Schloss Philippsruhe, erster Stock. Mitten im Raum in einer Hochsicherheits-Vitrine steht das gute Stück: der Hanauer Ratspokal, gülden und überaus vielfach ziseliert. Hanns Rappold, Zunftmeister der Goldschmiede, hat ihn von 1621 bis 1625 geschaffen. So wollen es uns die Historiker weismachen.
Aber tatsächlich schuf das edle Kunstwerk ein gewisser Johann Sperling, Geselle bei Rappold. Der Pokal des Zunftmeisters ging andere Wege, die hier nicht verraten werden. Im Museum steht nur die Sperling´sche Kopie. So sagt es Christiane Gref.
Die 34-Jährige, die fast um die Ecke wohnt, ist von dem außergewöhnlichen Beispiel der frühen Hanauer Goldschmiedekunst schon lange fasziniert. Nun hat sie seine Geschichte in einen Roman gefasst: "Das Meisterstück". Warum der Geselle eine Kopie vom Original herstellt, ist jener unsicheren Zeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts geschuldet.
Intrigengeflecht zwischen Bürgern, Räten und Grafen
In dichterischer Freiheit legt Christiane Gref einen Schleier der Intrigen über die Alt- und die Neustadt und ihre Bürger, den Rat und die Gräflichkeiten im Schloss, alles vor dem Hintergrund des 30-jährigen Kriegs, der gerade begonnen hat. Rappold, den es im Gegensatz zu Johann Sperling wirklich gab, ist im Übrigen tatsächlich eine geheimnisvolle Figur, "über den ich bei meinen Recherchen kaum etwas gefunden habe".
Die wahre Geschichte des Ratspokals ist nicht minder geheimnisvoll. Erzählungen ihrer Schwiegermutter, einer Kesselstädterin, hatten Christiane Gref seinerzeit neugierig gemacht. 1880 wurde der Pokal an die Sammlung Rothschild für 20.500 Reichsmark verkauft und war zwischen 1911 und 1980 verschollen. 1990 kaufte ihn die Stadt zurück, mit Hilfe vieler großzügiger Hanauer.
Die Autorin, die bereits seit einigen Jahren Kurzgeschichten und anderes, insbesondere aus dem Science-Fiction-Bereich, schreibt, wagte sich schließlich an ihren ersten historischen Roman. Dem voraus gingen umfangreiche Recherchen, zunächst im Internet, dann in der Stadt und ihren geschichtlichen Sammlungen. "Eine ganz große Hilfe war mir Anton Merk", sagt Gref. Merk war Leiter des Museums Philippsruhe und gilt als wandelndes Geschichtslexikon Hanaus.
Eineinhalb Jahre hat Gref an "Das Meisterstück" gearbeitet, immer nebenher, denn die Familie (Ehemann, zweijähriger Sohn) und Beruf (Qualitätsmanagement bei Heraeus) durften nicht zu kurz kommen. "Den Roman habe ich bestimmt fünfmal geschrieben", immer wieder waren neue Details hinzugekommen.
Heraus kam "ein tolles Erstlingswerk", wie ein Leser das Buch im Internet beschreibt. Dass es ein Erstlingswerk ist, merkt man an einigen Stellen durchaus, dennoch muss sich das Buch nicht hinter einschlägigen historischen Romanen verstecken. Das nächste Werk ist schon in Arbeit, es spielt 1805 in Weimar. Den Ratspokal findet Gref übrigens "hässlich".
Christiane Gref: "Das Meisterstück", Verlag Naumann, Hanau, 272 Seiten, 12,80 Euro.

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