Willkommen in unserer Hinterhof-Moschee“, sagt Khola Maryam Hübsch und lächelt etwas gequält. Denn die verheiratete Studentin (Germanistik, Publizistik und Psychologie) mit Töchterchen Josefine Nurah auf dem Arm weiß, wie wenig repräsentativ das Ambiente des Versammlungszentrums der Ahmadiyya Muslim Jamaat Hanau in der Daimlerstraße 8 ist. Es handelt sich um eine einfache Wohnung in einem tristen Hochhaus in einer tristen Gegend nahe des Hauptbahnhofs. Doch der Tisch im kalten Zimmer neben dem Gebetsraum voller Perserteppiche ist reich gedeckt für den Gast. Alle ziehen die Schuhe aus, ein Gebetsraum wird nur barfuß oder in Strümpfen betreten. Dort wird gebetet, aber auch diskutiert oder eben die Presse empfangen. Der Gebetsraum für Frauen ist nebenan, per Vorhang abgetrennt.
Gemeinde bekannter machen
Rund ein Dutzend Frauen ist versammelt. Alle tragen Kopftuch, das gehört zu ihrer Religion. Sie sitzen auf weißen Plastikstühlen aufgereiht an der Wand. „Chefin“ ist eine der älteren Frauen, Rhena Shahid aus Hanau. Doch die Hausfrau spricht nur urdu, kann kaum deutsch und überlässt das Reden den Jüngeren, alle studiert und eloquent. „Wir sind die dritte Generation, wollen unsere Gemeinde bekannter machen, die Integration fördern“, sagt Binisch Adil.
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat wurde 1889 in Qadian (Indien) von Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad gegründet. Die Frauengruppe Lajina Imaillah entstand als Unterorganisation 1922, sie ist seit 1975 in der BRD vertreten.
Heute zählt sie bundesweit rund 10 000 Frauen in 244 Gemeinden. In Hanau sind fast 100 Frauen und Mädchen ab 15 Jahren organisiert. Die Ahmadiyya gilt als Reformgemeinde, sie lehnt Gewalt ab und sieht Frauen als gleichberechtigt an. Darum gelten sie bei „Rechtgläubigen“ als Abtrünnige vom angeblich „wahren Islam“.
Für Ahmadiyyas ist soziales Verhalten und der Einsatz für das Gemeinwesen ebenso bedeutsam wie Bildung.
In Deutschland gehört die Gemeinde mit über 30 000 Mitgliedern zu den größten islamischen Organisationen. (ute)
Sie ist innerhalb der Hanauer Frauenorganisation Lajna Imaillah mit rund 100 Frauen zuständig für den interreligiösen Dialog. Khola Maryam Hübsch ist das auf der nationalen Ebene, lebt in Frankfurt und studiert in Mainz. Rashda Mahmood aus Hanau studiert BWL in Fulda und ist ebenfalls für Hanau zuständig. „Wir organisieren Weiterbildungen, Diskussionen, Gruppentreffen, Wettbewerbe, Freizeiten, Sportevents, Basare und externe Dialogveranstaltungen wie etwa beim Hanauer Frauentag“, sagt Hübsch. „Wir arbeiten wie die Männergruppen selbstständig und eigenverantwortlich“. Mahmood fügt an: „Wir verwalten uns unabhängig von den Männern, finanzieren uns wie diese durch Spenden und führen dieselben Programme durch.“
Die Gemeindefrauen suchen laut Hübsch Kontakt zu Deutschen, wollen gegen die Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen kämpfen, indem sie auf die erklärte Gewaltfreiheit der Ahmadiyya hinweisen. „Wir wollen niemanden bekehren, lehnen Gewalt, Ehrenmord und Zwangsheirat strikt ab“, sagt sie. Kommunikation findet sie „immens wichtig, um der Ghettoisierung von Muslimen entgegenzuwirken“. Sie ist stolz, dass bei der Frauenwoche Hanau zur Ahmadiyya-Diskussion „Wo bleibt die Frauenbewegung im Islam?“ rund 30 statt angemeldeter sechs Besucher kamen. „Wir haben umgekehrt in der evangelischen Friedenskirche den Weltgebetstag der Frauen besucht. Es war sehr interessant.“ Bei den Tagen der offenen Tür im Versammlungszentrum Daimlerstraße sind interessierte Deutsche stets willkommen. Vor Wahlen wurden deutsche Politiker eingeladen, sie stellten ihre Parteiprogramme vor. „Wir wollen unsere Jugendlichen damit informieren“, erklärt Rashda Mahmood.
Diskussionen fördern
Die Ahmadiyya-Frauen laden ihre Geschlechtsgenossinnen regelmäßig zu Gedichtwettbewerben und Koran-Exegesen ein, damit junge Frauen die freie Rede lernen. Sie starten demnächst ein Presseprojekt für den Nachwuchs, werden also deutsche Zeitungen gemeinsam lesen und darüber diskutieren, stellen ihre Monatstreffen unter ein Diskussionsmotto. „Denn bei vielen jungen Leuten fehlt Allgemeinwissen“, sagen die Frauen. Mahmood erklärt, dass die Freitagsgebete der Imame oder die Koran-Exegesen immer erst auf Deutsch erfolgten und dann auf Urdu übersetzt würden.
Sehr gut findet die Frauengruppe, dass die Hanauer Frauenbeauftragte Imke Meyer eines ihrer Anliegen ernst nimmt: Die Chancengleichheit von Kopftuchträgerinnen bei der Suche von Praktikums- oder Ausbildungsplätzen.

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