kalaydo.de Anzeigen
Eurovision Song Contest in Baku
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.

"Koma-Saufen" vor Gericht: Der Tag, an dem Lukas verlor

Lukas W. ist tot, weil er beim Wetttrinken verloren hat. Im Prozess gegen den so genannten "Koma-Wirt" fordert die Staatsanwaltschaft vier Jahre Gefängnis. Das Landgericht Berlin will das Urteil am 3. Juli verkünden. Von Jörg Schindler

Der angeklagte Kneipenwirt Aytac G. soll für vier Jahre ins Gefängnis.
Der angeklagte Kneipenwirt Aytac G. soll für vier Jahre ins Gefängnis.
Foto: ddp

Am 25. Februar 2007, gegen acht Uhr morgens, wird ein 16-Jähriger in die Intensivstation des Virchow-Klinikums zu Berlin eingeliefert. Der Junge ist bewusstlos, Notärzte haben ihn reanimiert, im Blut finden sie 4,4 Promille Alkohol.

Auf seinen Bauch hat jemand mit Kugelschreiber gekritzelt: "Du hast verloren." Das stimmt gleich zweifach. Lukas W. hat verloren. Erst ein Wett-Trinken. Später dann sein Leben.

Der Mann, der für den Tod des Schülers verantwortlich sein soll, sitzt auch am Mittwoch schweigend auf der Anklagebank des Kriminalgerichts Berlin-Moabit. Wieder hat er ein schickes Hemd übergestreift und einen Knopf zuviel offen gelassen, wieder hat er die Haare und die Koteletten ordentlich getrimmt. Aytac G. legt offenkundig Wert auf sein Äußeres, zumal jetzt, da er auch außerhalb Berlins eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

Der 28-Jährige ist der erste Wirt, dem wegen eines Wett-Trinkens mit tödlichem Ausgang der Prozess gemacht wird. Der Prozess platzt mitten in eine aufgeregte öffentliche Debatte über das "Komasaufen" von Kindern. Am Wochenende hat die Polizei in Hannover 47 volltrunkene Jugendliche auf die Wache geschleppt, der Blaueste hatte 1,94 Promille Alkohol im Blut. Mehr als 23.000 lallende Halbwüchsige, so viele wie noch nie, mussten 2008 ins Krankenhaus gebracht werden.

Jedes Wochenende kommen 13-, 14-, 15-Jährige dazu. Fast alle haben Glück und sind irgendwann wieder nüchtern. Lukas W. hatte Pech. Seit vier Monaten müht sich die 22. Strafkammer des Landgerichts Berlin zu rekonstruieren, was genau sich vor fast zweieinhalb Jahren in der Charlottenburger Kneipe "Eye T" zugetragen hat. Im Kern geht es um die Frage, ob Aytac G. noch zurechnungsfähig war, als er mit dem schwer vom Alkohol gezeichneten Lukas immer weiter Tequila trank und dann einfach ging, als der Junge nicht mehr ansprechbar war.

Körperverletzung mit Todesfolge und unerlaubten Alkoholausschank an Minderjährige wirft die Anklage dem Wirt vor, plädiert auf vier Jahre Haft. Der Mittwoch hätte der letzte Prozesstag sein sollen, war es aber nicht. Die Forderung der Staatsanwaltschaft lautet: vier Jahre Gefängnis. Die Verteidigung plädierte am Mittwoch auf einen milden Richterspruch. Das Landgericht will das Urteil am 3. Juli verkünden.

Die Verteidigung konzentriert sich von Anfang an darauf, G. als ahnungslosen und naiven Geschäftsmann zu präsentieren. Das Ganz sei ein "tragischer Unglücksfall", für den er "ohne Wenn und Aber" die Verantwortung trage. Allerdings kenne sich G. als "aktiver Sportler" mit Alkohol nicht so gut aus, vertrage wenig, habe daher auch während des Wetttrinkens rasch die Orientierung verloren.

Dumm für Aytac G: Etliche Zeugen haben die Zustände im "Eye T" und die tödliche Nacht in anderer Erinnerung. Demnach war G.s Kneipe über Jahre hinweg die An- und Zulaufstelle für eine große Zahl von Jugendlichen. "Kindergarten" nennt ein Zeuge den Laden, weil Aytac G. "ohne Bedenken", wie er selbst zugibt, harten Alkohol daumenhoch an Halbwüchsige ausschenkte. Die Preise taten ihr übriges: Einen Euro verlangte G. für einen Tequila, 3,90 Euro für einen Cocktail.

"Der Kundenkreis war ziemlich jung", sagt der Tischler Andreas W. am Mittwoch, "Kontrollen hab ich da nie gesehen." Weder vom Wirt, noch von den Behörden, noch von den Eltern, die ihre Kinder bisweilen mit dem Auto zu deren Saufgelagen fuhren und sie wieder abholten. Keiner wollte etwas wissen. Keiner fragte nach.

Zu den Stammgästen im "Eye T", das längst dicht gemacht hat, zählte auch Gymnasiast Lukas W. Die Ärzte stellten eine erhebliche Alkoholgewöhnung fest. Vor Gericht sagt seine Freundin, er habe "nicht mehr getrunken als andere Jugendliche". Auch Lukas’ Mutter, eine Bibliothekarin, hört das Gericht als Zeugin an. Mehrfach, beteuert sie, habe es "heftige Auseinandersetzungen" über die Trinkgewohnheiten ihres Sohnes gegeben. Sie führten aber offenbar zu nichts. Es sei halt "üblich" gewesen, so Jutta W., dass in den Cliquen nachts gesoffen wurde.

Das Wetttrinken, so viel scheint klar, war Lukas’ Idee. Am frühen Morgen des 25. Februar 2007 kam er nach einem Disco-Besuch ins "Eye T" und forderte Aytac G. heraus. Ein ungleicher Kampf: G. wies einen Kellner an, ihm heimlich Wasser ins Glas zu schütten. Lukas aber trank Tequila, 45 Gläser, fast einen Liter - bis er am Tresen zusammenbrach. Fünf Wochen später war er tot.

Der Wirt, der angeblich nichts von Alkohol versteht, ging kurz darauf. Er verabschiedete sich noch von den restlichen Gästen, bat den Tischler W., am Morgen die Kneipe zu schließen, und trollte sich mit einer Frau, mit der er sich privat noch ein wenig vergnügte. Verhält sich einer so, wenn er vor lauter Suff nichts mehr mitbekommt?

Diejenigen, die noch da waren um fünf Uhr morgens, legten Lukas auf eine Bank und stellten einen Eimer davor. Dann tranken sie weiter. Erst gegen Viertel nach sieben merkte einer, dass der Junge blau angelaufen war, und rief den Notarzt. Da atmete der 16-Jährige nicht mehr. Er hatte verloren.

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  17 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken