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Hanau und Main-Kinzig
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29. September 2012

Förderverein Palliative Patienten-Hilfe: "Lebenshilfe statt Sterbehilfe"

Maria Haas-Weber setzt sich für ein Sterben in Würde ein.  Foto: Renate Hoyer

Maria Haas-Weber über zehn Jahre Palliativ-Verein und die Versorgung unheilbar Kranker.

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Zur Person

Maria Haas-Weber ist Ärztin für Allgemein-, Palliativ- und Umweltmedizin und seit der Gründung 2002 im Vorstand des Hanauer Fördervereins Palliative Patienten-Hilfe. Der Verein fördert die ambulante und stationäre Versorgung unheilbar Erkrankter, knüpft Netzwerke und engagiert sich in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften, Ehrenamtlichen und Angehörigen. Das Team Spezielle Ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) Hanau, das der Förderverein unterstützt, hat im vergangenen Jahr 340 Patienten betreut.

Frau Haas-Weber, was hat Sie und Ihre Mitstreiter vor zehn Jahren dazu bewogen, den Förderverein Palliative Patienten-Hilfe zu gründen?

Die meisten unheilbar kranken Menschen wollen ihre letzten Tage zu Hause verbringen, und zwar schmerzfrei. Damals war das in Hanau und Umgebung kaum möglich. Viele starben alleine im Krankenhaus. Palliativmedizin wurde noch nicht intensiv praktiziert, die Patienten hatten häufiger Angst und starke Schmerzen. Wir wollen den Betroffenen bis zum letzten Atemzug ein würdiges Leben ermöglichen.

Werden todkranke Menschen inzwischen besser versorgt?

Wir haben hier ein Netz gespannt, das viele Patienten und ihre Angehörigen auffängt: Sie können sich unter anderem an ambulante Hospiz- und Pflegedienste wenden sowie an das stationäre Hospiz Louise de Marillac. Die Krankenhäuser in Hanau haben spezielle Abteilungen für Palliativmedizin; viele Ehrenamtliche und Seelsorger stehen Betroffenen bei. Das Bewusstsein, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase eine besondere Fürsorge brauchen, ist stärker ausgeprägt.

Dennoch nehmen Schwerstkranke weiterhin in der Schweiz oder in Holland Sterbehilfe in Anspruch.

Viele von ihnen wissen nicht, dass sie nicht leiden müssen, wenn sie optimal versorgt werden. Dass sie keine Sterbehilfe brauchen, wenn sie Lebenshilfe bekommen. Ich habe eine Frau kennengelernt, die an einer schweren Nervenkrankheit litt und sterben wollte. Eine Ehrenamtliche konnte sie davon überzeugen, sich unser Hospiz anzuschauen. Sie ist geblieben, hat dort noch drei wertvolle Monate verbracht, mit ihrem Sohn. Doch unabhängig von diesem positiven Beispiel – wir stehen vor großen Herausforderungen.

Welchen?

Unser Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) kann nur etwa 20 Prozent der Betroffenen versorgen. Wir brauchen viel mehr Unterstützung von Hausärzten, gerade in den ländlichen Gebieten. Das Problem ist, dass sie für die Betreuung unheilbar Kranker nicht angemessen entlohnt werden. Unser Netzwerk muss schnell wachsen: Die Zahl der Krebserkrankungen nimmt zu. Weil die Menschen immer älter werden, steigt auch die Zahl der Nerven-, Herz- und Demenzerkrankungen. Außerdem scheuen sich noch immer viele Ärzte, Morphium zu verschreiben. Dabei kann es – richtig dosiert – große Schmerzen lindern und hat kaum Nebenwirkungen. Und vor allem brauchen wir mehr gut ausgebildete und einfühlsame Fachkräfte.

Welches nächste große Ziel verfolgt der Förderverein?

Wir wollen ein Informations- und Kommunikationszentrum aufbauen, am besten mitten in der Stadt – um das Thema Tod weiter zu enttabuisieren und ein neues Fundament für eine Fürsorgekultur für Sterbende zu legen.

Das Handy von Haas-Weber klingelt. Es ist die Ehefrau eines todkranken Patienten, um den sie sich kümmert. Die Ärztin erkundigt sich, wie es ihm geht, und beruhigt die Frau. Wenn es ihm schlecht ginge, würde sie sofort hinfahren.

Sie haben viele Menschen am Lebensende begleitet. Wer hat Sie besonders bewegt?

Viele sind mir ans Herz gewachsen. Auch der Patient, um den es am Telefon ging. Er leidet an Leukämie und hat lange mit aller Kraft gegen die Krankheit gekämpft. Aber nach der letzten Chemotherapie hat er sich entschieden, nach Hause zu gehen. Ihm kommt es nicht auf die Länge seines Lebens an, sondern darauf, dass er mit seiner Frau noch mal im Garten sitzen, Bratwurst essen, Wein trinken kann. Seine klare Haltung hat mich beeindruckt.

Wie gehen Sie mit dem Sterben Ihrer Patienten um?

Der Tod bleibt ein Trauma. Trotzdem bringt er mich nicht aus dem Gleichgewicht, weil ich weiß: Wir tun alles, damit todkranke Menschen in Würde sterben können.

Das Interview führte Gregor Haschnik

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