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Handball-EM 2016
Aktuelle News, Ergebnisse, Spielberichte, zur Handball-EM der Männer in Polen.

17. Januar 2016

Handball-EM: Der Deutsche

 Von 
Daumen hoch: Michael Biegler.  Foto: dpa

Halbtagsnationaltrainer Michael Biegler soll die polnischen Handballer bei der Heim-EM zum Titel führen.

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Ein Land berauscht sich selbst. „Polska, Polska!“ 15 328 Menschen grölen sich in der riesigen Krakau-Arena die Kehlen heißer. Die Begeisterung rund ums eigene Team scheint in diesen Sekunden keine natürlichen Grenzen zu kennen. Der knappe 29:28-Auftaktsieg bei der Heim-EM gegen widerspenstige Serben mag am Ende glücklich sein – diese Begeisterung auf den Rängen, dieser Rausch in Rot und Weiß, wird der mit sieben Toren beste polnische Torschütze Michal Jurecki später sagen, sei wie Doping für die Spieler gewesen.

Der Druck ist enorm. Die polnischen Handballer sollen in den nächsten zwei Wochen für eine Wiederholung des polnischen Märchens von 2014 sorgen. Die in der öffentlichen Gunst noch höher stehenden Volleyballer gewannen damals die WM im eigenen Land. Eine Bürde, zweifellos. Nicht ohne Grund sank Polens Torwart Slawomir Szmal nach der Schlusssirene und einem letzten parierten Ball zu Boden: „Gott sei Dank, dass ich den gehalten habe.“ Einen Fehlstart ins Turnier hätten ihnen die sportbegeisterten Polen vermutlich mächtig übelgenommen.

Mit dem Sieg gegen Serbien und der bedeutend leichteren Aufgabe gestern gegen Mazedonien (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) ist dem Gastgeber der Einzug in die Hauptrunde bereits gefühlt gelungen. Daran hatte aber ohnehin niemand gezweifelt. Auch nicht Michael Biegler, der Trainer der besten polnischen Handballer. Sie nennen ihn hier nur „den Deutschen“. Das schafft Distanz. So richtig liebgewonnen haben die polnischen Medien den 54 Jahre alten Rheinländer in den vergangenen dreieinhalb Jahren nie. Biegler hält seine Ansprachen noch immer auf Deutsch.

Verständigungsprobleme gibt es deshalb zwar nicht: Die meisten Spieler sind in der Bundesliga aktiv oder haben früher einmal dort gespielt. Dennoch ist vielen nationalkonservativen Polen das Deutschsprechen ein Dorn im Auge. Genauso wie „Beagles“ grimmiger Blick. Er lächle zu wenig, heißt es. Aber er beißt auch nicht. Eigentlich ist er sogar ein richtig Netter. Nur sieht man es ihm auf den ersten Blick nicht an.

Die anfängliche Kritik an Bieglers Arbeit ist längst verstummt. Aus gutem Grund. Vor einem Jahr führte er Polens Handballer bei der Wüsten-WM in Katar auf den Bronzerang. Diese Plakette ist aber nicht mehr als ein Appetithappen. Gold muss her! Nur aus diesem Grund gönnen sich die Polen überhaupt die EM im eigenen Land. Biegler muss jetzt liefern. „Mit der Unterstützung des Heimpublikums ist alles möglich“, sagte EM-Botschafter und Ex-Bundesligaprofi Marcin Lijewski. „Das haben wir alle auch bei der WM 2007 in Deutschland erlebt.“ Damals feierten die Deutschen ihr Wintermärchen – im Finale gegen Polen.

Mittlerweile spricht Biegler sogar ein paar Brocken polnisch. Fürs Zeitungslesen reiche es aber nicht. Das ist auch ganz gut, die Arbeit mit den Journalisten gehört ohnehin nicht zu Bieglers Lieblingsbeschäftigungen. Er sagt halt, was er denkt. Immer und jedem. Für einen Job im diplomatischen Dienst taugt einer wie er einfach nicht. Aber deshalb hat ihn der Präsident der polnischen Handball-Föderation (ZPRP), Andrzej Krasnicki, auch gar nicht als Nachfolger des allseits beliebten Bogdan Wenta verpflichtet. Biegler steht für deutsche Tugenden. Er ist ein Disziplinfanatiker, er setzt auf Kraft und Kondition. Das zahlt sich nun aus. Nur logisch, dass ihm seine Spieler folgen. Die Losung ist simpel: Wer erfolgreich ist, hat immer recht.

Eigentlich ist es ein Halbtagsjob. Im Hauptberuf trainierte er bis zuletzt den pleitegegangenen Bundesligisten HSV Hamburg. Dort hat nun der Insolvenzverwalter das Sagen. Biegler lässt sich davon nicht ablenken. Zum Saisonende sollte ohnehin Schluss sein in Hamburg. Im Sommer läuft auch sein Vertrag mit dem polnischen Verband aus. Angst um seine berufliche Zukunft muss sich Michael Biegler aber wohl kaum machen. Schon gar nicht als Europameister.

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