Günter Emme sagt oft "Dingel, Dingel". Vor seinem Schlaganfall hat der 60-Jährige als Elektroingenieur gerarbeitet. Ein Begriff, der ihm mit Lauten wie "Dschön, Dschön..." kaum über die Lippen kommt.
Seine Lebenslust hat der freundliche Bad Orber dennoch wiedergefunden. Mit einem motorbetriebenen Rollstuhl tourt er durch die Stadt und in der Selbsthilfegruppe für Aphasiker scheut er kein Gespräch - so sehr er auch um viele Wörter ringen muss.
Sein zehnjähriges Bestehen feiert das Aphasiker-Zentrums Bad Orb am Mittwoch, 15. Juli, 14 bis 17.30 Uhr, im MediClin-Zentrum, Spessartstraße 20, mit einem Fest und einer Fotoschau.
Träger der Einrichtung ist ein gemeinnütziger Verein, Vorsitzender der Neurologie-Chefarzt Elmar Ginzburg.
Kontakt: Telefon 06052/808760 oder bad_orb@aphasikerzentrum.de
Schlaganfall, Gehirntumor oder ein schwerer Unfall: mehr als eine halbe Millionen Menschen in Deutschland können nach einem solchen Ereignis kaum noch sprechen, lesen, schreiben oder verstehen, obgleich ihr Denkvermögen kaum beeinträchtigt ist.
Beratungszentrum unterstützt auch Angehörige
"Der Zugriff auf die Bedeutung der Wörter ist gestört, die Verständigung so schwer wie in einer unbekannten Sprache", sagt Sozialpädagogin Birgit Klug aus dem Aphasiker-Zentrum Bad Orb, einem Beratungszentrum, das Betroffene und Angehörige im Umkreis von rund 70 Kilometern unterstützt. Gesprächskreise in der nachstationären Rehabilitationseinrichtung dienen der Entspannung und Kommunikationsförderung.
Es gibt Hilfe bei der Alltagsbewältigung, bis hin zur Unterstützung bei Anträgen für Sozialleistungen. 146 Patienten und ebenso viele Angehörige haben 2008 die intensive Beratung gesucht. Birgit Klug vermittelt den Kontakt zu Therapeuten, koordiniert die Zusammenarbeit mit weiteren Selbsthilfegruppen in Gelnhausen, Schlüchtern, Maintal, Hanau und Obertshausen.
Ausflugsfahrten erfordern akribische Vorbereitung, auch weil die unter Aphasie Leidenden zumeist weitere Behinderungen haben. Dennoch macht Birgit Klug ihre Arbeit Spaß. Freudestrahlend berichtet sie von der Organisation einer Faschingsfeier. "Da hat ein Clown ohne Worte die 55 Besucher zum Lachen gebracht", erzählt sie.
Viele Kranke schämen sich
Die meisten Betroffenen sind erwerbsunfähig. Die Krankheit ist mit Scham und Berührungsängsten behaftet. In der Therapie helfen Bilderwörterbücher und Computerprogramme. Die Sprachstörungen lassen sich nur mühsam durch stetes Training verbessern. Die Umgebung muss behutsam reagieren, Geduld und Respekt zeigen. Ohne Hilfestellung droht der komplette Rückzug bis hin zur Isolation der Betroffenen.
In der Gruppe, die an diesem Montag im MediClin-Reha-Zentrum zusammensitzt, hilft man sich gegenseitig. Zwei Herren aus Fischborn kommen gemeinsam her, spielen in der Freizeit mitunter Karten oder gehen spazieren. "Nur nicht unterkriegen lassen", lautet die Devise. Da erklärt eine ehemalige Krankenschwester, wie man auch mit halbseitiger Lähmung wieder kochen kann. In einem anderen Fall setzt Birgit Klug alle Hebel in Bewegung, wenn die Krankenkasse das Sprachtraining nicht mehr bezahlen will.
Brigitte Morin konnte nach ihrem Schlaganfall drei Jahre überhaupt nicht sprechen. Heute wirkt die 64-Jährige mit ihrem rheinischen Dialekt fast schon wieder wortgewandt. Dafür bereiten ihr Zahlen Schwierigkeiten. Die in Büdingen wohnende Frau muss dann oft zum Stift greifen. Auch Telefonieren birgt Probleme.

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