Es ist die "Borniertheit" auf beiden Seiten, die sie so sehr stört. Die einen kritisieren die ehemalige DDR, obwohl sie die nie kennenlernten, die anderen - zumeist Ältere - hätten sie am liebsten zurück. Ulrike Fleissner wohnt seit einigen Monaten in Hanau, aufgewachsen ist sie in Magdeburg.
Neun Jahre war sie alt, als die Grenze fiel, und sehr intensiv hat sie dieses Ereignis nicht wahrgenommen. Das lag wohl auch daran, dass ihre Eltern und Großeltern nicht zu den DDR-Bürgern gehörten, die alles hinter sich ließen und in den Westen strömten. Ihre Familie lebt noch heute in Magdeburg, obwohl sich ihre Eltern schon bald beruflich ins nahe Niedersachsen orientierten. Ihr Vater ist Lehrer bei Peine.
Tochter Ulrike hat die Möglichkeiten, die sich nach der Wiedervereinigung boten, intensiv genutzt - auch, weil ihre Eltern und Großeltern sie vor 1989 nicht nutzen konnten: reisen, arbeiten und lernen im Ausland. Nach einer Ausbildung zur Rechtsanwalts-Fachangestellten noch in Magdeburg begann sie ein Geschichtsstudium in Braunschweig, derzeit studiert sie in Frankfurt am Main auf Lehramt.
Eine gute Erinnerung hat sie an ihre DDR-Schulzeit: "Die Gemeinschaft war höher angesiedelt." Das einzige Unangenehme für sie: "Der Fahnenappell jeden Montag." Das Schulsystem mit Ganztagsbetreuung und starker Leistungsorientierung habe ihr gepasst, besonders im sportlichen Bereich.
Seit ihrem achten Lebensjahr spielt sie Basketball, früher beim USC Magdeburg, jetzt bei der TG Hanau - die Mannschaft arbeitet am Aufstieg in die Regionalliga.
Problematisches Heimatgefühl
Naturgemäß hat die DDR und ihre Wirklichkeit in ihrem Leben nicht die Rolle gespielt wie bei Älteren. Nichtsdestoweniger sieht Ulrike Fleissner sich immer wieder in der Rolle, deren System auch mal verteidigen zu müssen. Selbstbewusst genug dafür ist sie: "Mittlerweile weiß ich, was ich kann".
Was sie regelrecht aufregt: "Wenn 19-, 20-Jährige alles besser wissen, wie schlimm es damals angeblich war." Aber auch, wenn in ihrer älteren Verwandtschaft noch heute behauptet wird, in der DDR sei alles besser gewesen. "Ich stehe da oft etwas dazwischen."
Probleme hat sie mit dem "Heimatgefühl". Sie war, zumeist durch den Sport, schon in den USA, in Israel, in Kapstadt - in Magdeburg möchte sie nicht mehr leben. "Höchstens Leipzig käme in Frage", ansonsten zieht sie nicht mehr viel in die sogenannten Neuen Bundesländer.
Und sie gibt unumwunden zu, dass "der Westen" nicht nur für sie, sondern auch für ihre Eltern schon deswegen attraktiver ist, weil man da besser verdient. Die DDR ist für Ulrike Fleissner weit entfernte Vergangenheit. Aber vergessen ist sie deswegen nicht.
Die 29-Jährige ist am kommenden Montag, 9. November, zu Gast in den Kaufmännischen Schulen in Hanau. Dort hat eine elfte Klasse eine Ausstellung zum Fall der Grenze zusammengestellt. Ulrike Fleissner wird gemeinsam mit drei anderen Zeitzeugen berichten - etwa über ihren ersten Besuch "im Westen" kurz vor Weihnachten 1989, der der Neunjährigen eine Barbie-Puppe einbrachte.

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