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Handball-EM 2016
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15. Januar 2016

Handball-EM: „Die Jungs können frei aufspielen“

 Von 
Mit Ruhe und Gelassenheit zur Nummer eins: Carsten Lichtlein.  Foto: dpa

Torwart-Routinier Carsten Lichtlein über die Unbekümmertheit der Kollegen, den Auftaktgegner Spanien und warum für ihn nach der Handball-EM in Polen noch lange nicht Schluss ist.

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Wenn es einen Wesenszug gibt, der Carsten Lichtlein am besten beschreibt, dann ist es Geduld. Seit 2001 gehört der Torwart zum erlauchten Kreis der besten deutschen Handballer. Meist aber stand der 35-Jährige in der Riege guter deutscher Torhüter nur in zweiter oder gar dritter Reihe. Ins Rampenlicht rückte der 204-malige Nationalspieler vom VfL Gummersbach erst bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Katar, als er die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) mit zum Teil spektakulären Paraden auf Platz sieben führte.

Herr Lichtlein, Sie starten am Samstag in Breslau gegen Polen zum ersten Mal als Nummer eins in ein großes Turnier. Wie fühlt sich das an?
Die Situation ist schon eine andere, der Druck ist natürlich größer. Aber dem bin ich gewachsen. Das hat man ja bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Katar gesehen. Unabhängig davon weiß ich, dass ich in dieser jungen Mannschaft ohnehin in der Verantwortung stehe.

Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat aber nicht Sie, sondern Steffen Weinhold zum Kapitän bestimmt. Kommen Sie damit klar?
Vollkommen richtige Entscheidung! Ich wurde oft gefragt, warum nicht ich es geworden sei. Denn früher unter Heiner Brand oder Martin Heuberger bekam der mit den meisten Länderspielen die Binde. Steffen ist die perfekte Wahl. Er kann schließlich Einfluss auf Angriff und Abwehr nehmen. Das ist wichtig. Was sollte ich denn den Jungs im Angriff sagen? Die Abwehr dirigiere ich sowieso. Dafür muss ich kein Kapitän sein.

Sie sind seit 2001 Teil der Nationalmannschaft. Sie sind Welt- und Europameister. Mehr Erfahrung geht nicht ...
... in dieser jungen Mannschaft bin ich sicher ein alter Sack. Für unsere junge Mannschaft wird es wichtig sein, den Fokus während eines Spiels nicht verlieren. Diese Gefahr besteht halt bei jungen, relativ unerfahrenen Spielern. An mir ist es daher, eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Ich darf nicht anfangen, am Rad zu drehen. Das wäre kontraproduktiv. Genau das lebt auch Dagur Sigurdsson der Mannschaft vor. Er strahlt Ruhe aus, gerade in Situationen, in denen andere Trainer an die Decke gehen oder sich mit den Schiedsrichtern beschäftigen, bleibt er kühl.

Wie interpretieren Sie Ihre Rolle fern des Parketts?
Ach, mit jetzt 35 Jahren ist meine Person da nicht mehr so gefragt. Die Jungs um die 22 sind etwas anders gestrickt als ich.

Das heißt?
Das beginnt schon bei der Sprache. Mehr möchte ich dazu nicht sagen (lacht).

In Katar hat die deutsche Mannschaft gute Leistungen gezeigt, die aber nur im Bezahlfernsehen zu sehen waren. Nun übertragen wieder ARD und ZDF. Am Montagabend gegen Schweden sogar zur Primetime um 20.15 Uhr. Für den deutschen Handball ist das enorm wichtig. Ist das in den Köpfen der Spieler angekommen?
Ich glaube, die jungen Spieler machen sich da nicht so sehr einen Kopf. Ob die um drei oder um acht spielen, ist ihnen egal. Was für unsere Sportart auf dem Spiel steht, ist klar. Ganz Deutschland wird uns zur Primetime zusehen. Das darf aber nicht zu einer Blockade im Kopf führen, es unbedingt allen beweisen zu wollen.

Wer hat sie von den vielen jungen Spielern am meisten überrascht?
Unser linker Rückraum, also Steffen Fäth und Christian Dissinger. Das sind wirkliche Verstärkungen. Diese einfachen Tore haben uns in Katar gefehlt. Da haben wir mit Paul Drux versucht, alles spielerisch zu lösen. Das hat ja auch geklappt. Paul fehlt jetzt aber verletzt. Ihn durch solche Shooter zu ersetzen, ist auch eine gute Sache.

Gibt es etwas, was Ihnen die Jungen noch beibringen können?
Diese Unbekümmertheit. Die machen sich über nichts einen Kopf. Bei denen ist alles irgendwie Laissez-faire. Nur die Musik, die die hören, geht gar nicht (lacht).

