Die Narben und Stümpfe Dresdens sind immer und überall zu besichtigen. Direkt neben dem Schauspielhaus zum Beispiel, wo sich ein städtebauliches Nichts, ein amputiertes Platzensemble, heute noch Postplatz schimpft. Am Tag dieser Premiere aber platzen auch alte schwärende Wunden Dresdens wieder auf: In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde die Barockstadt durch alliierte Luftangriffe schwer beschädigt. Nach neuesten Erkenntnissen starben dabei bis zu 25 000 Menschen.
Grund genug für Neonazis, auf der von den Nationalsozialisten behaupteten Zahl von 250 000 Toten zu beharren und sich regelmäßig zum Jahrestag hier zu versammeln. Die Stadt wehrte sich mit Gedenk- und Protestaktionen, wobei man sich nur schwer auf ein wirksames Gegenmittel - stilles Gedenken oder lauter Antifa-Protest? - einigen konnte. Auch das mag Symptom eines noch labilen Gesundheitszustands sein.
Nun ist Dresden nur eine von vielen deutschen Städten, die den braunen Terror in ihren Mauern mit ihrer Zerstörung bezahlt haben. Dennoch gilt das einstige "Elbflorenz" als Symbol schlechthin für Kriegszerstörung. Das mag am legendären Lokalpatriotismus der Dresdner liegen, der durch die einhellige Bewunderung berühmter Besucher stets genährt wurde. Und er gipfelt in dem überlieferten Satz: "Selbst die Trümmer in Dresden sind schöner als in anderen zerbombten Städten."
Volker Lösch nimmt ihn als Ausgangspunkt seiner Untersuchung "Die Wunde Dresden" und diagnostiziert darin verdrängte Schuld, Stolz auf das eigene Leid, Erlöserfantasien, ja sogar die Opfer-Propaganda der Nazis. Nach "Orestie", "Die Weber" und "Woyzeck", seiner Dresdner Bürgerchor-Trilogie über ostdeutsche Befindlichkeiten, verabreicht er nachträglich eine Geschichtsstunde über Dresden im 20. Jahrhundert. Der perfekt eingespielte Bürgerchor ist der Hauptrolle, die er diesmal spielt, gewachsen. Es liegt also nicht an ihm, dass diese Inszenierung weniger vielschichtig und hellsichtig ausfällt als etwa Löschs "Woyzeck". Es scheint aber, als käme der Regisseur, der jetzt mit seinem Hamburger "Marat" zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, zu zwingenderen Ergebnissen, wenn er sich von einem Stück herausfordern lässt, ihm gesellschaftspolitische Aktualität entgegenzusetzen.
Diesmal hat ihm sein Dramaturg Stefan Schnabel jedoch eine eigene Collage gebastelt: In drei Kapiteln - 1934, 1945 und Nachkriegszeit - reiht er in der Art von Walter Kempowskis "Echolot" Zeitzeugenberichte, Ausschnitte aus "Wilhelm Tell" und "Faust", DDR-Hymnen-Text und Zitate von Joseph Goebbels oder Helmut Kohl aneinander. Mit der "1. Reichs-Theaterfestwoche", mit der Dresden für treue NS-Dienste belohnt wird, beginnt die grelle Geschichtsrevue. Mit Leserbriefen, die sich über die nach unten korrigierten Opferzahlen echauffieren, hört sie auf. Was nicht unproblematisch ist: Mit dem Schlussapplaus wird das brav beklatscht - sollte es als Provokation gemeint sein, verpufft sie. Wer aber so ausdrücklich gesellschaftspolitische Positionen formuliert wie Lösch, muss sich an solchen Szenen messen lassen.
Dabei gibt es durchaus erhellende Momente auf Cary Gaylers schlichter Guckkasten-Bühne: Wenn der Chor in seiner Krankenhauswäsche eine Nazi-Interpretation des "Tell" spielt. Wenn er, nachdem die Sirene verstummt ist, minutenlang im Dunkeln den Bericht eines Dresdners von der Bombennacht rezitiert. Wenn die Choristen wehleidig ihre Wende-Bademäntel von Hellbraun auf Weiß drehen - vom Täter- zum Opferdeckmantel der Geschichte.
Mit seinen gewohnt plakativen Mitteln kommt Lösch dem Dresden-Mythos aber nicht bei. Zwar liegt er richtig mit seiner Diagnose, aber seine Therapie greift nicht. Mag der nicht einheimische Betrachter in der immer wieder thematisierten Dresden-Verherrlichung Ironie und Übertreibung erkennen, auf den Grund gegangen wird ihr zu wenig. Der Phantomschmerz über die verlorene Schönheit der Stadt bricht sich Bahn, indem Lösch ihn zu kurieren sucht. Und so liegt denn der sächsische Patient oben auf der Bühne in seinem Krankenbett und leckt sich die Wunden. Die Trümmer der Stadt werden weiter als die schönsten gelten. Auch Lösch hat sie nicht weggeräumt, nur kurz mal darunter geschaut.
Staatsschauspiel Dresden: 16., 26. Februar, 7., 13., 18. März.