Damit ein Luftschiff nicht aus der Balance gerät, muss man wechselseitig ein- und aussteigen. Deshalb bekamen wir von dem englischsprachigen Bodenpersonal exakte Anweisungen, als wir gegen 16 Uhr unsere Plätze mit dem Kind und den beiden Erwachsenen wechselte. Sie waren vor uns geflogen und hatten die Tour beim Hessentag gewonnen. Um am Boden die Kontrolle über das Luftschiff zu halten, hielt die Bodencrew es zusätzlich an drei bis fünf Meter langen Seilen und an der Messingreling.
Rund dreieinhalb Stunden waren wir dann in der Luft. Unser Pilot Mike war ein cooler Typ, die Stimmung gut. Zurück in Reichelsheim gingen wir jedoch nicht auf dem bemähten Rasen nieder, sondern auf einem unebenen Gelände mit hohem trockenen Gräsern . Wir rauschten mit einer ordentlichen Geschwindigkeit darüber. Plötzlich hatten wir Bodenkontakt. Wir hörten fürchterlich laute Schläge, die Maschine heulte. Die Landehelfer waren 200 bis 300 Meter entfernt.
Plötzlich verstummten die Motoren. Wir dachten, gleich kommt jemand, um uns zu helfen. Über das Headset hörten wir Mike: „I had an accident, I crashed the airship.“ Das waren die letzten Worte, die ich von ihm vernahm. Er gab uns danach keine Anweisungen, blieb aber ganz ruhig.
Nicht jedes Luftschiff ist ein Zeppelin. Ursprünglich nannte man nur Starrluftschiffe, die ein Gerüst aus Trägern und Streben besitzen, Zeppeline. Heute gelten auch halbstarre Luftschiffe mit lediglich drei Längsträgern als „Zeppeline Neuer Technologie“. Das auf dem Hessentag verunglückte Luftschiff war hingegen ein Prallluftschiff – auch „Blimp“ genannt – und besaß kein Gerüst. Seine äußere Form erhielt es nur durch den Überdruck des Heliumgases.
Die typische Luftschiffform, die man von Weitem am Himmel erkennen kann, ist der Auftriebskörper. Er wird mit Helium gefüllt, damit er leichter als die ihn umgebende Luft ist. An dem Auftriebskörper hängt eine Gondel, in die die Passagiere einsteigen. den bleibt.
Im Auftriebskörper muss ein leichter Überdruck herrschen, damit er seine pralle Form behält und die Gondel tragen kann. Um den Überdruck zu erhalten, gibt es im vorderen und hinteren Teil des Auftriebskörpers je einen ballonartigen Sack, der sich mit Außenluft aufbläst. Der Pilot des Luftschiffs kann selbst regulieren, wie prall die Ballons gefüllt sind und dadurch den Schwerpunkt des Luftschiffs verlagern. Außerdem gibt es Ventile, die sich öffnen, wenn der Heliumdruck zu groß wird.
Pro Kubikmeter Helium kann ein Luftschiff einen Kilogramm Gewicht vom Boden heben. Die Auftriebskörper halbstarrer Luftschiffe können aufgrund ihres Skeletts mehr Helium fassen als die Auftriebskörper von Prallluftschiffen. So bieten die Passagiergondeln von halbstarren Luftschiffen Platz für zwölf Passagiere, die Kabinen von Prallluftschiffen können nur drei Passagiere tragen.
Zum Steuern des Luftschiffs tritt der Pilot auf ein Pedal. Damit bewegt er die Flossen, die oben und unten am Heck des Auftriebskörpers angebracht sind.
Bei einem Blimp sind der Antriebsmotor und Kraftstofftank direkt an der Passagiergondel befestigt. Bei einem halbstarren Luftschiff befindet sich beides etwa sieben Meter über der Passagiergondel.
Die Goodyear Blimps des Typs GZ-20 sind 59 Meter lang, elf Meter breit und 13,4 Meter hoch. Die Kabine misst 2,70 Meter in der Länge, 1,50 Meter in der Breite und 1,90 Meter in der Höhe.
Durch seine Masse haben Luftschiffe einen hohen Luftwiderstand. Das Prallluftschiff, das auf dem Hessentag verunglückte, konnte eine Höchstgeschwindigkeit von 46 Knoten bei günstigem Wind erreichen, das sind 98 Kilometer in der Stunde. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit betrug allerdings nur 52 Kilometer in der Stunde.
Mithilfe des Motors und der vier Flossen, die sich rechts, links, oben und unten am Heck befinden, steuert der Pilot das Luftschiff in Richtung Landeplatz. Die luftgefüllten Ballons sorgen dafür, dass der Auftriebskörper dabei nicht zu viel Druck verliert. Nach der Landung sorgt die Bodencrew mit Bleisäcken und anderem Ballast dafür, dass das Luftschiff am Boden bleibt.
Ich bemerkte einen leichten Benzingeruch. Dann wurde er stechend penetrant. Auf der Rückbank, wo ich rund 30 Zentimeter vom Motor entfernt mit einem Kollegen saß, wurde es auf einem Schlag kochend heiß am Rücken, eine stechende Hitze. Die Kollegin auf dem Co-Pilotsitz schnallte sich ab, schaute aus dem Fenster und rief „Feuer, Feuer“.
Sie stürzte sich aus dem Fenster, das Luftschiff schaukelte leicht hin und her. Der Kollege saß links an der Tür. Er bekam sie nicht auf, aber der Pilot halb ihm sie zu entriegeln. Dann stürzte auch er sich raus, die Tür bleib offen. Ich sprang zum Schluss kopfüber aus dem ein Mal ein Meter großen Fenster. Noch immer war mir nicht klar, dass Menschenleben in Gefahr waren.
Das Luftschiff stieg im Zeitlupentempo in die Höhe. Dann eine Stichflamme. Ich spürte Panik. Der Motorblock brannte lichterloh. Das Fahrwerk löste sich, das aus zwei Zwillingsreifen bestand. Irgendwann ging das von starkem dunklem Rauch umgebene Schiff wie ein Komet zu Boden, mitten in eine Kuhherde, die auseinander stob. Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass Mike sich noch retten konnte. Zeit dazu hätte er gehabt, seine Tür stand offen. Vielleicht wollte er sicher gehen, dass das brennende Luftschiff nicht direkt über der nahen Siedlung hinabfällt.
Aufgezeichnet von Jutta Rippegather