Was hat sich sonst so verändert?
Der Umbruch nach der verpassten EM in Dänemark war schon das Gravierendste. Unser Vorteil ist, das wir jetzt eine junge, unbekümmerte Mannschaft haben. Die Jungs können wirklich frei aufspielen. Es war genau diese jugendliche Leichtigkeit, die uns in Katar gegen die Großen geholfen hat. Das könnte auch bei der EM unser Plus sein. Wenn Dissinger oder Fäth auflaufen, können sie vollkommen befreit aufspielen. Die haben noch nie gegen die Spanier gespielt und können ohne Angst an diese Aufgabe gehen. Die Spanier müssen auch erst einmal ins Turnier finden. Das könnte unsere Chance sein.

Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Patrick Wiencek, Paul Drux und Michael Allendorf fallen für die EM bekanntlich aus. Ist diese deutsche Mannschaft für Sie jetzt eine Wundertüte?
Das war sie in Katar schon. Niemand wusste, was diese Mannschaft im Stande ist, zu leisten. Jetzt sprechen wieder alle von gravierenden Ausfällen. Aber unsere beiden jetzt nominierten Außen spielen ebenfalls Champions League: Rune Dahmke und Tobias Reichmann haben in Kiel und in Kielce auch ihre Einsatzzeiten bekommen. Das sind ja keine 08/15-Mannschaften. Wir brauchen jetzt also nicht rumzujammern. Das ist vielmehr eine Chance für andere Spieler, die sie hoffentlich auch nutzen werden.

Klingt, als wäre einzig der Ausfall von Wiencek in der Abwehr problematisch ...
... vom körperlichen sicherlich nicht. Aber ein Erik Schmidt oder ein Finn Lemke haben bei der WM nicht oft gespielt, deshalb ist es schon eine Herausforderung, sie im Mittelblock einzubauen. Wir müssen das noch nicht vorhandene blinde Verständnis mit viel Kommunikation und Leidenschaft wettmachen. Das hat uns in Katar ausgezeichnet, das muss auch in Polen wieder so sein.

Wie gut ist das neue Torwart-Duo Carsten Lichtlein/Andreas Wolff eingespielt? Wie ist Ihr Verhältnis?
Das Wichtigste ist, dass man miteinander kann. Wir verstehen uns gut. Das gleiche kann ich aber auch über mein Verhältnis zu Silvio Heinevetter sagen. Jeder gönnt dem anderen alles, hilft ihm, wenn er Hilfe benötigt. So muss das auch sein, sonst funktioniert das nicht.

Es ist also ein Geben und Nehmen. Aber worin unterscheiden Sie sich?
Andy ist der aggressivere Typ. Ich bin eher etwas ruhiger. Das hat sicherlich etwas mit dem Alter zu tun. Zu Beginn meiner Karriere in Großwallstadt war ich auch so aggressiv und ständig unterwegs. Diese Aggressivität, dieses den Ball attackieren, das hat Andy. Das dürfte der gravierendste Unterschied sein.

Wie vertreiben Sie sich die Zeit zwischen den Spielen? Gibt es im Hotel einen Aufenthaltsraum für die Mannschaft?
So wie 2007?

Genau.
Das wollen die jungen Spieler gar nicht mehr. Die machen alles auf ihren Zimmern. Es werden sowieso keine Gesellschaftsspiele gespielt. Die haben ihre Playstation oder ihre iPads dabei. Ich höre Musik, wenn überhaupt. Denn viel Zeit haben wir zwischen den Spielen im Zweitagesrhythmus nicht. Deshalb werde ich mich die meiste Zeit mit den Wurfbildern des nächsten Gegners beschäftigen.

Und zwischendurch mal von den Olympischen Spielen in Rio träumen?
Natürlich lebt dieser Traum von Olympia. Das ist Fakt. Aber jetzt konzentrieren wir uns erst einmal ganz auf die EM. Für die vielen jungen Spieler in unserer Mannschaft ist es das erste große Turnier. Darauf freuen sich jetzt alle.

Wann ist für Sie die EM eine Erfolg?
Wenn wir alles gegeben, wir uns nichts vorzuwerfen haben. Kurzum: Wenn die Leistung gereicht hat.

Was bedeutet „gereicht hat“?
Sie wollen doch nur eine Platzierung hören (lacht). Es ist ganz einfach: Wir wollen die Leistung von Katar bestätigen. Wir wissen natürlich, dass es schwierig wird in dieser Vorrundengruppe mit Spanien, Schweden und Slowenien. Vielleicht treffen wir auf drei überragend aufspielende Mannschaften und scheiden aus. Wenn wir dennoch alles versucht haben, unsere beste Leistung abrufen, könnte ich niemandem einen Vorwurf machen. Aber in Katar hatten wir zu Beginn auch große Brocken vor uns. Ich finde das gar nicht schlecht, gleich gegen starke Mannschaften spielen zu müssen. Da ist man sofort hundert Prozent gefordert.

Wie lange wollen Sie noch im Tor stehen?
So lange ich fit bin, die Leistung stimmt und der Bundestrainer mich nominiert.

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Kein Gedanke ans Aufhören?
Ich habe körperlich keinerlei Probleme. Mein Verein (der VfL Gummersbach; Anmerk. d. Red.) hat jetzt die Option gezogen und möchte mir einen Dreijahresvertrag vorlegen.

Interview: Jörg Hanau

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