Hanau und Main-Kinzig
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18. Januar 2013

Turngemeinde : TGH nimmt Kredit auf

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Volles Haus bei der Delegiertenversammlung der TGH in der Karl-Rehbein-Schule.  Foto: Rolf Oeser

Die Turngemeinde Hanau (TGH) muss den Gürtel enger schnallen. Der Vorstand rechnet mit Verlusten von 265.000 Euro. Kritik gibt es während der Versammlung am Umgang mit Ex-Vorständen.

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Fakten

Knut Witt wurde am 9. Oktober 2012 vom alten Vorstand damit beauftragt, mit anderen Ehrenamtlichen die TGH-Bücher 2010 bis 2012 zu prüfen. Bei der Delegiertenversammlung am Mittwoch sprach er von Buchungen „ohne Hintergrund und Beleg“ , Vorlagen „mit gravierenden Fehlern“, Beträgen in den Bilanzen, „die nicht mit den Konten übereinstimmen“ und Doppelbuchungen von Spenden. Hier einige Auszüge.

Ende 2012 betrug der Kontostand minus 81000 Euro, dazu kommen Verbindlichkeiten aus den Vorjahren wie Umsatzsteuer- und Sozialversicherungsnachzahlungen, alles zusammen 210 000 Euro. Witt rechnet mit weiteren Verbindlichkeiten aus der Berufsgenossenschaft und einem Defizit der White Wings 2013, so dass er auf ein Minus von 265000 Euro kommt.

Wären Ende 2011 alle Rechnungen und Übungsleiter rechtzeitig bezahlt worden, hätte die TGH schon damals „in der Kreide“ gestanden.

Ohne Vorstandsbeschluss wurden im Jahr 2011 hohe Summen ausgegeben: unter anderem 4000 Euro für eine Bogenschießanlage, 5000 Euro für Trikots für die neue Sportart Football, 4200 Euro für eine aufblasbare Kletterwand.

Die White Wings, die Profimannschaft der Basketballabteilung, hat laut Witt besonders hohe Verluste zu verzeichnen: rund 11000 Euro im Jahr 2010, 35000 Euro 2011 und 78000 Euro 2012. Hinzu kommen Forderungen der Sozial- und Krankenkassen, die sich schon jetzt auf 86000 Euro belaufen, Witt rechnet mit weiteren Forderungen, so dass die Verluste der White Wings rund 276000 Euro betragen.

Argonnerhalle 2010 kaufte die TGH eine ehemalige Sporthalle der US-Streitkräfte. Da sie sich nicht rechnete, verkaufte der Verein die Halle im Mai 2012 wieder. Gesamtverlust: Eigentlich 45000 Euro, doch da die Stadt 20000 zahlte, noch 25000 Euro.

Ein Mitarbeiter der Geschäftsstelle hat 2011 insgesamt 40000 Euro unterschlagen. Der damalige Vorstand habe aber nur 18000 Euro Minus in die Forderungen eingestellt und weiter nichts unternommen, um das Geld zurückzubekommen. Der jetzige Vorstand hat Strafanzeige gestellt.

Ein Wirtschaftsprüfer soll die Berechnungen der Ehrenamtlichen für das Jahr 2012 überprüfen. Einen Wirtschaftsplan für 2013 hat der Vorstand noch nicht vorgelegt.

Ein Kredit von 250000 Euro, die Erhöhung der Mitgliedsbeiträge von bis zu 20 Prozent und der Abschied vom Profisport. Das sind drei der Ergebnisse, mit denen am Mittwochabend die dreistündige außerordentliche Delegiertenversammlung der Turngemeinde Hanau (TGH) in der Mensa der Karl-Rehbein-Schule endete. Zudem wählten die Delegierten bei nur zwei Enthaltungen Rüdiger Arlt zum neuen Präsidenten der TGH sowie Achim Kipper und Achim Toscani zu Vizepräsidenten. Der Andrang war groß, laut Verein kamen 109 der 115 Delegierten sowie 18 der 24 Abteilungsleiter. Zudem drängten sich viele Mitglieder auf der Empore.

