Der Herr von der BBC verzweifelt langsam. Mit einem Kamerateam im Schlepptau steht er am Eingang und ist auf der Suche nach einem "normalen" Zuschauer. Sprich keinen, der aus beruflichen Gründen die Premiere im kleinen Theater im dritten Wiener Gemeindebezirk besucht. Doch so einfach ist das nicht. Die meisten hier wurden von ihren Chefredakteuren geschickt. Sogar ein Kamerateam aus Australien soll hier sein, munkelt man.
"Pension F." heißt das Stück, das an diesem Abend vor gerammelt vollem Haus und unter Polizeischutz Premiere hat. Vor Wochen hieß das Stück noch "Pension Fritzl", nach dem Mann aus Amstetten, der 24 Jahre lang seine Tochter in einem Kellerverlies gefangen hielt und mit ihr sieben Kinder zeugte. Eine "Kellersoap", stand als Untertitel vollmundig auf der Homepage des Theaters. Der Begriff "Inzestkomödie" machte die Runde. Doch dann brach in österreichischen Boulevardmedien ein Orkan der Entrüstung los. Die rechten Parteien hetzten, die Leserbriefseiten quollen über, das Theater wurde attackiert. Und die halbe Welt empörte sich gleich mit. Damit wurde alles anders.
Die Realität schrieb sich das Theaterstück daraufhin selbst. "Die ultimative Mediensatire" heißt es jetzt im Untertitel. Der Uraufführungsabend ist eigentlich nur ein Nachtrag. Premiere hatte dieses Stück schon vor langem. In den Zeitungen und Fernsehstationen. Und zwar jeden Tag von neuem. Nicht um den Fall F. geht es und um seine widerwärtigen Details (sie werden vom 16. März an vor Gericht aufgerollt), sondern um die unrühmliche Rolle der Medien. Also um die Rolle all jener, die an diesem feuchten Abend des Rosenmontags mit lüsternen Blicken im Foyer des heruntergekommenen Off-Off-Theaters stehen.
Ihnen wird auf der Bühne der Spiegel vorgehalten. Ihrer Gier nach Sensationen, ihrer Ausbeutung der Opfer, ihrer Geilheit nach der Quote. Vom Herrn aus Amstetten und Anhang keine Spur. Ein ARD-Beitrag aus dem Vorfeld läuft, Zeitungsartikel über den angeblichen Skandal hängen an der Wand. "Danke liebe Medienvertreter", sagt Hubsi Kramar, "dass ihr das Stück für uns geschrieben habt. Leider seid ihr selbst zu zahlreich erschienen. Für uns Schauspieler ist kein Platz mehr im Theater." Also zieht er sich mit seinen Akteuren ins Wirtshaus zurück.
Kramar ist der Mastermind der Theateraktion. 60 Jahre alt und ein linker Haudegen, wie ihn wahrscheinlich nur die Wiener Subkultur hervorbringt. Im Jahr der Angelobung der rechtspopulistischen Schüssel-Haider-Regierung ging er im Hitler-Kostüm auf den Opernball - und wurde prompt verhaftet. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Staatsvertrages zog er mit einem Schaf samt rot-weiß-roter Schärpe durch die Stadt. "Mäh ist frei", stand darauf.
Ein Aktionist. Einer, der zwischen Leben und Theater keinen großen Unterschied macht und am Rohen und Unfertigen mehr Spaß hat als am ausgefeilten Kunstgenuss. "Pension F." ist sein bislang größter Coup. Und er genießt ihn. Zurück aus dem Wirtshaus inszeniert Kramar eine Nummernrevue, die ungefähr so spaßig ist wie ein Faschingsgschnas aus Villach. Die größte Freude haben dabei die Laien-Schauspieler. Sie seien selbst teilweise "Opfer", hatte Kramar im Vorfeld erklärt. Je länger die Gesichter der Journalisten, umso toller das Treiben auf der Bühne.
Eine Talkshow wird inszeniert samt Wetterfrosch und Gesangseinlagen. Ihr Titel: "Opfer machen Quote, geiler, geiler". Kramar selbst ist der Conférencier. Opfer werden gecastet, Balladen von missbrauchten Kindern gesungen. Dazwischen tritt der Parteibeauftragte einer österreichischen Volkspartei auf und fordert "gesunde Volksunterhaltung". Christoph Schlingensief hat vor Jahren anlässlich seiner Wiener "Ausländer raus"-Aktion die Medien inszeniert. Daran muss man an diesem Abend denken.
Doch Hubsi Kramar ist näher an Johann Kresnik und dessen linken, moralinsauren Revuen als am Medien-erprobten Apothekerssohn aus Oberhausen. Die Medien, die sich über ein Stück ereiferten, das es noch gar nicht gab, haben sich selbst vorgeführt. Da musste Kramar nur zuschauen, Zeitungsartikel ausschneiden und zwischendurch eine Pressekonferenz geben. Immerhin war er so gescheit, ihnen nicht auf den Leim zu gehen. "Pension F." ist eine einzige große Verweigerung. Und in etwa so spaßig wie ein Talkshow- und Castingabend auf RTL.
Als angekündigter Höhepunkt des Abends tritt Hermann Fritzl auf, ein Schauspieler oder Namensvetter, so genau weiß man das nicht. Der Pass wird gezeigt, drei Worte gemurmelt. Das war's auch schon. Mit diesem Fritzl ist kein Artikel zu machen. Auf Sendung gehen manche Fernsehstationen trotzdem gleich im Anschluss an die Vorstellung. Der Redaktionsschluss drängt. Deswegen, erklärt Kramar nach zweieinhalb Stunden, müsse er jetzt auch langsam Schluss machen. Wer wolle, sagt er, dürfe ihn aber gleich noch interviewen.
3Raum-Anatomietheater, Wien: alle bisher geplanten Aufführungen sind ausverkauft, "wegen des übergroßen Andrangs" weitere Termine vom 15.-18. April. www.3raum.or.at