Auf den ersten Blick wirkt die Geste freundlich und harmlos: Ein Mann lädt in eine sogenannte offene Wohnung ein. Ein Junge darf dort nach der Schule Mittag essen oder Playstation spielen. Tatsächlich aber baut der Erwachsene gezielt ein Vertrauensverhältnis auf, das er später für sexuelle Übergriffe ausnutzt.
Die Hanauer Hilfe hat als erste professionelle Beratungsstelle für Opfer und Zeugen von Straftaten in Deutschland im Juli 1984 ihre Arbeit aufgenommen.
Die Lawine setzt sich seit 21 Jahren für Betroffene von sexueller Gewalt beider Geschlechter ein.
Träger beider Einrichtungen sind gemeinnützige Vereine. Beide finanzieren sich aus Zuschüssen des Landes, der Stadt und des Main-Kinzig-Kreises.
Kontakt: Hanauer Hilfe, Salzstraße 11, 06181/24871, Internet: www.hanauer-hilfe.de. Lawine, Chemnitzer Straße 20, 06181/256602, Internet: www.lawine-ev.de.
Genauso sind Fälle zudringlicher Vereinstrainer oder missbrauchender Familienmitglieder bekannt. „In der Öffentlichkeit wird sexualisierte Gewalt in der Regel mit Übergriffen auf Mädchen oder Frauen verbunden, weniger mit Missbrauch an Jungen“, sagt Thomas Lutz von der Hanauer Hilfe.
In Hanau verdeutlichte eine Fachtagung, die von den Beratungsstellen Hanauer Hilfe und Lawine initiiert wurde, die Problematik: Jeder siebte bis neunte Junge wird im Verlauf von Kindheit und Jugend zum Opfer sexualisierter Gewalt. Die beiden Beratungsstellen wollen das Thema stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken. In Schulen und zahlreichen Einrichtungen der Jugendhilfe leisten die Mitarbeiter der Organisationen bereits seit längerem Aufklärungsarbeit.
Die Lawine unterstützt Jungen bis zum Alter von zwölf Jahren, ältere Jugendliche und junge Männer berät unter anderen Thomas Lutz von der Hanauer Hilfe. „Als Opfer zu gelten, ist bei Jungs nahezu ausgeschlossen“, sagt er. „Viel ist dabei mit Schuld-und Schamgefühl verbunden. Häufig besteht auch die Angst, in die homosexuelle Ecke gestellt zu werden. Dies hängt mit der spezifischen Rollenzuweisung der Geschlechter zusammen.“ Hier müsse die männliche Rolle in Frage gestellt werden. Das seien oftmals auch die Gründe, sich jemandem nicht anzuvertrauen. Auch von Familie und Freunden werden diese Übergriffe häufig nicht als Gewalt wahrgenommen oder verharmlost.
Während die Jungen in der Lawine die Möglichkeit haben, das Geschehene bei einer Kinder- oder Traumatherapie zu verarbeiten, hilft Lutz in beratenden und therapeutischen Gesprächen. Beide Einrichtungen begleiten Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch Strafverfahren oder vermitteln sie in psychotraumatologische Fachkliniken oder an Psychotherapeuten. Beratung und Therapie dauern manchmal bis zu drei Jahre, mancher sucht sogar als Mittzwanziger erneut das Gespräch.
Hilfestellung ist oft in besonderen Lebenssituationen vonnöten: Von der Kindheit hin zur Pubertät, bei Lebenskrisen wie Scheidung, nach Unfällen. Dann kommen die alten Gefühle und Bilder des Missbrauchs wieder an die Oberfläche. „Es braucht viel Zeit über Gefühle wie Ekel, Wut und über die vermeintlich liebevollen Verstrickungen zu reden,“ so Lutz.
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