Schon vor mehr als tausend Jahren wurde auf dem Dottenfelderhof Ackerbau betrieben. Im Jahr 976 erhielten Mönche von Worms das Gut als Lehen von Kaiser Otto II. und behielten es bis 1803. Seit 1968 bewirtschaften fünf anthroposophisch orientierte Familien den Betrieb biologisch-dynamisch.
Derzeit leben rund 100 Menschen auf und von dem Demeter-Hof mit 150 Hektar Land, berichtet ihre Sprecherin Margarethe Hinterlang. Sie treffen Entscheidungen nach dem Einmütigkeitsprinzip und leben aus einer gemeinsamen Kasse. Der Hof gehört nun einer als Verein organisierten Landbauschule.
Zehn Jahre dauert es, bis eine neue Getreidesorte entwickelt und zugelassen ist. Der Dottenfelderhof züchtet Bio-Saatgut der Zukunft, das auch ohne Kunstdünger wächst. Es gibt in Deutschland nur zwei weitere Betriebe dieser Art: Im norddeutschen Darzau und in Salem am Bodensee.
Zur Zucht gehört das Dreschen – eine staubige Angelegenheit. Selbst dann, wenn man die Ähren und Rispen einzeln ausschlägt. So sitzt der 37-jährige Alexander Ptok mit vorzeitig ergrauten Haaren an der Maschine. Monatelang, tagein tagaus. Er zieht einen Hafer-Halm aus der Papiertüte und hält die Rispe kopfüber in die rote Mini-Dreschmaschine. Es raschelt, dann landen gut 30 Körner in der Plastikschale. Ptok legt einen nummerierten Papierstreifen hinzu. Dann zieht er den nächsten Halm aus der Tüte. „Mit dem Winterweizen bin ich durch“, sagt der gelernte Zierpflanzengärtner. „Jetzt ist der Sommerhafer dran.“ Die Samenschachteln stapeln sich in grünen Gemüsekisten bis zur Decke des Schuppens.
Sieben Jahre lang werden die von Ptok gedroschenen Körner immer wieder ausgesät, selektiert und gekreuzt. Auf sechs Hektar kümmern sich am Dottenfelderhof und zwölf weiteren Stellen vier Arbeitskräfte um 17.000 kleine Versuchsparzellen mit Roggen, Weizen und Hafer. Die Pflanzen werden mit der Schere geerntet.
Nach dem Zulassungsantrag prüft das Bundessortenamt noch drei Jahre lang, ob die neue Sorte beständig und gut ist. Bio-Getreide muss ohne Kunstdünger und ohne chemischen Pflanzenschutz Ertrag bringen. Von 100 Winterweizensorten hat das Bundessortenamt in Hannover nur vier Sorten mit Öko-Qualitäten registriert. Von den 55 registrierten Sommergerste-Sorten sind zwei besonders für Bio-Höfe geeignet. Sieben Bio-Getreidesorten sind im Zulassungsverfahren.
Eine Million Euro pro Sorte
Für mehr fehlt das Geld: Rund eine Million Euro kostet die Zucht einer neuen Sorte mit guten Wuchs-, Back- und Ernährungseigenschaften. Dabei brauchen die Biobauern dringend geeignete Getreidesaat, denn die Zahl der Bio-Höfe wächst stark.
Bio-Saatgutzüchter Hartmut Spieß, Ptoks Chef auf dem Dottenfelderhof, sagt: „Biogetreide bringt in der Regel weniger Ertrag. Aber er gibt keine überschüssigen Nitrate in den Boden ab.“ Das mache das Bio-Saatgut auch für konventionell arbeitende Bauern attraktiv. Außerdem sei Bio-Saatgut kein Konzern-Eigentum, sondern für alle nutzbar, die Züchter kassierten lediglich eine Nachbau-Gebühr von den Anpflanzern.
Bio-Getreide müsse längere Halme haben als herkömmliche Sorten, weil das Stroh für das eigene Vieh gebraucht werde, erläutert Spieß – „und damit die Pflanze aus dem feuchten Bodenmilieu herauswächst und weniger Ährenpilze aufnimmt.“
Während konventionelle Landwirte die Parasiten mit chemischen Mitteln bekämpfen, benutzen Spieß und seine Leute gegen den Steinbrand-Pilz ein selbst entwickeltes Stärkungsmittel auf Senfmehlbasis. Den noch ansteckenderen Flugbrand-Pilz halten sie mit der selbst gezüchteten Weizensorte „Butaro“ in Schach. Sie sei resistent gegen Pilze, sagt Spieß. Robustes und genügsames Getreide sei auf der ganzen Welt begehrt. So bekomme der Dottenfelderhof Besuch von Experten aus China, Japan und sogar aus Nordkorea. (dpa)
Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie dazu bitte auf das orange Symbol.