Die Ursache für den tödlichen Luftschiff-Unfall ist offenbar geklärt: Nach dem Aufschlag am Boden war Benzin ausgelaufen. Es entzündete sich und setzte den Zeppelin in Brand. Das berichtet die Polizei in Friedberg.
Der Bad Homburger Fotograf Joachim Storch, der auch für die Frankfurter Rundschau arbeitet, berichtet ergänzend, der Pilot habe nicht den offiziellen Landeplatz angesteuert, sondern einige hundert Meter weiter unwegsames Gelände. Dabei habe der 53 Jahre alte Australier gesagt: "I had an accident, I crashed the airship." Als es in der kleinen Gondel immer heißer wurde und sie das Feuer wahrnahmen, seien er und die anderen beiden Passagiere aus eigenem Antrieb aus der Tür oder Fenstern gesprungen, sagte Storch.
Nicht jedes Luftschiff ist ein Zeppelin. Ursprünglich nannte man nur Starrluftschiffe, die ein Gerüst aus Trägern und Streben besitzen, Zeppeline. Heute gelten auch halbstarre Luftschiffe mit lediglich drei Längsträgern als „Zeppeline Neuer Technologie“. Das auf dem Hessentag verunglückte Luftschiff war hingegen ein Prallluftschiff – auch „Blimp“ genannt – und besaß kein Gerüst. Seine äußere Form erhielt es nur durch den Überdruck des Heliumgases.
Die typische Luftschiffform, die man von Weitem am Himmel erkennen kann, ist der Auftriebskörper. Er wird mit Helium gefüllt, damit er leichter als die ihn umgebende Luft ist. An dem Auftriebskörper hängt eine Gondel, in die die Passagiere einsteigen. den bleibt.
Im Auftriebskörper muss ein leichter Überdruck herrschen, damit er seine pralle Form behält und die Gondel tragen kann. Um den Überdruck zu erhalten, gibt es im vorderen und hinteren Teil des Auftriebskörpers je einen ballonartigen Sack, der sich mit Außenluft aufbläst. Der Pilot des Luftschiffs kann selbst regulieren, wie prall die Ballons gefüllt sind und dadurch den Schwerpunkt des Luftschiffs verlagern. Außerdem gibt es Ventile, die sich öffnen, wenn der Heliumdruck zu groß wird.
Pro Kubikmeter Helium kann ein Luftschiff einen Kilogramm Gewicht vom Boden heben. Die Auftriebskörper halbstarrer Luftschiffe können aufgrund ihres Skeletts mehr Helium fassen als die Auftriebskörper von Prallluftschiffen. So bieten die Passagiergondeln von halbstarren Luftschiffen Platz für zwölf Passagiere, die Kabinen von Prallluftschiffen können nur drei Passagiere tragen.
Zum Steuern des Luftschiffs tritt der Pilot auf ein Pedal. Damit bewegt er die Flossen, die oben und unten am Heck des Auftriebskörpers angebracht sind.
Bei einem Blimp sind der Antriebsmotor und Kraftstofftank direkt an der Passagiergondel befestigt. Bei einem halbstarren Luftschiff befindet sich beides etwa sieben Meter über der Passagiergondel.
Die Goodyear Blimps des Typs GZ-20 sind 59 Meter lang, elf Meter breit und 13,4 Meter hoch. Die Kabine misst 2,70 Meter in der Länge, 1,50 Meter in der Breite und 1,90 Meter in der Höhe.
Durch seine Masse haben Luftschiffe einen hohen Luftwiderstand. Das Prallluftschiff, das auf dem Hessentag verunglückte, konnte eine Höchstgeschwindigkeit von 46 Knoten bei günstigem Wind erreichen, das sind 98 Kilometer in der Stunde. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit betrug allerdings nur 52 Kilometer in der Stunde.
Mithilfe des Motors und der vier Flossen, die sich rechts, links, oben und unten am Heck befinden, steuert der Pilot das Luftschiff in Richtung Landeplatz. Die luftgefüllten Ballons sorgen dafür, dass der Auftriebskörper dabei nicht zu viel Druck verliert. Nach der Landung sorgt die Bodencrew mit Bleisäcken und anderem Ballast dafür, dass das Luftschiff am Boden bleibt.
Offen bleibt die Frage, warum sich nicht auch der Pilot mit einem Sprung aus der offenstehenden Tür oder aus einem Fenster in Sicherheit gebracht hatte. Der 52-Jährige war am Sonntagabend nach der missglückten Landung auf dem Flugplatz Reichelsheim im Wetteraukreis ums Leben gekommen.
