In den achtziger Jahren grassierte das Katzenfieber. Scheinbar vernünftige Mitstudentinnen gingen drei-, vier-, fünfmal in "Cats", selbst wenn sie das Geld dafür eigentlich nicht hatten. In der WG eierte "Cats" in Endlosschleife im Kassettenrekorder, auf Autofahrten auch. Bald konnte man die Texte auswendig. Aber es gibt Schlimmeres, als ein zauberhaftes Gedicht von T. S. Eliot mitsingen zu können.
1981 hatte "Cats", ein Musical von Andrew Lloyd Webber und, in gewisser Weise, dem 1965 gestorbenen Eliot, in London Uraufführung. In den dreißiger Jahren hatte Eliot für seine Patenkinder fantastische, sprachspielerische Katzengedichte geschrieben, die zusammengefasst erschienen im "Old Possum's Book of Pratical Cats". Webber und der Regisseur Trevor Nunn sahen das Potential dieser Gedichte: Der Mensch formt gern das Tier nach seinem Bild. Um sich anschließend im Tier wiederzuerkennen.
Der Halbstarke, die kleinkriminellen Jugendlichen, die gealterte Diva, der weise Greis, das Faktotum, die zarte Schöne, der Pirat: In Frankfurts Alter Oper tanzen sie nun alle wieder auf beim "Jellicle Ball". Groß und rund steht der Vollmond über der Bühne, drunter eine stilisierte Müllhalde, davor viel Freifläche für das Katzen-Corps-de-ballet. Das Orchester spielt nebenan im Telemann-Salon - man glaubt es erst, als ein Dutzend Musiker zum Verbeugen auf die Bühne kommen.
Es ist die alte "Cats"-Inszenierung Trevor Nunns, die immer neu besetzt und eingerichtet wird, aber seltsamerweise ist sie jung geblieben. Was auch wäre groß zu verändern: Die Kostüme beweisen, dass dem Menschen Ganzkörper-Katzenmuster plus Gestiefelter-Kater-Stulpen ziemlich gut stehen, die Choreografie lässt keine Gelegenheit aus für Geschmeidigkeit, Lämpchen und Augen funkeln, der magische Kater Mistoffelees zündet ein kleines Feuerwerk und kann, wie es sich für einen Zauberer gehört, die meisten Pirouetten drehen. Alle der nun in Frankfurt gastierenden Darsteller können singen und tanzen, alles läuft wie am Schnürchen.
Gut auch, dass Englisch gesungen wird. Die Übersetzung wird eingeblendet und beweist: "Cats" ist dank der Eliot'schen Katzengedichte ein durch und durch britisches Musical, es schwelgt in Anspielungen, in hübsch erfundenen und tadellos gereimten Wörtern, da kann kein Übersetzer mit. Es gab mal eine Radiosendung, deren Titel sich plötzlich im Gedächtnis nach vorne drängt: "Wiederhören macht Freude".
Alte Oper Frankfurt: bis 9. Januar. www.bb-promotion.com