Hübsches Huhn, möchte man meinen. Leuchtend weißes Fell, stolzer roter Kamm, erhabener Schritt. Vielleicht wirkt es ein bisschen schlicht in seinem Tun, dieses Huhn. Will eigentlich nur picken, egal wo, und sonst gar nichts. Dennoch müssen wir uns Sorgen machen um das göttliche Geschöpf . Denn Mizzi, die im Original nur ein Huhn ist, das ein Huhn vorstellt, ist in dieser Inszenierung ein Huhn, das echt ist; krählebendig sozusagen.
Gottlob hat Hermann Beil auf eine realistische Darstellung von Mizzis Schicksal verzichtet. Das Huhn, dem im fünften Akt von George Taboris Farce "Mein Kampf"" symbolisch der Hals umgedreht wird, damit es in der Bratpfanne bruzzeln kann - zum Wohl der nationalsozialistischen Mägen, und um Schlomo Herzl, dem Huhnbesitzer, in shylockscher Dialektik, das Herz aus dem Leib zu reißen - dieses Huhn ist auf der Probebühne des Berliner Ensembles nur ein Requisit, ein Imitat. Zugleich bekundet sein Da-Sein den hohen humoristischen Anteil eines Abends, der so gar nicht humoristisch ist und doch wieder und doch nicht. Ein Abend ist das, der eine halbe Stunde lang einen Klumpen mit sich herumschleppt, diesen Klumpen dann plötzlich abwirft, zwei Stunden virtuos damit spielt wie mit einem Federball, und der ihn ganz am Ende tief in unseren Hals steckt.
Tabori selbst, dessen Theaterstücke viel zu selten gespielt werden, hat sein Opus, das 1987 am Wiener Akademietheater mit ihm in der Rolle des Lobkowitz uraufgeführt wurde, einen theologischen Schwank genannt. Es geht darin um die Liebe in ihrer vielfältigen Form und ganz konkret um zwei bis drei wesentliche Fragen. Erstens: Wer ist Gott und wie kann man ihn lieben? Zweitens: Darf man neben Gott auch seinen Feind lieben, und wie kommt es dazu, dass man dazu in der Lage ist? Mit einem Wort: Wie entkommt man der Fessel des Alten Testaments und gelangt zu den höheren Weihen des Verzeihens?
Schlomo Herzl, Schriftgelehrter mehr als Schriftsteller und Bewohner eines Wiener Asyls, ist der Meinung, man kommt durchs Verstehen dahin. Als Hitler winters hineinschneit in die ärmliche Behausung, die Karl-Ernst Herrmann naturgetreu auf der Bühne nachgebildet hat, begegnet er ihm zwar distanziert, doch wohlwollend. Herzl ist Humanist, ein Gottsucher, Sophist, dazu Romantiker durch und durch. Michael Rothmann spielt ihn, anfangs hochgradig nervös, dann mit zunehmender Kontur, mit Charme und Chuzpe. Eine Glanzleistung, wiewohl nicht auf den ersten Blick. Immer näher rückt Rothmanns Spiel der Herzlschen Seele, taucht schließlich in sie ein, sieht ihr zu, wie sie zerfließt, wie sie weint.
Zuvor hat Herzl die Liebe kennen gelernt, in Gestalt des nackten Gretchens (Andrea Bröderbauer), die zum Wohlfühllied "Wochenend und Sonnenschein" der Comedian Harmonists erscheint. Es ist die (fast) unschuldige Liebe zu einem Menschen, der einen gerade wegen seiner Hässlichkeit schön findet, sprich: wegen des Anderen, Fremden, Nicht-Gewöhnlichen. Es ist eine Liebe, so rot und leicht wie der Luftballon, der bald schon an der Decke klebt und doch ganz weit hinaus will.
Und das ist schon eine schwer verdauliche Erkenntnis, die Stück wie Inszenierung mit einfachen, wunderbar poetischen Mitteln verkünden: Die Liebe ist stärker als das Verderben, stärker als der Tod. Herzl mag Hitler als Menschen wirklich, er gewinnt ihn lieb - wenngleich nicht seine Liebe. Die verweigert der sich beharrlich in den Wahn hineinsteigernde Jörg Thieme in dieser Rolle dem klugen Kandidaten. Kaum hat Herzl, und das ist nur einer der zahllosen Sarkasmen, die das Blei tiefer in den Hals treiben, Hitler den Schnauzbart gestutzt, stutzt er ihn eben auf das normale Maß zurecht. Hier, sieh in den Spiegel, dort entdeckst du einen tumben Bauernburschen aus Braunau am Inn, der, weil er zur Kunst nicht taugt, in die Politik muss.
Genau an dieser entscheidenden Kante kippt der Abend sinnfällig ins Bedrohliche. Das Spiel ist aus, aller jüdischer Witz ist dahin, die braunbehemdeten Tiroler Tölpel putzen die Bühne braun. Herzl, der zuvor wie ein Conférencier durch das Asyl schritt, liegt nun im Bett, wehrlos, ausgeliefert, die Nazis tanzen anschlusshalber einen Johann-Strauß-Walzer, das Huhn wird geschlachtet, und selbst Gretchen ist nun eine BDM-Göre. Und dann wäre da noch die irritierendste Partie im ganzen Stück. Regisseur Beil schickt Martin Schneider als Frau Tod mit dem Siegfried-Motiv aus Wagners "Ring"- Tetralogie auf die Szene. Für ihn ist der Tod ganz erotische Versuchung. Er ist lasziv, vulgär, wissend. Und: Er hat sie alle lieb, die da (noch) leben.
Die Doppelbödigkeit dieser Figurenzuschreibung ist gewollt, und sie ist grandios. Mag Gott tot sein, mag der Tod gekommen sein, mag Hitler die Apokalypse sein, es bleibt doch immer noch das, was darüber steht. Ein kluger Mann hat es mal das Prinzip Hoffnung genannt. Dieser Theaterabend erklärt uns, warum das Prinzip, verstanden als Liebeserklärung an die Menschheit, richtig ist. Darin, in dieser visionären Behauptung, liegt seine Größe.
Berliner Ensemble: 24. März, 4., 8., 11., 28. April. www.berliner-ensemble.de