Am 21. Dezember 1975 betrat ein von Ilich Ramírez Sánchez angeführtes Terrorkommando das OPEC-Hauptquartier in Wien und nahm die Erdölminister der wichtigsten Öllieferanten der Welt als Geiseln. Im Grunde war es ein Spaziergang: Es gab kaum Sicherheitsvorkehrungen, und die irakische Delegation hatte den ungebetenen Besuchern den roten Teppich ausgerollt. Die hochtrabenden Forderungen und Solidaritätsadressen waren nichts als ein Deckmäntelchen für die Intrigen Saddam Husseins: Er wollte den Ölpreis nach der ausgestandenen Ölkrise wieder in die Höhe treiben und hatte der Volksfront für die Befreiung Palästinas den Auftrag erteilt, einige „Verräter“ in den OPEC-Reihen zu exekutieren. Die PFLP reichte die Mission an ihren fähigsten Mann weiter, der nach dem Mord an zwei unbewaffneten Polizisten für einige Monate im Nahen Osten untergetaucht war.
Die OPEC-Geiselnahme begründete den zweifelhaften Ruhm des „Topterroristen“ Sánchez aka Carlos und bildet auch den Hauptteil in Olivier Assayas filmischer Biografie „Carlos – Der Schakal“. Beinahe eine Stunde der 330-minütigen Langfassung entfällt auf die Geiselnahme, die bei Assayas nichts anderes als eine brillant inszenierte Demontage ist. Während Carlos agiert, als wäre er der Mittelpunkt der Welt, ist er tatsächlich nur eine Spielfigur der hinter ihm stehenden Mächte. Schlimmer noch: Carlos, der Opportunist, der seine Dienste an den Meistbietenden verkauft, erweist sich als unfähig. Das Flugzeug, das ihn und seine Geiseln nach Bagdad bringen soll, ist für Langstreckenflüge nicht geeignet, und so finden sich die Entführer auf einem unfreiwilligen Pendeldiplomatie-Kurs zwischen den Flughäfen von Tripolis und Algier wieder. Am Ende lässt Carlos seinen Auftraggeber Saddam Hussein einen guten Mann sein und tauscht die Todeskandidaten gegen ein schönes Lösegeld.
Bei Olivier Assayas ist Carlos vieles: narzisstischer Playboy und skrupelloser Mörder, Hätschelkind des Ostblocks und Handlungsreisender in Sachen Tod. Aber eines ist er eigentlich nicht: eine interessante Figur. Dass „Carlos – Der Schakal“ trotzdem ein überaus fesselnder Film geworden ist, liegt zum einen am grandiosen Ensemble mit Hauptdarsteller Édgar Ramírez vorneweg und zum anderen an einem Kunstgriff. Gerade weil Carlos nur eine Spielfigur ist, tritt das Spiel umso deutlicher zutage. Assayas reiht Geschichten aus dem staatlich sanktionierten Terrorismus aneinander, die für sich genommen unglaublich wären, im Zehn-Minuten-Takt aber schon wieder ein über alle Zweifel erhabenes Muster ergeben. Und wo Politik nur noch ein zynisches Geschacher ist, mischt natürlich auch die Stasi kräftig mit: Die DDR-Szenen gehören zum Besten, was die politische Satire derzeit zu bieten hat. Aus diesem Grund ist die ebenfalls sehr sehenswerte Kurzfassung von „Carlos – Der Schakal“ hierzulande mit 190 Minuten sogar etwas länger als anderswo.
Carlos – Der Schakal, Regie: Olivier Assayas, Frankreich/Deutschland 2010, 187 Minuten.