Unter dem Motto "Zurückschalten" stand das 28. gemeinsame "Anlassen" in und an der kleinen Bergkirche von Niedergründau (Main-Kinzig-Kreis) am gestrigen Sonntag. Dank des traumhaften Wetters dröhnten rund 20 000 Biker auf ihren Maschinen herbei, darunter sogar einige aus Nord- und Süddeutschland. Sie nahmen vom Hanauer Bikerpfarrer Ruprecht "Rupi" Müller-Schiemann, offiziell "Beauftragter für die Motorradfahrer-Seelsorge der evangelischen Landeskirchen Kurhessen-Waldeck sowie Hessen und Nassau", beim traditionellen Motorradgottesdienst den kirchlichen Segen für die kommende Zweirad-Saison entgegen.
Das lautstarke Pferdestärken-Spektakel, mitorganisiert vom Verband christlicher Motorradfahrer (VCM), nehmen die Dorfbewohner seit Jahren mit Gelassenheit. Sie kennen die Konvois, stellen manchmal sogar Gartenstühle in die Vorgärten, um den Anblick der "Easy Rider" zu genießen. Zudem sorgen zahlreiche freiwillige Helfer in signalgelben Jacken und eine gute Beschilderung dafür, dass nicht sämtliche Zufahrtssträßchen zur Bergkirche zugeparkt werden. Nur die Straße von der Kirche hinab durch blühende Wiesen Richtung Kompostierungsanlage ist hoffnungslos zugestellt.
Tausende Motorräder aller Art parken dicht an dicht, Biker lagern in Gruppen unter Bäumen oder sitzen auf Mäuerchen. Es ist ein Happening, man sieht und wird gesehen. Es wird gefachsimpelt und neugierig geäugt, wer das augenfälligste Tuning hat. Einer, bekannt als "Big George", hat eine kleine Hundehütte auf einem Anhänger an seine Bike montiert. Jeder, der hier vorbeikommt, schmunzelt.
Mit der Maschine zum Altar
Pfarrer "Rupi", der den Weg zum Altar wie immer mit einer dicken Maschine nahm, taufte erneut zwei Kinder von Motorrad begeisterten Eltern: Noel Valentin Kraus und Lina Marie Wenzel. Und auch eine Trauung wurde von den Bikern beklatscht: Franziska Umbach, ungewöhnlicherweise in einem langen, weißen Brautkleid, donnerte als Sozia von "Rupi" bis vor den Altar, wo ihr Liebster Mario Wenzel in schwarzer Lederhose und weißem Hemd bereits auf sie wartete.
Nur etwa zehn Prozent der Biker sind aus religiösen Motiven hier, schätzt "Rupi" seit Jahren. Das sei in Ordnung so. Hier werde nicht missioniert, auch wenn der Grundgedanke ein ökumenischer ist. "Rupi" selbst fällt sowieso aus dem geistlichen Klischee, dafür ist er längst prominent: Unten Motorradhose und -stiefel mit Protektoren, oben weißer Hemdkragen, schwarzer Pullover und darüber ein dickes goldenes Kreuz.
"Wer hastig läuft, tritt fehl
"
In des Pfarrers Predigt, immer wieder unterbrochen von rockiger Musik der Formation "rent-a-band", geht es um Themen wie "Sehnsucht nach mehr" oder Inhalte des Korintherbriefes " wer hastig läuft, tritt fehl ". Dazu gibt es einen Sketch eines Biker-Paares: Sie will immer nur weiter, weiter und viel schneller fahren, er mag es lieber gemütlich, will die Landschaft wahrnehmen - und damit nicht zuletzt sich selbst, das Leben an sich. Endlich entdeckt auch sie den Reiz der Langsamkeit, entsagt dem Stress des Kilometerfressens.
Auch ein Psalm wurde verlesen und die rund 2000 Biker in der kleinen Kirche sprachen den Refrain: "Wir gewinnen Raum, verlieren Zeit. Was bringt die Welt, wenn sie vorübereilt?" Viele nicken zustimmend, denken vielleicht schon jetzt an den Herbstgottesdienst, der die Saison beenden wird.
Nach dem Gottesdienst taucht das Motto "Zurückschalten" wieder auf - als ein Aspekt der Fahrsicherheitstrainings Dieses bot der ADAC Hessen-Thüringen in seinem Fahrsicherheitszentrum Rhein-Main im benachbarten Gründau an. Hochschalten konnten letztlich nur die Profi-Biker des ADAC bei ihrer Show. Die Dekra präsentierte die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der technischen Sicherheit.
Rock-Klassik am frühen Abend
Die Fahrt der 20 000 Biker endete auf dem Kasernengelände in Gelnhausen. Auf einer Bühne des Hessischen Rundfunks coverte die Tom-Pfeiffer-Band, nach dem Gewinn eines Band-Contest derzeit "hr1-Band 2009", bis zum frühen Abend lautstark diverse Klassik-Rock-Titel. Melodiösen Hardrock aus Nordirland spielte die Belfaster Formation "Pay*ola". Und selbst harte Biker staunten schließlich über die Fallschirmspringer des Aero-Clubs Gelnhausen.

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