Für den Hanauer Landtagsabgeordneten Aloys Lenz (CDU) ist es schlicht „ein kulturelles Armutszeugnis“: Nach Auskunft des hessischen Wissenschaftsministeriums hat die Bevölkerung längst nicht in jeder Kommune Zugriff auf ein akzeptables öffentliches Medienangebot. Absolute Mangelgebiete im Main-Kinzig-Kreis sind Brachttal, Ronneburg, Sinntal und Steinau.
Lenz ist als Vorsitzender des Hessischen Bibliotheksverbands bei diesem Thema besonders engagiert. Er hat mit einer Kleinen Landtagsanfrage Einzelheiten eruiert und sieht über die vier genannten Orte hinaus Defizite. Seine Kritik richtet sich an vergleichsweise große Städte und Gemeinden wie Bad Soden-Salmünster und an relativ wohlhabende Kommunen wie etwa Gründau, Biebergemünd oder Wächtersbach. Diese „besitzen keine eigene Bücherei, sondern lediglich kirchliche Einrichtungen mit zumeist eher geringem Bestand“.
Insgesamt sieht Lenz den Kreis bei der Ausstattung mit insgesamt 57 öffentlichen und privaten Bibliotheken im Landesvergleich in einer mittleren Position, wie er der Frankfurter Rundschau sagte. „Ganz Nordhessen ist sehr schlecht versorgt, während die Lage im Speckgürtel rund um Frankfurt recht gut ist.“
Zu den Vorzeigekandidaten „mit einem beachtlichen Medienbestand und hoher Professionalität“ im Kreis rechnet Lenz Hanau, Rodenbach, Bruchköbel, Erlensee, Gelnhausen und Freigericht. Auch Maintal mit nicht weniger als vier kommunalen Stadtteilbibliotheken findet Anerkennung bei dem Verbandsvorsitzenden.
Literatur nur im Museum
Kopfschütteln hingegen erntet besonders Steinau, die Brüder-Grimm-Stadt, die mit einem prägnanten Museum von überregionaler Strahlkraft ihr kulturelles Erbe pflegt. Kein literarisches Angebot für die Bürger, obwohl die Märchensammler Wilhelm und Jacob Grimm zeitlebens passionierte Bibliothekare gewesen seien, das spießt Lenz als „sicher ungewöhnlichen Tatbestand“ auf.
So ganz will Steinaus Bürgermeister Walter Strauch (SPD) den Seitenhieb nicht einstecken. „Wir hatten eine Bibliothek, die zunächst von der Seniorenhilfe betreut wurde“, berichtet er. „Vor drei Jahren wurde der Bestand in die Brüder-Grimm-Schule umgesiedelt. Das war gut organisiert, ist dann aber eingeschlafen. Aber demnächst wollen wir mit Schwung neu starten.“
Erfahrungsgemäß werde nur zusammen mit der Schule auch eine Nachfrage erreicht, die das Angebot rechtfertige, sagt Strauch. Bei manchen Städten ohne eine solche Kooperation „läuft es überhaupt nicht“. Wie Steinau hätten auch andere Kommunen Probleme, bei leeren Kassen solche kulturellen Angebote zu stemmen. „Bei manchen Kommunen mit dem Prädikat Erholungsort hat die Bibliothek nur Alibi-Funktion. Dort findet man nicht einmal eine Tageszeitung.“
Das Land zahlt zwar jährlich Zuschüsse, den Löwenanteil müssen aber die Kommunen selbst bestreiten. Ist die Online-Ausleihe eine Lösung, bei der die Bücher übers Internet auf den heimischen Computer geladen werden? Hanau bietet das seit 2010 an. „Nur eine Ergänzung“, sagt Lenz, „das Medienangebot ist sehr begrenzt.“ Diese Neuheit werde örtliche Medienzentren keinesfalls verdrängen. Davon seien die Bibliothekare unisono überzeugt.

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