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Handball-EM 2016
Aktuelle News, Ergebnisse, Spielberichte, zur Handball-EM der Männer in Polen.

30. Januar 2016

Handball-EM: „Wir sind über Plan“

 Von 
Hat das Ohr immer am Puls der Zeit: Bob Hanning.  Foto: dpa

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft trumpft bei der Europameisterschaft groß auf. DHB-Vize Bob Hanning spricht im Interview über den unerwarteten Höhenflug des deutschen Handballs

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Bob Hanning ist bei der EM in Polen ein gefragter Mann. Der Delegationsleiter des Deutschen Handball-Bundes (DHB) und DHB-Vize Leistungssport ist so etwas wie der Bauherr des neuen deutschen Handball-Hochs. Seit der 47 Jahre alte Manager der Füchse Berlin an entscheidender Stelle im Verband wirkt, schreibt der deutsche Handball an einer neuen Erfolgsgeschichte, die im vergangenen Jahr bei der Wüsten-WM in Katar mit Platz sieben begann.

Herr Hanning, vor dem Turnierauftakt gegen Spanien verspürten Sie noch Angst, die EM könnte in die Hose gehen. Können Sie das heute noch nachvollziehen?
Ja. Weil ich weiß, dass wir noch keine Stabilität erreicht haben. Wir waren 2014 nicht für EM qualifiziert, wir sind 2015 nur dank einer Wildcard überhaupt zur WM gefahren. Um in Deutschland in Ruhe arbeiten zu können, ist es wichtig, Stabilität Vertrauen reinzubekommen. Mit Platz sieben in Katar und dem Erreichen des EM-Finals ist es uns gelungen, ein festes Fundament zu gießen, auf dem es jetzt gilt, ein Haus zu bauen. Deshalb ist es wichtig, dass wird diesen Weg konsequent weitergehen.

Warum sollte das nicht der Fall sein? Gibt es Zweifler?
Mittlerweile vielleicht nicht mehr. Aber es war wichtig, unseren eingeschlagenen Weg mit dem Erfolg in Polen zu festigen. Für mich war das Spannende, bei dieser EM zu sehen, wie breit sind wir für die Spitze aufgestellt. Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, aber deswegen war es gut, dass wir im Vorfeld so viele Verletzte hatten. Dadurch waren junge, unerfahrene Spieler gezwungen, ins Rampenlicht zu treten.


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Der Kreis der Nationalspieler wird immer größer. Die Verletzten kehren zurück, viele neue Kräfte haben sich bewährt.
Leistungsdruck, den man als Rückenwind versteht, ist für einen Verband von unglaublichem Vorteil. Daher bin ich froh über dieses Luxusproblem. Ich erinnere mich noch, als ich 1997 mit Heiner Brand auf der Couch saß und der eine in der „Handball-Woche“, der andere im „Handball-Magazin“ die Kader durchgegangenen waren, um zu sehen, wen wir überhaupt noch nominieren könnten. Damals war der Ausländeranteil in der Bundesliga am allergrößten. Heute ist das anders. Wenn man sieht, was die Vereine in ihren Leistungszentren tun, dazu die Eliteausbildung beim DHB, dann muss es diesen Überschuss an guten jungen Spielern geben.

Wer bei einer EM ins Halbfinale kommt, zählt zu den Arrivierten im Welthandball. Gilt für den aktuellen EM-Kader immer noch das Siegel „Jugend forscht“?
Ja, diese Mannschaft ist alles in allem immer noch sehr unerfahren. Wir werden auch noch Interviews führen, nachdem wir gescheitert sind. Dann werde ich aber mit derselben guten Laune auftreten wie heute. Um Weltklasse zu sein, muss man die Dänen in zehn Spielen sechsmal schlagen. Wir haben das gerade einmal geschafft.

Wer sind die Gewinner der EM?
Auch wenn es sich billig anhört, für mich ist es die Mannschaft. Es gibt nicht den einen Gewinner. Es haben alle mehr in den Topf eingezahlt, als sie rausgeholt haben. Natürlich kann man feststellen, dass Steffen Weinhold und Carsten Lichtlein diese Mannschaft hervorragende geführt haben. Du kannst auch sagen Christian Dissinger, Steffen Fäth und Fabi Wiede waren spielbestimmend. Auch Tobi Reichmann hat eine bessere Leistung abgerufen, als wir erwarten konnten. Wenn man die nachnominierten Kai Häfner und Julius Kühn mitrechnet, war es für 16 Spieler die erste Männer-EM. Von daher hat die Mannschaft als Ganzes überzeugt.

