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27. September 2011

Main-Kinzig: Wir bauen keinen Kinderknast

 Von Jutta Rippegather
Der Hof ist hell und groß. Das ist Pater Franz Harings wichtig. Foto: Christoph Boeckheler

Im geschlossenen Heim des Jugendhilfezentrums Don Bosco Sannerz gibt es weder Gitter noch Kloschüsseln aus Edelstahl. Es ist die derzeit einzige geschlossene Einrichtung für Kinder in Hessen.

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Im geschlossenen Heim des Jugendhilfezentrums Don Bosco Sannerz gibt es weder Gitter noch Kloschüsseln aus Edelstahl. Es ist die derzeit einzige geschlossene Einrichtung für Kinder in Hessen.

Des Nachts unter Buchen wird selbst der Coolste zum Weichei. „Plötzlich hat man einen 16-Jährigen an der Hand, um den man in Frankfurt auf dem Bürgersteig einen großen Bogen machen würde.“ Peter Thomé lacht. „Eine Nacht im Wald bringt mehr Beziehung als drei Wochen hier in der Förderwerkstatt“, sagt der 39-Jährige. Thomé ist Schreiner und Arbeitserzieher im Jugendhilfezentrum Don Bosco Sannerz, einem Ortsteil von Sinntal im östlichen Main-Kinzig-Kreis. Es bereitet männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren auf ihren Hauptschulabschluss oder ihre Gesellenprüfung vor. Jetzt steht auf dem Gelände am Ortsrand ein Gebäude, in dem die jungen Bewohner zunächst nicht kommen und gehen können, wann sie wollen: „Intensivpädagogische Wohngruppe“ für 10- bis 13-Jährige nennt Einrichtungsleiter Franz Harings das Angebot. „Geschlossenes Heim für Kinder“ sagen Kritiker wie die Grünen.

Vom Schließer zum Betreuer

Pater Harings ist verärgert: „Wir bauen hier keinen Kinderknast.“ Sechs Meter hoch sei lediglich die Kletterwand im 680 Quadratmeter großen Hof mit Tischtennisplatte, Schaukel, Fußballtor, Ruheecke. Stacheldraht oder Gitter gibt es nicht, die nebenan in der Schreinerwerkstatt hergestellten Möbel sind hochwertig, das Gebäude lichtdurchflutet, die Fenster zum Hof können geöffnet werden.

Das Konzept

Acht Jungen im Alter von zehn bis 13 Jahren sollen aufgenommen werden – „mit aggressiven, delinquenten und massiv oppositionellen Verhaltens-
weisen, einer hohen Rate polizeilich verfolgter Straftaten oder einer Sozialisation in kriminellem Umfeld“.
Zur Unterbringung können auch Selbst- und Fremdgefährdung führen oder dass sich der Junge freiwillig jeder Art von Hilfe verweigert.
Bedingung für die Aufnahme ist ein richterlicher Beschluss, ein Gutachten eines Sachverständigen sowie eine
differenzierte Bedarfsanalyse des
öffentlichen Trägers der Jugendhilfe.
Über seine Leitlinien und sein pädagogisches Anliegen informiert der Orden der Salesianer unter www.donbosco.de.

Jedes Einzelzimmer hat ein Bad mit Porzellanbecken. Bruchfester Edelstahl kam nicht infrage. „Wir wollen, dass sich die Jungs hier wohlfühlen“, sagt der 43-jährige Harings, der in seinem blauen Polohemd so gar nicht dem Bild eines Paters entspricht. „Auch die Einrichtung soll zeigen, dass sie hier wertgeschätzt werden.“ Und über die Mauer zu springen, sei für Sportliche leicht. Sicher wäre der Geistliche glücklicher, wenn es die neue Wohngruppe nicht bräuchte. Doch es gebe nun mal Kinder, die sich dem Kontakt mit Erwachsenen entziehen. Die mit ständigem Weglaufen auf das „System“ reagieren. „Die brauchen erst mal einen Rahmen, damit man überhaupt mit ihnen reden kann.“ Um Vertrauen, eine Beziehung auszubauen. „Der Erzieher muss vom Schließer zum Betreuer werden.“ Das sei das Ziel.

Der Personalschlüssel lässt den Raum dafür: Elf neu angestellte Pädagogen kümmern sich um die acht Kinder. Das Konzept sieht einen Stufenplan vor. Erst mit dem „Bezugsbetreuer“ ein Ziel entwickeln und es erreichen. Später geht der Junge mit seinem Betreuer raus, etwa zum Einkaufen für die Küche. Danach in die Förderwerkstatt. Zum Schluss steht die Überführung in eine der anderen Wohngruppen und ganz am Ende im Idealfall die Gesellenprüfung bei der Handwerkskammer.

Unterricht beim Baumfällen

Irgendwann werden diese Kinder also auch bei Peter Thomé aufschlagen. Für die 59 anderen, die freiwillig zu den Salesianern kamen, ist die in einem Backsteinhaus untergebrachte Förderwerkstatt die erste Station. „Das Klassenzimmer ist die Werkbank“, sagt Thomé. Und Zylinderberechnung unterrichtet er draußen beim Baumfällen. Die Vermittlung von Rechtschreibung und Mathematik habe nicht Priorität. „Vorrangig ist die Sozialisation, der Umgang mit anderen.“ Dass es keinen „Stress“ untereinander gibt. Für die Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss besuchen die jungen Leute die Johann-August-Waldner-Schule, eine staatlich anerkannte private Ersatzschule für Erziehungshilfe.

Auch Thomé und die anderen Kollegen in den Werkstätten werden regelmäßig mit der „Intensivpädagogischen Wohngruppe“ arbeiten, deren Eröffnung sich wegen eines Wasserschadens wohl um einen Monat auf November verschiebt. Sie sollen schon früh den Mann kennenlernen, mit dem sie, wenn alles klappt, auch eines Tages in den Wald gehen, um unter alten Buchen zu übernachten.

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