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27. Januar 2016

DHB-Präsident Michelmann: Pragmatiker mit Bodenhaftung

 Von 
Präsident und Fan: Andreas Michelmann (rechts).  Foto: Imago

Wie der Kommunalpolitiker Andreas Michelmann als neuer DHB-Präsident die große Welt des Handballs erlebt und die öffentlich-rechtlichen TV-Sender in die Pflicht nimmt.

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Es fällt leicht, Andreas Michelmann zu unterschätzen. Wie ein Kind im Spielzeugladen steht er etwas abseits des hektischen Treibens in der Mixed-Zone. Ein schwarz-rot-goldener Schal liegt über seinen breiten Schultern, die Hände in die Hüfte gestützt. Sein Lächeln zeugt von einer angenehm gemütlichen Freundlichkeit. Ist da einer richtig glücklich? „Is‘ so, würde Ascherslebener sagen“, antwortet der Mann, der wie ein Fan daherkommt, seit dem Rücktritt von Bernhard Bauer aber eine gewichtige Rolle im deutschen Handball spielt. Am 26. September des vergangenen Jahres haben die Delegierten des Deutschen Handball-Bundes (DHB) den eher hemdsärmelig wirkenden Oberbürgermeister aus Aschersleben zum Präsidenten des mitgliederstärksten Handballverbands der Welt gewählt. Den 56-Jährigen auf sein Äußeres zu reduzieren, wäre schon der erste großer Fehler. Sein DHB-Vize Bob Hanning beschreibt ihn als „ein Pragmat, er gewinnt nie auf den ersten Blick, aber mit seiner Nachhaltigkeit“.

Michelmann kennt das alles, vor allem das Gefühl, unterschätzt zu werden. Er spielt damit, macht seine Scherze. „Es gab mal einen Western, da hat sich einer eine Flasche Whiskey über den Kopf geschüttet, damit er anschließend beim Pokern unterschätzt wird.“ Der diplomierte Germanist spricht gerne in Bildern, seine aufgeschlossene, freundliche Art kommt an. Als der Sachsen-Anhaltiner 1994 mit einer kleinen Wählerinitiative gegen die Amtsinhaberin der CDU antrat, „haben mich alle ausgelacht“, erzählt Michelmann. Nachdem er die Wahl gewonnen hatte, hieß es, „in einem Jahr ist er wieder weg“. Mittlerweile ist er 21 Jahre im Amt; „jetzt“, sagt Michelmann, „unterschätzt mich keiner mehr.“

Dieser Andreas Michelmann kennt sich aus mit politischen Ränkespielen, deshalb glaubt er sich auch gewappnet für das politische Handballspiel. Es sei nur ein anderes Spielfeld, sagt er. „So wie die Hannings und Sigurdssons dieser Welt ihr Spiel lesen können, kann ich politische Spiele lesen. Das ging bei der IHF und EHF ganz schnell.“ Sein erstes Zeugnis für den Weltverband (IHF) ebenso wie für dessen europäischen Ableger (EHF) fällt ernüchternd aus: „Es wird mit viel mehr Intrigen gearbeitet, als ich vermutet habe.“

Beispiel Fernsehübertragungsrechte. Momentan spricht alles dafür, dass ARD und ZDF weder von der Männer- noch von der Frauen- WM 2017 Livespiele übertragen werden. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender sehen sich wie schon im Vorjahr in Katar und Dänemark nicht in der Lage, die technischen Forderungen von Rechteinhaber beIN Sports umsetzen zu können. Die Agentur, eine Tochtergesellschaft des katarischen TV-Imperiums Al Jazeera, fordert, dass nur Sender mit einer verschlüsselten Satellitenausstrahlung die Weltmeisterschaft im kommenden Januar in Frankreich (Männer) und im Dezember in Deutschland (Frauen) live ausstrahlen dürfen. „Streng genommen“, sagt Michelmann im Gespräch mit der FR, „ist der Vertrag zwischen der IHF und beIN Sports zu Lasten des deutschen Handballs abgeschlossen worden“. 80 Millionen Euro haben die Gralshüter des Welthandballs dafür kassiert. Die Auswirkungen bekamen deutsche Handballfans vor einem Jahr zu spüren, als die WM in Katar nur im Bezahlsender Sky zu sehen war. „Bei allem Respekt vor Sky, 350.000 Zuschauer pro Spiel sind noch mal was anderes als 8,5 Millionen.“

Jugend forscht auf Reisen: DHB-Boss Andreas Michelmann ist von der guten Arbeit des Bundestrainers Dagur Sigurdsson (links) begeistert.  Foto: dpa

Nach ersten Gesprächen, „in denen uns hochrangige IHF-Funktionäre mit großer Arroganz begegnet sind“, sei nun aber Bewegung in die Diskussion gekommen, sagt der ehemalige Oberliga-Handballer. Vornehmlich IHF-Präsident Hassan Moustafa habe sich dem Thema angenommen. „Ich habe das Gefühl, das Hasan Moustafa ernsthaft daran ist, das Problem in unserem Sinne zu lösen.“ Ebenso die öffentlich-rechtlichen Sender. „Wir hatten Gespräche mit Sky und ARD/ZDF, ich habe das Gefühl, dass sich ARD und ZDF auch noch mal bewegen werden.“ Eine Frauen-WM im einen Land ohne frei empfangbare Fernsehbilder sei für Michelmann nicht akzeptabel. „Für irgendetwas müssen wir die Gebühren ja bezahlen.“

Die aktuell guten Einschaltquoten bei der EM in Polen und der begeisternde Auftritt der jungen deutschen Mannschaft dienen Michelmann als Argumentationshilfe. Für das Premiumprodukt Nationalmannschaft ist eine Übertragung im den Öffentlich-Rechtlichen existenziell. Die Handballer gehören zu den wenigen deutschen Mannschaften, die dich sich noch für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro qualifizieren könnten.

Die EM in Polen ist ein großer Erfolg für den DHB, sagt Michelmann. Zielsetzung war es, „zu sehen, wie weit wir mit den jungen Spielern dran sind“. Sigurdssons junges Team habe den Nachweis erbracht, schon jetzt zur Weltspitze zu zählen. Michelmann vergleicht die Situation mit der der Fußballer vor der WM 2010. „Damals haben auch alle gesagt, wie wollen die mit dieser jungen Truppe erfolgreich sein.“ Dann hätten sie einen ganz erfrischenden Fußball gespielt, so wie unsere Jungs jetzt einen ganz erfrischenden Handball. Vier Jahre später gewannen die Kicker das WM-Finale in Rio. Übertragen auf den Handball bedeute dies den Olympiasieg 2020 in Tokio. Das ist sein Ziel.

Michelmann gibt gerne den Visionär, er denkt und plant langfristig. Er weiß sich Mehrheiten zu verschaffen, Allianzen zu knüpfen. Nicht nur als Kommunalpolitiker. „Wenn jemand nachdenkt, muss er selbst darauf kommen, dass einer nicht völlig bekloppt sein kann, wenn er seit 21 Jahre OB ist“, sagt er. Designeranzüge dürfen gerne andere tragen.

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