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Hintergrund
Die Frankfurter Buchmesse ist das Literatur-Großereignis. Ehrengäste 2016: Niederlande und Flandern.

16. Oktober 2015

Buchmesse: Von tollen Leuten gesehen werden

 Von 
Mitglieder einer Performancegruppe unter Leitung des österreichischen Choreografen Willi Dorner stapeln und quetschen sich auf der Buchmesse in einem Türeingang. Sie proben für eine Vorführung mit dem Titel "immer mittendrin". Damit präsentiert sich Österreich auf der Messe mit seiner neuen Kulturkampagne.  Foto: dpa

Auf der Frankfurter Buchmesse spiegelt sich die Welt. Am Samstag und Sonntag wieder für alle, die Auge und Ohr dafür haben.

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Wie findet Judith Holofernes Twitter? Judith Holofernes findet Twitter toll. Die bekannte Popmusikerin erzählt, dass sie spät damit angefangen habe, und bezeichnet sich als zunächst „heiter überfordert“. Dann habe sie festgestellt, dass „hier alle sind“, dass man über Twitter „genau die richtigen Leute finde“, nämlich „tolle Leute“. Sie staunt auch über das Phänomen des Twitterstars, Menschen, die durch Twitter unter Twitterbenutzern berühmt werden. Es ist natürlich ein Zufall, auf der Buchmesse als allererstes auf Judith Holofernes’ Spaß an der schnellen Öffentlichkeit zu stoßen. Aber die Wendung, dass „hier alle sind“ – eine Wendung, die Judith Holofernes in postdramatisch verspielten Anführungszeichen benutzt, aber sie sind etwas blass, die Anführungszeichen –, verfolgt einen doch in ihrer Naivität.

Wie politisch ist die Buchmesse?
An den Fachbesuchertagen ist die Messe genauso politisch wie immer. Wenn Menschen über Politik sprechen wollen, dann tun sie das. Wenn Menschen über Geschäfte sprechen wollen, dann tun sie das auch. Es ist auffallend, dass im Konversationsteil vor und nach dem Gespräch übers Geschäft viele darauf eingestellt sind, über Jenny Erpenbecks Roman „Gegen, ging, gegangen“ zu sprechen. Damit also über Flüchtlinge in Deutschland und Deutsche in Deutschland, und wie sie miteinander ins Gespräch kommen könnten. Dann lachen beide Seiten, weil sie sich beim Deutschen Buchpreis so verschätzt haben. Keiner hat etwas dagegen, über Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ zu sprechen, aber die meisten können das noch nicht, rein inhaltlich. Dass man bei diesem Buch mit Allgemeinplätzen nicht weit kommt, hat sich herumgesprochen. Eine an sich vernünftige Verlagsvertreterin fragt mit scheuer Neugier, ob wir schon einen Flüchtling gesehen hätten. Nein. Und woran erkennt man einen Flüchtling?

Wie schmeckt indonesischer Kaffee?
Er schmeckt mild und würzig. Im Forum des Gastlandes Indonesien wird mittags jeweils eine Sorte vorgestellt. Im Wasser steckt ein Thermometer, damit alles perfekt gelingt. Diese Bohnen, gerade erst geröstet und eben erst gemahlen, stammen aus Sembalun auf der Insel Lombok. Für einen Kilo Kaffee bekommt ein indonesischer Kaffeeanbauer etwa zwei US-Dollar, erklärt eine Indonesierin den Kaffeetrinkern. Für einen Espresso brauche man dann vielleicht 10, 20 Gramm, so dass man sich schon vorstellen kann, was für eine Gewinnspanne unterwegs entsteht, beim Bauern aber nicht ankommt. Auf einem Foto sieht man Farmer in Sembalun beim Kaffeetrinken. Was das besondere an diesem Foto sei? Die Bauern hätten praktisch nie Gelegenheit, den Kaffee selbst zu trinken. Sofort verlasse jede taugliche Bohne den Ort. So hart sei das Leben der Bauern und so mickrig ihr Verdienst, dass viele Farmen zumachten, obwohl das Klima ideal sei. Die Buchmesse ist, wie gesagt, politisch, wenn jemand über Politik spricht. Das Kaffee-Angebot „From One Bean To Another“ wird im Netz jedoch auch unter der Rubrik „Kostenloses Essen auf der Buchmesse“ gelistet. Das Gastland-Forum ist nicht exotisch, aber geschickt ausgeleuchtet, als wären die von der Decke hängenden langen weißen Stoffstelen zahllose Windlichter, zwischen denen das Publikum herumwandelt (nicht schlimm, wenn man dranstößt). Auf den Windlichtern ist allerlei zu sehen. Wie auf einer Laterna magica zieht die Geschichte des indonesischen Comics vorüber. Besonders erfolgreich waren die aus Medan (Medan-Comics). Mit dem Militärputsch 1965 wurden sie öffentlich verbrannt. Auch Spaß, Schnulz und Pop können Politik sein.

