Die aktuelle, gerade beginnende Umgestaltung des Freiheitsplatzes sieht Markus Häfner als „historische Fortsetzung dessen an, was bereits in den 50er Jahren geplant war“: „Es bleibt ein Verkehrsplatz, ergänzt um Bibliothek und ein Einkaufszentrum.“ Schon damals hätten die Schwerpunkte „Verkehr und Kommerz“ die Überlegungen dominiert: So gab es unter anderem Entwürfe für eine Markthalle im ehemaligen Zeughaus oder für Geschäfte im damals noch als Ruine stehenden Stadttheater. Realisiert wurden am Ende der Busbahnhof und der Parkplatz sowie die Ladenzeilen in den Häusern an der Nord- und vor allem der Südseite des Freiheitsplatzes.
Markus Häfner ist kein Politiker, er engagiert sich auch nicht für oder gegen den bevorstehenden Stadtumbau – der 31-Jährige schreibt an einer Dissertation über den Wiederaufbau in Hanau nach dem Zweiten Weltkrieg. Der gebürtige Hanauer hat an der Frankfurter Goethe-Universität Mittlere und Neue Geschichte sowie Politologie studiert und sich bereits in seiner Magisterarbeit diesem Thema gewidmet, außerdem legte er eine Studie zur Historie des Freiheitsplatzes vor. Im Sommer ist Abgabetermin für seine Doktorarbeit.
Dieser zentrale Ort ist mit einer Länge von 220 Metern und einer Breite von 120 Metern (noch) die größte unbebaute Fläche in der Hanauer Innenstadt.
Seinen Namen erhielt der Freiheitsplatz erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin hieß er Paradeplatz. Entstanden ist er ab 1767, als Erbprinz Wilhelm die Befestigungsmauern zwischen Alt- und Neustadt einreißen und die trennenden Wassergräben verfüllen ließ.
Beim Wiederaufbau spielte seine Neugestaltung eine so wichtige Rolle wie heute. Auch damals wurde bereits eine bessere Verbindung von Alt- und Neustadt thematisiert.
In den Nachkriegsjahren entstand auf dem Platz das Wartehäuschen, und rundherum wurden Häuser neu gebaut. Das einzige historische Gebäude steht an der Ostseite: das heutige Behördenhaus, die ehemalige Infanteriekaserne.
Vieles in Hanau war typisch für die Zeit: die Architektur des Wiederaufbaus, der Pragmatismus, der wenig Sinn für Nostalgie-Gefühle ließ, das schnelle Schaffen von vielen Wohnungen, der Vorrang, der dem Verkehr eingeräumt wurde. Doch es gibt auch Besonderheiten: So war Hanau ausgesprochen stark zerstört; zumindest, wenn man Orte wie Kesselstadt oder Steinheim an der Peripherie weglässt, sagt Häfner. „Die Innenstadt war praktisch zu 100 Prozent vernichtet.“ Und dann hat die damalige Rathausspitze ungewöhnlich schnell den Wiederaufbau der Stadt beschlossen, bereits 1946. „In Hessen war keine Stadt so früh dran.“
Damals und in den Jahren bis 1957 wurden insbesondere für den Freiheitsplatz einige Entscheidungen getroffen, die man rückblickend als stadtplanerische Sünden bezeichnen würde. „Nach dem Krieg gab es andere Vorstellungen“, erklärt Häfner, „so war zum Beispiel umstritten, dass die Stadt 1950 Schloss Philippsruhe gekauft hat.“ Heute ist wohl jeder froh über das herrschaftliche Haus in kommunalem Besitz.
Und so kam es, dass in den Nachkriegsjahren am Freiheitsplatz der historische Bau der Hohen Landesschule, die Reste des klassizistischen Stadttheaters (es stand dem Ausbau der Hospitalstraße im Weg) und des Zeughauses (zuletzt Domizil der Feuerwehr) abgerissen wurden. Sie wichen dem DGB-Haus, dem Y-Hochhaus – deren Besitzerin heute selbst um dessen Denkmalstatuts bangt – und dem Busbahnhof.
Kritikern, die jetzt den Verlust der großen freien Fläche beklagen, hält der wissenschaftliche Mitarbeiter der Frankfurter Uni entgegen: „Der Freiheitsplatz war nie ein historisch gewachsener Platz, er wurde künstlich geschaffen.“ Im 18. und 19. Jahrhundert hielten im Osten Soldaten ihre Paraden ab, im Westen konnten die Bürger in einer Esplanade flanieren; Kritiker des Stadtumbaus hätten sie gerne wieder gehabt.
Nach dem Krieg wurde diese Zweiteilung wieder aufgenommen: Da der Busbahnhof, dort Parkplätze; sogar eine Tankstelle war en im Gespräch. Nach langen Diskussionen und mehreren Vorschlägen bis hin zum Rathaus-Neubau am Freiheitsplatz entschied sich die Politik damals für diese Variante – Kontroversen um diesen zentralen Ort in der Innenstadt haben in Hanau Tradition.
Auch wenn man sich aus heutiger Sicht eine charmantere Lösung hätte vorstellen können, so nimmt Markus Häfner die damals Verantwortlichen doch gegen Kritik in Schutz: „Hanau hatte keine andere Möglichkeit für den Busbahnhof. Es war die letzte unbebaute Fläche in der Mitte.“

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+