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Hanau
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01. Februar 2013

Hanau Daimlerstraße: Am Rand der Stadt

 Von 
 

In der Daimlerstraße sind Vermüllung und Kriminalität die größten Probleme. Nachbarn geben Zuwanderern aus Rumänien die Schuld. Die öffentliche Hand hat eine Task-Force Daimlerstraße gegründet, droht aber trotzdem die Kontrolle zu verlieren..

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Müll, überall Müll. Die Tonnen quellen über; alte Teppiche, Schränke, Stühle, Elektrogeräte, Essensreste und Verpackungen liegen vor den weißen Häusern im Schnee; Einkaufswagen sind mit Lumpen vollgestopft. Die Eingangstüren stehen offen, einige Scheiben sind zerschlagen. An den Klingelschildern sind keine Namen, dafür aber an den Briefkästen im Hausflur, wo es nach Abfall und Urin stinkt. Oft stehen mehr als zehn verschiedene, fast ausschließlich rumänische Namen auf einem Kasten. Im Hinterhof parken zwölf zum Teil schrottreife Kleintransporter.

Samstagvormittag in der Daimlerstraße, in der Nähe des Hauptbahnhofs, am Rande der Innenstadt. Sechs Jungen und Mädchen, die hier wohnen, rennen immer wieder auf die Fahrbahn. Sie versuchen, die Autos anzuhalten, die gegenüber Sperrmüll abgeben wollen, auf dem städtischen Betriebshof. Die Kinder laufen auf die Straße, auch wenn die Wagen schneller als 30 fahren und scharf bremsen müssen. „Geben Müll!“, rufen sie. Wenn ein Auto mit Anhänger anhält, durchsuchen sie ihn sofort nach Möbeln und Metall. Ein Autofahrer fühlt sich bedrängt und drückt wieder aufs Gaspedal, ein anderer gibt seinen Müll freiwillig her.

Die weiße Häuserzeile in der Daimlerstraße ist in Verruf geraten. Sie taucht häufiger im Polizeibericht auf, meistens geht es um Diebstahl. Im Polizei-Jargon heißt es dann: „Ein Elternpaar und eine ganze Schar von Kindern stibitzten einer 64-Jährigen am Mittwoch aus deren Auto die Handtasche. Die Hanauerin wollte gegen 16 Uhr Sperrmüll am Bauhof abliefern.“

Wer sich in der Nachbarschaft umhört, stößt auf Verzweiflung, Wut, Rassismus – und viele Verdächtigungen. Es ist die Rede von Vandalismus. Und von Rattenhorden, die durch den Müll angelockt werden. Von Lärm bis tief in die Nacht und täglichen Diebstählen. Und von Mafiabossen, die in Luxus-Autos vorfahren und Geld von den Menschen aus der Daimlerstraße kassieren sollen. Angeblich sollen die Bewohner im Auftrag dieser Paten Sperrmüll sammeln, stehlen und als Tagelöhner arbeiten.

„Es ist wie im Wilden Westen. Wir trauen uns kaum noch her. Wenn nicht schnell etwas passiert, knallt es hier“, schildert ein Mitarbeiter der Stadt seinen Eindruck. Mehrere Nachbarn sagen: „Die Zigeuner sollen abhauen.“ Und: „Was hier los ist, ist schon lange bekannt. Aber es ändert sich nichts.“

Die Schwierigkeiten in der Daimlerstraße seien „vielfältig“, sagt Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD). „Sie reichen von Seiteneinsteigern im Grundschulbereich ohne Deutschkenntnisse über Durchsetzung der Schulpflicht, Wohnungsbelegung bis hin zu Vermüllung und Kriminalität.“ Seitdem ihr Land 2007 der Europäischen Union beigetreten ist, genießen Rumänen Freizügigkeit in der EU. Das habe zu einer „Wanderungsbewegung in die reicheren Staaten“ geführt. Die Folge: Eine „Konzentration von armen südosteuropäischen Zuwanderern mit geringem Bildungsniveau“, so Weiss-Thiel.

345 Menschen mit rumänischem Pass sind in der Straße gemeldet, die meisten sind Roma. Wie viele es tatsächlich sind, weiß niemand. In einigen Wohnungen sollen an die 30 Menschen leben. Fast alle können sich keine Krankenversicherung leisten.

