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Abschied Elisabeth Schweeger: Seele in den Leib spielen

"Opening Night", heißt - wie ein kleiner ironischer Ausfallschritt - Armin Petras' letzte Inszenierung am Schauspiel Frankfurt. Seine Kunst wie immer hybrid, schmutzig, rau. Von Peter Michalzik

Am Boden: Robert Kuchenbuch und Friederike Kammer in Opening Night.
Am Boden: Robert Kuchenbuch und Friederike Kammer in "Opening Night".
Foto: Alexander Paul Englert

Opening night" heißt - wie ein kleiner ironischer Ausfallschritt -Armin Petras' letzte Inszenierung für Frankfurt. "Opening Night" ist ein Film von John Cassavetes von 1977 über den Schmerz des Alterns und das ersterbende Herz der Schauspieler, Petras zeigt die Bearbeitung im Kleinen Haus mit sechs Schauspielern.

Es ist, wenn wir richtig gezählt haben, seine 21. Inszenierung in Frankfurt innerhalb der letzten acht Jahre. Bevor er hierher kam, hatte er bereits an vielen Häusern gearbeitet und mit großem Erfolg die Stücke seines schreibenden Alter Ego Fritz Kater inszeniert. Prägend aber wurde Armin Petras erst am Schauspiel Frankfurt. Der Spielplan zwischen Großem Haus und Schmidtstraße war ein paar Jahre lang an ihm ausgerichtet, die Schauspieler, die kamen und später gingen, waren an seiner Ästhetik orientiert. Als er sich um die Außenspielstätte in der Schmidtstraße kümmerte, hatte dieser schwer zu erreichende Ort ziemliche Anziehungskraft.

Zur Sache

Vor dem Abschied: Noch einmal gab es ein großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt in der letzten Spielzeit von Intendantin Elisabeth Schweeger.

Armin Petras und Simone Blattner haben am Schauspiel Frankfurt von Elisabeth Schweegers erster Spielzeit an inszeniert. Petras brachte 2001/02 "Simulacron", Blattner "Medea".

"Opening Night", Kleines Haus: 26., 28. März, 12., 19. April.

"Othello", Hinterbühne Gr. Haus: 27. März, 4., 5., 17., 18. April.

www.schauspielfrankfurt.de

Noch einmal ein großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt in der letzten Spielzeit von Intendantin Elisabeth Schweeger.
Noch einmal ein großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt in der letzten Spielzeit von Intendantin Elisabeth Schweeger.
Foto: Kumpfmüller/FR

Und eigentlich passt Petras auch nach Frankfurt: Sein Arbeitseifer ist offensichtlich grenzenlos. Das Schöne dabei ist, dass ihm alles Anmaßende, Selbstgefällige, Eitle abgeht. Sein Theater ist voll Gefühl, dabei ist es aber nicht gefühlig. Seine Arbeit ist eklektizistisch, seine Aufführungen sind alles andere als rein, seine Kunst ist hybrid, schmutzig, rau, er will echt sein, es ist Großstadtkunst. Deutlich ist die Hingabe an die Unterprivilegierten. Es steckt außerdem die Lust an der Versammlung in diesem Theater, Proben heißt hier auch gemeinsam denken, fühlen und frei sein.

Trotzdem, obwohl er gut hierher passt, und trotz 21 Inszenierungen hat sich zwischen Frankfurt und Petras keine engere Bindung ergeben. Die Stadt hat ihn nicht angenommen, wie das jetzt Berlin tut, sie hat ihn nicht mal richtig wahrgenommen. Das ist schade. Vielleicht, muss man hier selbstkritisch anmerken, ist es auch ein Versäumnis der Theaterkritik. Und nun, zum Abschluss dieser unerfüllten Affäre, also eine "Opening Night".

Petras macht aus dem Film eine einfache, sozusagen nackte Aufführung, kaum Requisiten, wenig Illusion. Ein roter Samtvorhang ist über die gesamte Bühne gehängt, das Theaterzeichen schlechthin. Man kann mit ihm spielen, man kann sich unter ihm verkriechen, man kann ihn einrollen. Das ist eigentlich schon alles. Die Aufführung erzählt die Geschichte der alternden Schauspielerin Frida, gespielt von Friederike Kammer, die sich weigert, die alternde Virginia zu spielen, die jeden Mann anflirtet, die ihre Umgebung aussaugt (in der Shakespeares Altersdrama "König Lear" geprobt wird), die sich überhaupt verhält, wie sich alternde Diven verhalten. Die Aufführung mit Virginia droht zu platzen, Frida trinkt und vergräbt sich in einer Beziehung zur toten, jungen Nancy. Petras erzählt das in zwei Stunden vollständig, aber er gibt sich keine Mühe, die Ebenen auseinander zu fieseln. Wieso auch? Es geht um etwas anderes: Mit kunstvoller Kunstlosigkeit und trockenem Humor geht es zwischen Leben und Theater, zwischen Rolle und Wirklichkeit, zwischen "Lear" und entrückter Phantasie um die Engführung auf das eine Gefühl: Wie ist es zu ertragen, wenn das Begehren einem nicht mehr zufliegt? Wie ist es zu ertragen, wenn man nicht geliebt wird? Was passiert, wenn man deswegen kein Gefühl hat? Wenn man ausgebrannt ist? Kann man ohne Gefühl leben? Kann man das Leben überhaupt aushalten? Oder anders: Wie kann man Gefühle haben? Wie kann man etwas spüren?

Diese Frage, wie kann man etwas spüren, ist natürlich auch die Schauspielerfrage schlechthin, dieser Menschen, die Hüllen mit Leben füllen. Und diese Fragen umkreisen die sechs Schauspieler in Frankfurt nun in unprätentiösen, schönen, schlackenfreien Szenen, etwa die durch René Pollesch berühmte Schlagszene (er hat Cassavetes' Schauspiel-Film vor zwei Jahren in Stuttgart als Vorlage benutzt). Sie verliert bei Petras etwas das Slapstickhafte und wird zu einem Spiel über das Spüren.

Wie sich Frida weigert, Virginia zu spielen, so weigert sie sich, sich schlagen zu lassen. Aber Schauspieler, sagt der Regisseur Martin, der bei Wilhelm Eilers etwas ebenso Desillusioniert-Korrektes wie ein zugeknöpfter Anzug hat, Schauspieler werden nun mal traditionell geschlagen. Oliver Kraushaar, der sich als Chris neben der lustlosen Frida dagegen die Seele aus dem Leib spielt, versichert, dass er die schmerzlose Schlagtechnik schon drauf hat. Es wird hin und her geschlagen, auch die anderen tun da mit, am Ende bekommt Frida eine ab, eine einzige Ohrfeige - und liegt dann, wie tot, am Boden, ehe jemand die zielführende Idee hat, ihr eine Whiskyflasche vor die Nase zu stellen.

Sabine Waibel zeigt drastisch die Haare auf den Zähnen der eifersüchtigen Ehefrau und die nackte Verzweiflung der unerhörten Ehefrau, Robert Kuchenbuch spielt sich zunehmend in Lears Verzweiflung hinein, Anne Müller spielt, wie meistens, das Jungsein. Alle spielen mit an der Ballade des verhinderten Gefühls, alle nehmen teil an einer kleinen Utopie. Das, eine Utopie, ist jede Aufführung von Petras. "Opening Night" ist eine der Ernüchterung.

Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  23 | 3 | 2009
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