Ich hab’s getan. Ich hab’s mir noch mal gegönnt: Das Gefühl leerer S-Bahn-Züge zwischen Frankfurt und Oberursel. Und ich habe gerade noch einmal Glück gehabt. Denn zwei Stunden später hatten sich schon zehntausend selbst ernannte Hessentags-Tester auf die Socken in den Taunus gemacht. Gut, dass dort die üppig dimensionierte Unterführung rechtzeitig zum Landesfest fertig geworden ist. Die schluckt schon einiges – auch in Hessentags-Rushhour-Zeiten.
Wie allerdings die knapp 1400 Menschen, die die Frankfurter Verkehrsbetriebe für eine voll besetzte U-Bahn berechnet haben, an dieser Stelle unfallfrei abgewickelt werden sollen, kann ich mir nicht so recht vorstellen.
Vom Freitag, 10. Juni, an sollen möglichst viele Menschen, vornehmlich Hessen, über zehn Tage hinweg ihr Herz für Oberursel entdecken. Die Gemeinde, qua Lage im Speckgürtel rund um Frankfurt platziert, richtet den seit vier Jahren dort geplanten "Hessentag" aus. Doch auch neben dem Event lässt sich in der Gemeinde viel entdecken. Unser Autor Jürgen Streicher hat Insider-Tipps eines Einheimischen für die Besucher des Hessentags zusammengetragen. Einfach durch die Reiter klicken - und Oberursel ganz anders entdecken.
Zwei Paddler in einem Boot aus Stahl, ein Kämpfer mit gepolsterter Lanze auf einer hinten angebrachten Plattform – fertig ist ein Fischerstecher-Team. Beim „Orscheler Sommer“ wird diese skurril anmutende Freizeit-Beschäftigung wettbewerbsmäßig ausgetragen. Jeweils zwei Boote treten im K.-o.-System gegeneinander an, wer beim Lanzenstoßen nicht ins Wasser fällt, ist der Sieger. Gerne werden dabei Vertreter politischer Parteien versenkt, das schafft man ja sonst selten. Sonderpreise gibt es für die originellste Verkleidung und Fair Play. Gestochen wird am 16. Juni ab 16 Uhr auf dem Maasgrund-Weiher.
Ein bisschen was vom Charme der 30er Jahre hat sich das „Frei-, Licht- und Luftbad“ an der Altkönigstraße bewahrt. Mit den alten Umkleidekabinen aus Holz am Hang mit Blick über das weiträumige baumbestandene Areal, mit 50-Meter-Becken, Sprung-, Kinder- und Planschbecken und riesiger Liegewiese. Die Bäume sorgen für Waldbad-Atmosphäre, die Stadt und die Metropole sind weit weg. Kinder und Jugendliche geben ihm mit „cooles Bad“ die Bestnoten, und das nicht nur, weil die Pommes am Kiosk angeblich „megageil“ sind.
Das „Theater im Park“ gehört zu den Errungenschaften des „Orscheler Kulturlebens“, auf das gerne das Attribut „Leuchtturmprojekt“ geklebt wird. Wenn auf der Open-Air-Bühne zwischen frischem Grün und bei Vogelgezwitscher und Moskito-Sirren meist leicht verdauliche Theaterkost geboten wird, dann treffen sich bei der Premiere die „oberen Zehntausend“ der Stadt und danach das gemeine Volk zum Theatergenuss oben ohne. Den lauschigen Platz zwischen Scheinzypressen und Esskastanien im Park der Villa Gans musste das Ensemble aufgeben, im zweiten Jahr wird nun der nicht minder lauschige 14 Hektar große Park in der Klinik Hohe Mark am Waldrand auf einem Teilstück bespielt. Passend zum Hessenfest wird der „Datterich“ gegeben, die Darmstädter Lokalposse von Ernst Elias Niebergall. Nach der Premiere heute Abend um 20 Uhr bis Mitte Juli jeweils freitags und samstags.
Fluchtpunkt Kirche – er rettet nicht nur die Verfolgten. Auch den sich auf der überfüllten Hessentagsstraße drängenden Menschen kann er kurzzeitig Erlösung von der Qual der Massenbewegung auf der Festmeile bieten. Und noch viel mehr, denn ganz oben, weit über dem Kirchhof von St. Ursula in der Altstadt bietet sich der beste Blick auf das historische Geviert, die Neustadt und das Gewimmel der Einheimischen und Besucher an den vielen Veranstaltungsorten. Bis zum Odenwald, zum Spessart, zur Wetterau und auf den Hochtaunus reicht der Blick bei klarem Wetter. Nur 168 Sandsteinstufen der engen Wendeltreppe hinauf in den Turm gilt es bis zur Galerie zu überwinden, in 31 Meter Höhe über dem Kirchhof belohnt eine meist traumhafte Sicht den Treppensteiger. Der Festlärm ebbt hier oben ab zur Hintergrundmusik, es pfeift der Wind und zur vollen Stunde schlägt die Glocke.