Ein Vormittag unter der Woche: Immer wieder fahren Kleintransporter auf den Parkplatz. Ein paar Männer verladen Sperrmüll, Jungen im schulpflichtigen Alter helfen ihnen. „Deutschland gut. Alles besser als Rumänien. Ich hier Arbeit, Kinder Schule“, sagt ein 37-Jähriger, der vor einem der Häuser steht. Dann fragt er: „Ich mache alles. Hast du Arbeit für mich? Oder zehn Euro für Essen?“ Er müsse fünf Kinder durchbringen. Das sei schwierig, weil die Stadt ihm kein Geld gebe. Und weil die Miete so hoch sei: mehrere Hundert Euro für ein Zimmer.

Ein anderer klagt: „Hanau good. But people not want us, because we Roma. Why? We are all human.“ Aus seiner Familie klaue niemand, für die anderen Rumänen könne er keine Verantwortung übernehmen. Dass so viel Müll auf dem Gelände sei, liege nur daran, dass nicht genügend Tonnen bereitgestellt würden.

Die Stadt Hanau hat eine Task-Force für die Daimlerstraße gegründet. Der Arbeitsgruppe gehören unter anderem Ausländerbehörde, Polizei, Ordnungsamt und der Fachbereich Bildung/Soziale Dienste/Integration an. Die Stadt verfolge zwei Stränge, sagt Weiss-Thiel. Zum einen müssten Polizei und Ordnungsamt durchsetzen, dass Gesetze und Regeln eingehalten würden. Zum anderen gelte es, „die Kinder und Familien bei der Integration zu unterstützen, Sprachkenntnisse und die Grundregeln der deutschen Gesellschaft zu vermitteln“.

Weiss-Thiel räumt ein, dass die Stadt keine Sozialarbeiter hat, die für diese Einwanderergruppe geschult sind. Er fühlt sich alleingelassen von der EU, dem Bund und dem Land. Mehrere Kommunen hätten um Hilfe gerufen, doch die Unterstützung sei dürftig. Die EU müsse einschreiten: „Solange sich die Zustände in den Herkunftsländern nicht ändern, wird der Zustrom anhalten.“ Bund und Land müssten Fachleute zur Verfügung stellen, die wissen, wie man diese Zuwanderer gut integrieren kann. Eine Mitschuld gibt Weiss-Thiel dem Vermieter der Wohnungen: Er wolle nicht kooperieren.

Der Vermieter hält diese Aussage für eine Frechheit. Er sammelt Müll neben einem seiner Häuser auf. Plötzlich packt er einen Jugendlichen, der neben ihm steht, stößt ihn zur Seite und schreit: „Mach dich ab, du kriminelles Arschloch!“ Was das soll? „Der Typ hat gesagt, er sorgt er dafür, dass niemand mehr etwas kaputt macht, wenn ich ihm Geld gebe.“ Von den meisten rumänischen Zuwanderern bekomme er gar keine Miete, das Geld würden andere einsacken. Deshalb habe er 20 Räumungsklagen eingereicht. Er fühlt sich von der Stadt und von der Polizei „total im Stich gelassen“. „Ein Skandal“ sei deren „Untätigkeit“. „Die illegalen Mieter machen alles kaputt und scheißen ins Treppenhaus. Ich komme nicht hinterher mit den Reparaturen“, sagt der Vermieter. „Immer mehr von denen kommen her. Die ziehen einfach ein, und ich kann nichts dagegen tun.“ Es handle sich um „organisierte Kriminalität“. Jemand wolle ihn „rausdrängen und mein Anwesen komplett übernehmen“. Deshalb würden die Bewohner seine Häuser zerstören, sagt er und zeigt auf aufgebrochene Briefkästen, kaputte Stromkästen und Brandflecken an den Wänden.