Mittelpunkt des ruhig verlaufenden Abends waren die Ausführungen von Knut Witt zur schwierigen finanziellen Situation und das Sanierungskonzept des Vorstands. Viel war darüber spekuliert worden, wie hoch die Verluste des mit rund 3700 Mitgliedern größten Sportvereins des Main-Kinzig-Kreises sind. Die Antwort am Mittwoch: Silvester 2012 betrugen sie 81000 Euro. Mit schon bekannten und erwarteten Nachzahlungen kommt Witt auf rund 265000 Euro (siehe Infobox).

Gründe für dieses tiefe Loch eines Vereins mit einem Haushaltsvolumen von etwa 800000 Euro sind nach Vereinsangaben „unzureichende Buchhaltung in den letzten Jahren und unkontrollierte Ausgaben“. Noch 2009 hatte der Verein nach Angaben von Arlt Rücklagen von 100000 Euro.

        

Rüdiger Arlt ist der neue Präsident der TGH. Der einstige Basketballtrainer ist dort seit 1964 Mitglied.
Rüdiger Arlt ist der neue Präsident der TGH. Der einstige Basketballtrainer ist dort seit 1964 Mitglied.
Foto: Oeser

Die Verluste der 1. Herrenmannschaft der TGH-Basketballer (White Wings) betrugen laut Witt zusammen rund 270000 Euro. Dass diese Summe fast identisch mit den Verbindlichkeiten des Vereins sei, sei aber „reiner Zufall“, sagte Arlt, die Verluste der Basketballer seien über drei Jahre zusammengekommen. Dennoch müsse der Verein kein Darlehen von 250000 Euro zur Tilgung der Schulden aufnehmen, sagte Arlt, wenn die White Wings alle ihre Verluste übernehmen würden.

Tatsächlich gibt es eine Gruppe um den ehemaligen TGH-Finanzvorstand und ehrenamtlichen White-Wings-Manager Jens Gottwald, die die Lizenz der TGH für die Profiliga ProB kaufen will. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau beträgt ihr Angebot 100000 Euro, die Verhandlungen darüber laufen.

Gottwald selbst konnte, ebenso wie der im November zurückgetretene Ex-Präsident Robert Oestreich, nicht an der internen Versammlung teilnehmen – sie hatten den Verein verlassen. Karsten Baumann, ebenfalls aus dem Vorstand zurückgetreten, aber noch im Verein, kritisierte das. Der aktuelle Vorstand habe „die andere Seite“ nicht gehört: „Die Leute, die hier an den Pranger gestellt werden, dürfen nicht hier sein.“

Arlt wies darauf hin, dass er und Witt „bewusst keine Namen genannt haben“: „Es geht nicht um persönliche Angriffe, sondern um Fakten.“ Folgerichtig beantwortete der Präsident die Frage eines Delegierten, was mit denjenigen, „die mit Vorsatz Bilanzen gefälscht haben“, passieren werde, so: Es sei „nicht okay, was passiert ist, aber wir müssen daraus lernen“. Es sei nicht sinnvoll, Ehrenamtliche juristisch zu verfolgen, die sich „nicht persönlich bereichert haben“. Gegenüber der FR sagte Arlt zudem, bei den White Wings hätten „Leute aus Überzeugung gehandelt, aber handwerklich nicht alles richtig gemacht“.

Bei sieben Gegenstimmen wurde nach kurzer Diskussion der Antrag des Vorstands angenommen, die Mitgliedsbeiträge zu erhöhen. Erwachsene zahlen zwei Euro pro Monat mehr, Kinder einen Euro und Familien vier Euro. Den Vorschlag einer Delegierten, die Erhöhung zu verschieben, bis der Vorstand einen Wirtschaftsplan für 2013 vorlegen könne, wies Arlt zurück.

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