffnung in das damals noch junge Weltwärts-Entsendeprogramm des deutschen Entwicklungsministeriums (BMZ). Bei Weltwärts gab es keinen Katalog, aus dem Mara ihre Einsatzstelle hätte aussuchen können.

Tagelang saß sie am Computer, suchte nach geeigneten Projekten, bewarb sich mit Lebenslauf und ausführlichem Schreiben, in denen sie ihre Motivation erläuterte. Als sie schließlich vom Deutsch-Südafrikanischen Jugendwerk (DSJW) die Zusage für ein Jahr im Kinderheim bekam, begann erst die eigentliche Vorbereitungsarbeit.

Die Abiturientin informierte sich über die Verhältnisse in ihrer Einsatzstelle, warb auf ihrem Abi-Ball um Spenden für das Projekt und machte auf dem Trödelmarkt alten Krempel zu Geld – kurz: Mara begann die Arbeit für ihre Einsatzstelle schon Monate vor dem Abflug. Der Lohn für die Mühe: Im Rahmen des Weltwärts-Programms kamen BMZ und DSJW für alle Kosten auf, zahlten Mara sogar ein monatliches Taschengeld. Das Spendensammeln war zwar ausdrücklich keine Bedingung für ihren Aufenthalt, sollte ihr aber helfen, sich schon im Vorhinein mit der Arbeit in Afrika und ihrer eigenen Motivation auseinanderzusetzen.

Bei Weltwärts steht die langfristige Entwicklungszusammenarbeit und nicht der Abenteuer-Faktor im Mittelpunkt. „Die Motivation der Teilnehmer ist bei uns das wichtigste Auswahlkriterium“, sagt auch Michael Bogatzki, Leiter der Freiwilligendienste bei AFS Interkulturelle Begegnungen e.V., einer gemeinnützigen Jugendaustauschorganisation. Daneben spielten Sprachkenntnisse genauso eine Rolle wie gutes Sozialverhalten. Auf diese Weise würden etwa 15 bis 20 Prozent der Weltwärts-Bewerber aussortiert, schätzt der AFS-Mann.

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Autor:  Torben Klausa
Datum:  29 | 7 | 2011
Seiten:  1 2
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