Manchmal liegt der Strand unter dem Pflaster, bisweilen auch mitten im Gewerbegebiet. Zwischen Bauhof und Schreinerei, Fliesenlager und IBM-Rechenzentrum am Rand einer Ausfallstraße. Und bietet trotzdem eine coole Chillzone zum Relaxen und Abhängen bei einem Cocktail oder einem Weizen. Der „South Beach Club“ an der Gablonzer Straße ist so ein Refugium, in dem der Städter weitab vom Meer seinen kleinen Strand mit Palmen, Pool und Loungemöbeln im feinen Sand findet und mindestens so tun kann, als würde er in der Karibik in die Abendsonne mit Hochspannungstromkabel schauen. Den Hessentags-Bonus bekommt der Gast kostenfrei und etwas gedämpft: Denn wenn in der Bommersheimer Arena Linkin Park, Bryan Adams oder die Scorpions ihren Sound aufblasen, wird das etwa 317 Meter Luftlinie entfernt allemal noch zu hören sein. Vom Liegestuhl aus.
Der Braumeister ist keiner, der sein Herrschaftswissen gegen jede Neugier verteidigt. Die letzten Geheimnisse seiner Braukunst wird er nicht verraten, das könnte geschäftsschädigend sein und würde dann den Brauherren nicht erfreuen. Wie’s gemacht wird, das inzwischen mindestens regional berühmte Bier aus dem Alt-Oberurseler Brauhaus im einstigen barocken Herrenhaus in der Altstadt, das verrät Dietmar Schmidt aber schon. Und schöne Geschichten über Hopfen und Malz und was noch laut Reinheitsgebot von anno irgendwann ins Bier gehört, kann der Braumeister bei Bier-Seminaren und beim Vollmond-Brauen dem interessierten Publikum erzählen. Das Ergebnis passt auf jeden Fall immer: Pils, Weizen, Märzen oder Weihnachtsbock – je nach Jahreszeit – bekommen immer Bestnoten vom trinkenden Gast. Und der Biergarten ist im Sommer erste Adresse bei Touristen und Einheimischen.
Als deutscher Vizemeister in Sachen Currywurst gilt die Bude vom „Fritten-Toni“ an der Frankfurter Landstraße direkt an der Friedhofsmauer. Das ist aber kein Makel, vor allem der Klassiker Currywurst mit Pommes zu 4,30 Euro hat Fritten-Toni den Titel eingebracht. Die gibt’s wahlweise mit Weichei(mild)- oder Männer-Sauce (scharf). Vom Kindergartenkind bis zum Vorstandsmitglied reicht die Kundschaft, beim Hessentag wird von morgens an bis in die Nacht gegrillt, bis auch der letzte Arena-Besucher gesättigt von dannen zieht.
Klein muss er sein, schwarz und heiß. Ja, unbedingt heiß – und süß, also stimmig. Wir reden von einem guten Espresso zur Zeitungslektüre oder zum kleinen Schwatz am Vormittag, um den Tag mediterran zu beginnen. Schade, dass die kleinen heißen Tässchen so schwer zu bekommen sind, wenn man nicht den Weg zu Mauricio Sáez del Castillo und das Café Castillo in der Fußgängerzone findet. Dort rösten der peruanische Inhaber und seine Frau Anna die Kaffeebohnen auch selbst, der Espresso aus der reinsten Bohne ist ein wunderbarer Tagöffner.
Zumal an der großen Freitreppe auf der Stadtseite Durchlasssperren installiert sind, die den ganzen Menschenstrom auf jeweils eine Person reduzieren. Ein bisschen wie eine Mautstation für Menschen sieht das dort aus. Oben drüber Kameras, die jeden Einzelnen zählen, damit auch keiner in der Hessentags-Bilanz am Ende fehle. Na denn, ein Pickerl, wie unsere österreichischen Nachbarn sagen, oder schlicht eine Plakette gibt es nicht. Und dabei wäre die klimaneutral.