Die Polizei mahnt zur Gelassenheit. „Wir kümmern uns intensiv um die Probleme dort, aber die Daimlerstraße ist keine No-go-Area“, sagt Burkhard Kratz, Leiter der Hanauer Polizeistation. Die Gegend sei weder ein Ghetto noch ein rechtsfreier Raum, die Bewohner respektierten die polizeiliche Autorität. Ja, bei Eigentumsdelikten sei die Zahl der Tatverdächtigen aus der Daimlerstraße leicht gestiegen. An Gewaltdelikten seien sie jedoch nicht beteiligt.

Vom angeblich organisierten Verbrechen weiß die Polizei nichts, bestätigt aber, dass in der Straße offenbar viel mehr Menschen wohnen als gemeldet sind. Und dass wohl viele Scheinselbstständige darunter sind, die als Tagelöhner ausgebeutet werden. Ende 2012 waren dort mehr als 120 Gewerbe gemeldet.

Die Polizei habe ihre Präsenz vor Ort erhöht, sagt Hans Günter Knapp, Leiter der Polizeidirektion Main-Kinzig. Oft mussten Polizisten kaputte Transporter stilllegen, mit denen die Rumänen Sperrmüll transportieren. Mehrfach haben sie vormittags Jungen und Mädchen angetroffen, die eigentlich in der Schule sein müssten. Und es ist schon vorgekommen, dass Knapps Mitarbeiter Kinder aus der Daimlerstraße aus Kleidercontainern befreien mussten. Sie waren reingeklettert, um Kleidung rauszuholen. „Am wichtigsten ist es, die Kinder zu integrieren. Dann kommen sie nicht auf dumme Gedanken“, sagt Kratz.

Die Anne-Frank-Schule hat Zuwachs bekommen: Im Sommer waren 248 Kinder an der Grundschule gemeldet, jetzt sind es mehr als 300. Ein Teil der Neuen kommt aus der Daimlerstraße. Aus dem Umfeld der Schule ist zu hören, die Einwandererkinder würden die Klassen belasten; es sei sehr schwierig, sie zu integrieren. Schulleiterin Monika Joseph widerspricht entschieden. Und sie will auch nicht von „den Kindern aus der Daimlerstraße“ sprechen. Sie wolle nicht separieren, sondern integrieren. Und vermeiden, dass ein schlechtes Licht auf ihre Schule fällt. Nur etwa 30 von allen Schülern stammen nicht aus einer Migrantenfamilie, deshalb setzt Joseph auf intensive Sprachförderung und interkulturelles Lernen.

Mit Erfolg. Davon künden mehrere Urkunden im Schulgebäude: 2009 hat die Schule den Integrationspreis für ein Mädchenfußball-Projekt bekommen; sie ist Projektschule für „Deutsch & PC“ und „Umweltschule“. Und im von Schülern gestalteten Logo der Anne-Frank-Schule steht das Wort „Schule“ in 23 Sprachen geschrieben. Mit ihrer Strategie wollen die Lehrer den Kindern helfen, einen erfolgreichen Bildungsweg einzuschlagen. Die Belastung sei zwar höher, gibt Joseph zu: „Früher hatten wir fünf Seiteneinsteiger, jetzt sind es 30.“ Aber sie setzt auf „das enorme Engagement unserer Lehrkräfte“ und glaubt fest daran, dass die Kinder gute Schüler werden können – auch wenn sie vorher noch nie einen Stift in der Hand hatten und einige der Eltern Analphabeten sind. Stadt und Land unterstützen die Schule mit Zusatzpersonal. Die räumlichen Kapazitäten jedoch sind erschöpft: „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Joseph.

Konrektorin Katja Wecker unterrichtet einen Seiteneinsteiger. Sie erzählt, dass das Kind alles aufsauge wie ein Schwamm: „Am Anfang konnte er kein Wort Deutsch. Letztens hat er auf den Adventskalender gezeigt und perfekt formuliert: ,Was ist da drin?’“ Es sei „wundervoll“, welche Fortschritte die Kinder machten. Wie stolz sie seien, wenn sie mit einem Stift umgehen könnten. „Wir sind bunt. Jedes unserer Kinder hat ein besonderes Talent. Wir helfen ihnen, es zu finden.“ Das sei ihre Philosophie, so Joseph und Wecker. Wie viele Kinder aus der Daimlerstraße nicht zur Schule gehen, können sie nicht wissen.

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