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Abschied Elisabeth Schweeger: Das Böse schnauft uns in den Nacken

"Othello" im Schauspiel Frankfurt: Die Entscheidung nur Männer spielen zu lassen ist eine reizvolle Nebensache, die Schönheit von Bert Tischendorfs Desdemona kein Tuntenspaß. Von Judith von Sternburg

Othello und seine Desdemona: Joachim Nimtz und Bert Tischendorf.
Othello und seine Desdemona: Joachim Nimtz und Bert Tischendorf.
Foto: Alexander Paul Englert

Ein starker Theaterabend. Er braucht nur zwei Stunden, aber am Stück. Er tändelt nicht.

Simone Blattners Blick auf William Shakespeares Tragödie der Eifersucht, "Othello", beginnt weit hinten auf der Große-Haus-Bühne des Frankfurter Schauspiels. Das Publikum drängt sich stehend in einer hohlen Gasse, als Jago hereinkommt und die Nahestehenden neugierig und verlegen macht, wie ein Außer-sich-Geratener in der U-Bahn. Jago schimpft auf den "Neger", der ihn schlecht behandelt (nicht befördert) hat. Aljoscha Stadelmann, grobschlächtig, in der Wortwahl jedoch derber als in seiner Stimme, setzt sich eine Raubtierfellmütze auf und will Flagge zeigen. Das sagt er so zart, als müsste er sich selbst erst darauf einstellen. Ein schillernder Moment: Jago ist wie Judas, der irgendwie auch nicht anders konnte. Wir wissen alles und nichts über solche Leute. Jago reißt sich vielleicht nicht um seine Rolle, aber er nimmt sie an.

Zur Sache

Vor dem Abschied: Noch einmal gab es ein großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt in der letzten Spielzeit von Intendantin Elisabeth Schweeger.

Armin Petras und Simone Blattner haben am Schauspiel Frankfurt von Elisabeth Schweegers erster Spielzeit an inszeniert. Petras brachte 2001/02 "Simulacron", Blattner "Medea".

"Opening Night", Kleines Haus: 26., 28. März, 12., 19. April.

"Othello", Hinterbühne Gr. Haus: 27. März, 4., 5., 17., 18. April.

www.schauspielfrankfurt.de

Noch einmal ein großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt in der letzten Spielzeit von Intendantin Elisabeth Schweeger.
Noch einmal ein großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt in der letzten Spielzeit von Intendantin Elisabeth Schweeger.
Foto: Kumpfmüller/FR

Zuerst jedoch muss Othello noch einmal in die Schlacht. Das macht ihm nichts aus, das ist sein Beruf. Auf der Mauer zur einen Seite der Gasse taucht er auf, glücklich, selbstbewusst, goldene Ohrringe, schwarz erst, als sich Joachim Nimtz Farbe ins Gesicht schmiert. Jetzt erhebt sich um das Publikum ein Lärm und Wind, und es darf hinter die Mauer, wo sich ein in etwa elisabethanisches Theater auftut. Auf zwei Galerien sitzen die Zuschauer rundherum und blicken in das stufige, mit grauem Teppich belegte Spielfeld, eingerichtet von Alain Rappaport.

Das ist an sich schon spektakulär - ein Theater auf dem Theater - und dazu in der Benutzung wirkungsvoll. Schräg von oben zu sehen, erneuert das vertraute Ringen, Turteln, Springen, Faustballen, Würgen. Manchmal verpasst man etwas oder sieht den sich über die Balustrade gegenüber hängenden Zuschauern zu, wie sie etwas verpassen. Zieht Othello jetzt echt eine Banane aus der Tasche? Was man aber sieht, macht die Versäumnisse wett.

Die extragrobe Sprache überzeugt nicht immer, steht aber immer in spannendem Kontrast zur Ruhe der Aufführung, die ohne Musik und fast ohne Requisiten auskommt. Natürlich ist das berühmteste Taschentuch der Welt im Spiel. Jago zieht die Strippen, aber Blattner zeigt es nur, drängt es nicht auf. Othello und Desdemona lieben sich, aber Blattner zeigt es nur, kompliziert es nicht: Man ahnt, wie froh sie zusammen alt werden könnten.

Der Teppich schluckt das Knacken im Gebälk, nicht hektisch, aber elastisch wie auf einem Trampolin bewegen sich die Figuren. Mitspielen darf bei rigoros zusammengestrichener Besetzung allerdings nur noch, wer für Jagos Plan unabdingbar ist. Leutnant Cassio, Patrick Heyn, ist ein freundlicher, gescheiter Typ. Dass Rodrigo, Rainer Frank, der sich immer noch Hoffnungen auf Desdemona macht, ein wenig feminin wirkt, klärt sich, als Frank in die Rolle Emilias, Jagos Frau schlüpft, die nun ein wenig maskulin wirkt.

Die Entscheidung, nur Männer spielen zu lassen - bei durchweg vorzüglicher Besetzung -, ist kein elisabethanischer Gag, sondern eine reizvolle Nebensache. Bert Tischendorf ist als Desdemona nach Sekunden selbstverständlich, ihre Schönheit kein Tuntenspaß. Zudem tritt ein "Rosenkavalier"-Effekt ein. Die Nähe zwischen den Liebenden ist durch das Gleichgewicht von Stimme, Kraft und Knochenbau noch größer.

Blattner zeigt aber auch das zügig im Vorübergehen. Diese Menschen sind nicht kompliziert, sie haben keine Hintergedanken, von denen wir nichts wissen. Auch Blattner, will man meinen, hat keine Hintergedanken. Sabine Flecks zeitlose Kostüme, unauffällig gut geschnitten, sind so unprätentiös und offen wie die Vorstellung. Nicht besonders heikle, frohgemute Menschen werden zu Spielbällen eines ebenfalls nicht besonders heiklen, aber keinesfalls frohgemuten Menschen.

Das wirkt nicht banal, sondern konzentriert. Und tragisch: so selbstsicher, geradeaus und verwundbar zu sein. Das Tempo, mit der Stadelmann Nimtz in die Eifersucht treibt, zeigt den Bösen als Profi ("ehrlich" und "wirklich" sind seine Lieblingswörter), nicht den Eifersüchtigen als Simpel.

Gibt es überhaupt etwas, das abgedroschen wirkt? Ja, die oft gesehene Geschichte mit der Farbe; dass Othello irgendwie doch sich selbst zum Außenseiter und später zum Affen macht. Die Farbe färbt ab auf Desdemona, die das nicht stört, und auf Jago, der sich graust und das Gesicht rubbelt.

Dafür dann aber dieses Ende, unverschämterweise nicht, wie Shakespeare es schrieb und ohne Gerechtigkeit nirgends, aber sehr unheimlich. Jago bringt wider Erwarten Cassio, Rodrigo (mit einem Genickbruch, den man zwei Tage später noch im Ohr hat) und dann noch seine Frau um. Ohne Requisiten ist er dabei auf seiner Hände Arbeit angewiesen. Dann singt er das "Finale"-Liedchen der Fußballfans vor sich hin und schottet das graue Teppichfeld nach außen ab. Das dauert ewig. Das ist kaum auszuhalten. Othello und Desdemona bleiben allein zurück.

Von der Galerie aus schaut Jago dann dem letzten Mord zu und schnauft uns in den Nacken. Und zwar nicht im übertragenen Sinne. Der Mann ist gemeingefährlich, aber am Ende macht er nichts anderes als wir: Still zusehen. Der Rest ist Schweigen, ernsthaft.

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  23 | 3 | 2009
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