Großer Besucherandrang gehört zur Buchmesse dazu.  Foto: dpa

Wie sind die Fragen, die indonesischen Autorinnen gestellt werden?
Die Fragen sind so lala. Da ist zum Beispiel der Herr, der gar nicht mehr aufhören kann, über die ehedem barbusig umhergehenden Frauen auf Bali zu reden. Das habe die Frauen damals gar nicht gestört, barbusig herumzulaufen, das sei völlig normal gewesen für die Frauen, ihre Kultur sozusagen. Tja, so war das wohl damals. „Tja, so war das wohl damals“, sagt auch Oka Rusmini, deren Roman „Erdentanz“ (auf Deutsch bei Horlemann) vom gegenwärtigen Bali erzählt. Sie habe sich gefragt, sagt Oka Rusmini, weshalb immer nur Ausländer über die Insel schrieben. Nach dem Erscheinen ihres Buches habe sie sich dann gefragt, was daran so skandalös sei, dass eine Frau von Frauen erzähle, die schwanger seien, die Kinder bekämen, die ein ganz normales und nicht gerade einfaches Leben führten. Aber tatsächlich seien das Themen, die in der indonesischen Literatur nicht vorkämen. Intan Paramaditha, die derzeit in New York lebt, sagt, dass sie nach dem Erscheinen ihre Erzählungsbandes „Witch“ selbst für eine Hexe gehalten worden. „Es wird vorausgesetzt, dass ich ausschließlich über Sex schreibe und mich ausschließlich für Sex interessiere“, sagt sie und beklagt die zunehmende Körperfeindlichkeit durch konservative Muslime. Umso interessanter all dies, als es offenbar Schriftstellerinnen waren und sind, die als erste und bis heute über die verheerenden und völlig abgedrängten Massaker von 1965/66, die Repression unter dem Suharto-Regime und die Nachwirkungen der traumatischen Erfahrungen in die Gegenwart hinein schreiben.

Wie sieht es in Halle 4 aus?
In Halle 4 gibt es eine große Insel mit leeren Regalen und Absperrband. Hier hätte die Gemeinschaftspräsentation der iranischen Verlage aufgebaut werden sollen und können. Einzelne Pakete scheinen angeliefert worden zu sein und stehen unausgepackt herum. Exemplare eines englischsprachigen Buches über Mohammed stehen in einem Regal. Auf einem Aushang steht, dass die Einladung Salman Rushdies zur Buchmesse ein „klarer Verstoß gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ sei. Der Mann, der gegenüber in einem der ebenfalls weitgehend leeren Einzelkabuffs sitzt und mit seinem Smartphone hantiert, weiß nicht, wer das Plakat aufgehängt hat. Er weiß auch nicht, ob er es richtig findet, dass Iran die Messe offiziell boykottiert. Er weiß aber, dass es „stupid“ war, Salman Rushdie einzuladen. Warum? Dazu will er nichts sagen, denn: „You don’t understand.“

Alte Zeichnungen auf Palmenblättern aus Java (um 1531) im Pavillon des Gastlandes Indonesien.  Foto: dpa

Wie sieht es in Halle 5 aus?
In Halle 5 sieht man winzige syrische Stände mit arabischen Titeln, gegenwärtig ohne Personal außer einer freundlichen Frau, die weder Deutsch noch Englisch spricht. Vielleicht ist sie auch nur zufällig am Stand. Daneben sieht man einen Traum von einem Stand, schneeweiß. Er greift arabische Ornamentik auf und transformiert sie in eine Luxushotellobby. Das ist der Stand von Abu Dhabi und seinem International Book Fair, „your Market Place in the Arab World“. Die Buchmesse spiegelt die Welt.

Wie werde ich sichtbar?
Zum Beispiel, indem ich meinen selbstpublizierten Katzenkrimi mit dem Thema „Kratzbaum“ verbinde, so dass alle Leute, die für ihre Katze einen Kratzbaum im Internet suchen auf meinen Katzenkrimi stoßen. Pfiffig. Tipps für das Sichtbarwerden gibt es auf der Buchmesse in rauen Mengen.

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Wie findet Jonathan Franzen Twitter?
Jonathan Franzen benutzt kein Twitter. Der US-amerikanische Schriftsteller, der einst als einsamer Student in Berlin deutsch gelernt hat, mag es aber, bei Lesungen seinen Lesern direkt in die Augen zu schauen. Er mag den intimen Rahmen, den das riesige, knallvolle Schauspielhaus ihm für seine Lesung aus „Unschuld“ bietet, einfach weil er guckt und plaudert. Er will auch, dass das Publikum ihm Fragen stellt, und siehe da, das Publikum stellt vernünftige Fragen und fasst sich kurz. Das Thema kommt auf Gefahren der Selbstzensur in einer Welt der Politischen Korrektheiten. Könne man im Roman, sagt Franzen, nicht mehr ein anderer sein als der, der man sonst ist, werde der Roman zum Selfie. Dann, meint Franzen, wäre mit dem liberalen Roman auch die liberale Gesellschaft am Ende. Das Lässigste, was man im Zuge einer Buchmesse erleben kann, ist immer noch eine extrem analoge Lesung mit Jonathan Franzen.

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