Die Turngemeinde Hanau feiert in diesem Jahr ihre Gründung vor 175 Jahren. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Vereins, dessen Mitglieder an der Revolution von 1848/49 beteiligt waren. Der Historiker Torben Giese hat sich mit der Rolle der Hanauer Turner in der Demokratie- und Freiheitsbewegung auseinander gesetzt.
Überschätzt der Verein sein historisches Verdienst?
Eindeutig nein. Die überregionale Bedeutung der Hanauer Turner ist eindeutig belegt. Die Stadt war ein Hort demokratischer Umtriebe und die Turngemeinde war der radikalste Verein seiner Zeit.
Wie kam es dazu?
Hanau befand sich am äußersten Rand des Kurfürstentums, den Leuten ging es wirtschaftlich schlecht, es gab Aufstände. Gleichzeitig wurden sie am Ende der Freiheitskriege bitter enttäuscht, weil sich ihr Wunsch nach Freiheit nicht erfüllte. Diese Ideen lebten in der Turnerbewegung fort. Das kann man durchaus mit der Bewegung in der arabischen Welt vergleichen, wo die Fußballvereine ja auch eine entscheidende Rolle bei den Protesten gespielt haben.
Es ging also nicht nur um das Turnen?
Genau. Das diente zwar grundsätzlich der körperlichen Ertüchtigung, wurde aber auch von manchen – gerade von der Turngemeinde Hanau – als politischer Akt für ein geeintes, demokratisches und freies Deutschland gesehen. Darüber kam es übrigens auch zum Konflikt unter den Turnvereinen. Als die sich nach dem Aufruf August Schärttners und der Turngemeinde in Hanau trafen, konnten sie sich nicht auf eine Satzung einigen. Den meisten gingen seine politische Ideen zu weit. Turnvater Jahn selbst warb lediglich für nationale Einheit. Für die Obrigkeit war Schärttner daher damals das Schreckgespenst schlechthin.
Das heißt, der Turnerbund wurde gar nicht hier gegründet?
Doch sehr wohl, nur war das ganze eine viel diskutierte Angelegenheit. Im April 1848 wurde der Deutsche Turnerbund gegründet, nur blieb die Frage der politischen Bedeutung des Turnens ungeklärt. Um das Problem zu lösen, kam es zwei Monate später zu einem zweiten Turnertag in Hanau. Dort hat Schärttner dann mit seinen Hanauer Turnern den Demokratischen Turnerbund gegründet, der das Turnen einem demokratisch-freiheitlichen, geeinten Deutschland verpflichtete. Dementsprechend zogen die Hanauer Turner dann auch im Mai 1849 in den Badischen Aufstand, um die Werte der Revolution zu retten. Doch mit der Niederlage gegen Preußen und Österreich-Ungarn ging nicht nur der Demokratische Turnerbund unter, sondern die überlebenden Hanauer Turner gingen sogar ins Exil.
Warum glauben Sie, ist so wenig über diese bewegte Geschichte bekannt?
Zum einen widerspricht diese Geschichte dem gängigen Bild der nationalistischen, volkstümlichen Turner. Zum anderen gibt es aus der Zeit wenige Dokumente. Das meiste wissen wir aus den Akten der Prozesse gegen die Turner-Revolutionäre, aus dem Staatsarchiv und der Stadtchronik. Das Archiv der TGH ist ab 1870 relativ gut. Das war aber die Zeit, als die Hanauer Turner längst auf einem nationalen Kurs waren. Da gab es dann auf einmal Vereine wie die 1860er, die sich viel eher für Demokratie, Freiheit und die Arbeiterschaft einsetzten.
Das Interview führte Christoph Süß.

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