Womöglich wird nie geklärt, warum er sich nicht gerettet hat, mutmaßt Polizeisprecher Jörg Reinemer: „Es gibt keine Blackbox.“ Und die Funksprüche des Piloten, die im Tower eingingen, lieferten auch keine neuen Erkenntnisse. „Das waren seine letzten Worte, allgemeine und sehr kurze Sachen.“
Das Werbe-Luftschiff der Firma Lightship Europe Limited war im Auftrag der Firma Goodyear unterwegs. „Es sollte auf unsere Verkehrssicherheitskampagne auf dem Hessentag aufmerksam machen“, sagte ein Sprecher des Hanauer Reifenherstellers. „Das ist ein Hingucker.“ Und in den vergangenen 60 Jahren habe es keine Unfälle damit gegeben.
Nach dem Unglück in Reichelsheim hat das Hanauer Unternehmen seine Veranstaltungen auf dem Hessentag gestrichen. „Wir sind von der Tragödie sehr bestürzt.“ In Europa sei ein zweites europäisches Goodyear-Luftschiff in Spanien unterwegs gewesen. Das bleibe bis auf weiteres auf dem Boden.
Auch am Dienstag waren Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig in Reichelsheim, um die Fakten zusammenzutragen. Die Auswertung werde einige Wochen dauern, sagte ein Sprecher des Bereitschaftsdiensts. „Die gesicherten Fakten werden dann in unserem monatlichen Bulletin veröffentlicht."
Ermittelt werde stets in alle Richtungen, denn für einen Absturz geben es stets viele mögliche Ursachen: Technik, menschliches Versagen, Wetterbedingungen. „Wenn sich ein möglicher Grund herauskristallisiert, schauen wir verstärkt nach.“ Auch Funksprüche und der Kontakt mit dem Kontrollturm würden betrachtet. Der Mann von der Bundesstelle bleibt allgemein: „Die Unfälle sind meist eine Verkettung von mehreren Gründen.“
Auf dem Flugplatz in Reichelsheim herrschte am Dienstag wieder normaler Betrieb. Die Presse wurde abgewimmelt. „Wir haben kein Interesse, Auskunft zu geben“, hieß es am Telefon.
Joachim Storch spricht auf FR-Online über seine Erlebnisse.
Rund 60 Feuerwehrleute waren am Sonntag abend im Einsatz, um das brennende Luftschiffwrack zu löschen – darunter alle sechs Stadtteilwehren von Reichelsheim (Wetteraukreis).
Erste vor Ort war die Feuerwehr Reichelsheim: „Auf der Wiese waren die Flammen ja weithin sichtbar, deswegen riefen massenhaft Leute an, und es wurden so viele Wehren alarmiert“, erklärt Alexander Hitz, Wehrführer der Feuerwehr Reichelsheim.
Nach etwa zehn Minuten waren die Flammen bereits gelöscht, sagt Jörg Reinemer, Pressesprecher der Polizei Mittelhessen. „Das Luftschiff war total ausgebrannt und außer dem Gestänge fast nichts mehr übrig.“
Für Verwirrung sorgte bei den Feuerwehrleuten anfangs die Aussage einiger Augenzeugen, die Kanzel sei abgestürzt, bevor das Luftschiff brannte, erzählt Wehrführer Hitz: „Da wurde zunächst eine Suchaktion gestartet. Rettungshubschrauber und Polizei überflogen das Gebiet, Feuerwehrleute suchten zu Fuß – bis dann die Meldung kam, die drei Passagiere seien wohlbehalten am Boden.“
Bis in den frühen Morgen haben die Feuerwehren den Ermittlern noch das Gelände ausgeleuchtet, erklärt Kreisbrandinspektor Otfried Hartmann.
Der Betrieb auf dem Flugplatz lief am Montag wieder normal. (pam)
Das Luftschiff-Unglück war schon am Sonntagabend Thema auf der Hessentagsstraße, die Nachricht machte schnell die Runde, etwa im Weindorf. Zigtausende hatten den Tag über immer wieder die Blicke nach oben gerichtet, wenn das blau-gelbe Luftgefährt über ihren Köpfen schnurrte und ihre Kameras nach oben gerichtet, um es zu fotografieren.
„Ein schrecklicher Unfall“, sagte Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) gestern. Dass die Veranstalter der Luftfahrten ihren Stand umgehend abgebrochen haben, könne er nachvollziehen. Auswirkungen auf den Hessentag sieht er aber nicht. „Das hat ja nicht direkt mit der Veranstaltung zu tun.“ Auf den Festflächen herrschte gestern Betrieb wie immer.
Kripo-Sprecher Siegfried Schlott von der Polizeidirektion Hochtaunus erfuhr schnell vom Unfall. Vom Sonderaufgebot für den Hessentag mussten aber keine Beamten abgestellt werden. Schlott: „Wir hatten damit nichts zu tun.“
Betroffen reagierten viele der Schausteller auf der Landesausstellung, wo der Reifenhersteller für sich geworben hatte. (jüs)