Wie stolz sind Sie auf Dagur Sigurdsson?
Vor seiner Verpflichtung habe ich viele Gespräche mit Bundesligakollegen geführt. Alle hatten den Mut, sich für einen ausländischen Trainer zu entscheiden. Ich hatte absolute Rückendeckung. Ob Alfred Gislason, Ljubomir Vranjes oder Dagur Sigurdsson – alle drei wären eine gute Lösung gewesen. Sigurdssons Vorteil war, dass wir schon sechs Jahre bei den Füchsen zusammengearbeitet haben. Wenn sich die Spitze einig ist und einander vertraut, geht alles schneller. Ein Vranjes mit einem Hanning – das dauert länger, als kurz mal einen Kaffee am Gendarmenmarkt zu trinken, um die wesentlichen Dinge zu besprechen.

Warum waren Sie so sicher, dass Sigurdsson er Richtige ist?
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinen Gesellschaftern bei den Füchsen. Es ging darum, ob wir Spieler wie Fabian Wiede oder Paul Drux in unser Bundesligateam integrieren, oder Geld für gestandene Profis in die Hand nehmen. Dagur antwortete ihnen: „Wir haben die besten Nachwuchsspieler in Deutschland, wenn wir sie nicht integrieren, wer denn dann?“ Danach bin ich ihm um den Hals gefallen. Deshalb muss ich nicht stolz sein. Seine Verpflichtung war die einfachste Entscheidung seit ich beim DHB bin.

Sie hätte Ihnen aber auch um die Ohren fliegen können.
Ich habe vor keinem in Handball Angst. Ich habe Entscheidungen zu treffen, die richtig sind, nicht Entscheidungen zu treffen, die anderen Menschen gefallen.

Sie versuchen den Bundestrainer als eigene Marke aufzubauen und zu platzieren?
Das ist absolut richtig. Wir brauchen Marken in unserer Sportart. Dagur ist eine authentische. Er ist keiner, der unreflektiert durchs Leben gebt. Manchmal ist er ein heißblütiger Vulkan. Auf der anderen Seite kannst du an ihm erfrieren, weil er so kalt ist.

Würden Sie ihn als Freund bezeichnen?
Sogar als ein sehr guter Freund. Wir waren schon bei den Füchsen befreundet. Allerdings können wir Privates und Berufliches sehr gut voneinander trennen

Wofür steht er?
Für Disziplin, für Leidenschaft, für Struktur, für Ehrlichkeit.

Und für Ziele: 2020 soll es in Tokio olympisches Gold geben. Wie weit entfernt ist diese Mannschaft noch von dieser Vision?
Wir sind über Plan. Wir werden den Mut haben, nach der EM neue Ziele zu formulieren.

Also schon den Olympiasieg 2016 ausrufen …
… natürlich nicht. Aber vielleicht nehmen wird uns für die WM 2017 jetzt gleich das Halbfinale zum Ziel.

Das passt aber gar nicht zu Sigurdsson …
… aber es passt zu mir.

Mehr dazu

Momentan spricht vieles dafür, dass die WM 2017 in Frankreich nicht in ARD und ZDF zu sehen sein wird. Es gibt Probleme mit dem Rechteinhaber beIN Sports. Dabei ist die Begeisterung für den Handball groß. Die Quoten steigen mit den Erfolgen der Nationalmannschaft.
Wir müssen ARD und ZDF nicht dankbar sein, dass sie die EM übertragen. Das ist verdammt nochmal ihre Verpflichtung, sich dieses Themas anzunehmen. Ich hatte im vergangenen Jahr absolutes Verständnis dafür, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen und die Rechteagentur nicht einigen konnten, weil man so schnell nicht reagieren konnte. Eine WM 2017 nicht in ARD und ZDF sehen zu können, finde ich untragbar. Die Öffentlich-Rechtlichen hatten genügend Zeit, sich ihrem Auftrag bewusst zu werden. Wir können nicht Millionen über Millionen für den Fußball ausgeben und uns damit rechtfertigen, im Januar den ganzen Tag Biathlon zu zeigen. Die Ballsportarten brauchen das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Man sieht es an den Volley- und Basketballern, deren Nationalmannschaften die Olympia-Quali verpasst haben. Teil des Scheiterns dieser Verbände ist der Umstand, dass sie nicht öffentlich-rechtlich laufen. Es gibt eine Monokultur, die unseren Sportarten schadet.

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