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07. Juli 2012

Birstein: "Ich wollte etwas Konkretes tun"

Erholung auf dem Lande: Anke Feil und Frank Jermann mit ihrem frisch bezogenen Haus.  Foto: Rolf Oeser

Ex-Occupy-Aktivist Frank Jermann ist ernüchtert von seinem Lauf nach Berlin

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Der Birsteiner Frank Jermann lief mit einem Häuflein Mitstreiter und knapp 27000 Unterschriften nach Berlin, um Politiker zum Handeln gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu drängen. Eine Woche nach der Rückkehr zeigt sich der ehemalige Occupy-Aktivist ernüchtert. Seine Ehefrau Anke Feil, die ihn bei der Aktion unterstützte, sieht die Dinge weniger pessimistisch.

Herr Jermann, warum sind Sie nach Berlin gelaufen?

Frank Jermann: Ich wollte den Abgeordneten eine Petition überreichen, damit sie endlich etwas gegen die skandalösen Spekulationen mit Nahrungsmitteln unternehmen. Mein ursprüngliches Ziel war es, vor dem Petitionsausschuss zu sprechen. Doch weil es schon eine Petition zum Thema gab, konnte ich meine nicht mehr einreichen. Da hab’ ich mich entschlossen nach Berlin zu laufen.

Und was war das Ergebnis?

Jermann: Wie erwartet haben mich von allen Abgeordneten nur einige wenige empfangen – insgesamt waren es sieben, darunter Sascha Raabe von der SPD. Was mich aber wirklich ernüchtert hat, war die Art und Weise, wie sie sich präsentiert haben. Anstatt sich konkret zu den verletzten Menschenrechten zu äußern, wurden blumige Standardformulierungen vorgetragen und mir Anträge an den Bundestag überreicht. Die kannte ich doch schon längst. Deswegen war ich ja da. Für mich ist der Marsch deshalb gescheitert.

Anke Feil: Das sehe ich nicht ganz so kritisch. In Gotha hat man sich richtig für uns interessiert. Ein Unterstützer von dort ist einen Teil der Strecke mit uns durch den Thüringer Wald gelaufen. Und wir haben zwei Folgetermine bekommen und sollen über unser Projekt berichten. Ich finde also schon, dass wir etwas erreicht haben. Auch hier vor Ort können wir noch etwas bewegen.

Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Jermann: Ich habe mich einige Zeit bei Occupy in Frankfurt engagiert, weil mich die Bewegung fasziniert hat. Ich musste aber feststellen, dass die Leute vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Dann habe ich mich losgesagt und eine eigene Gruppe aufgemacht. Das Thema Nahrungsmittelspekulation war gerade in der Öffentlichkeit und es gab eine große Zustimmung in der Bevölkerung für ein Handeln der Politik. Das Momentum wollte ich nutzen.

Was hat Sie am meisten den Leuten von Occupy gestört?

Jermann: Alles ist dort basisdemokratisch organisiert. Einzelmeinungen sind bei Occupy nicht gefragt. Aber wenn man etwas Konkretes umsetzen will, hilft es nicht weiter, immer alles mit allen zu diskutieren. Deshalb habe ich mein eigenes Projekt gestartet: Occupy: Occupy.

Ein Wortspiel?

Jermann: Mir ging es vor allem darum, eine Plattform zu schaffen, wo sich möglichst viele Leute aus ganz Deutschland zu einem konkreten Thema austauschen können. Und wir wollten genug Unterschriften für die Petition sammeln. Aber heute stelle ich fest: Der virale Effekt sozialer Netzwerke im Internet funktioniert bei uns kaum.

Inwiefern nicht?

Jermann: Wir hatten alle Bürgermeister, Kirchengemeinden und Parteien der Etappenorte vor unserer Tour angeschrieben. Auch die Medien hatten wir kontaktiert. Aber über uns wurde kaum etwas berichtet. Wenn man wirklich etwas bewegen will, muss man an die Politik ran, denn deren Macht ist immens. Die Resonanz auf unsere Kampagne war insgesamt enttäuschend.

Sie üben auch Kritik an den NGOs. Worin besteht diese?

Jermann: Wir haben bei allen Organisationen angefragt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Von denen hieß es nur: Wir müssen uns in Brüssel darum kümmern. Das ist das gleiche, was die Regierung sagt. Ich sehe das ganz anders: Wir müssen auch in Deutschland handeln, sonst passiert am Ende gar nichts. Ich vertraue der Politik nicht mehr.

Was sollte die deutsche Politik aus Ihrer Sicht tun?

Jermann: Von der Opposition erwarte ich mir couragierteres Handeln. Ich will, dass sie ihren Job macht. Schließlich ist es nicht die Aufgabe jedes einzelnen Bürgers, sich darum zu kümmern. Aber die meisten Regierungspolitiker spielen auf Zeit und verstecken sich hinter europäischen Initiativen. Die bisher gescheiterte Finanztransaktionssteuer ist doch das beste Beispiel, wie es laufen kann.

Das Gespräch führte Christoph Süß

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