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Afghanische Anwältin: Verfemt und verstoßen

Die afghanische Anwältin Saliha Dourzad verteidigt Frauen, die wegen "moralischer Verbrechen" in Haft sind.

Für viele Frauen im Gefängnis ist ihre Anwältin der einzige Kontakt zur Außenwelt.
Für viele Frauen im Gefängnis ist ihre Anwältin der einzige Kontakt zur Außenwelt.
Foto: ap

Die Herren thronen in verzierten Lehnsesseln. Der Schweiß rinnt den beiden an den Hälsen herunter, der Ventilator schiebt die heiße Luft hin und her. Sie dösen. Nirgendwo steht ein Telefon, das stören könnte. Auf den Tischen liegen Berge von Papier, die von Gummibändern zusammengehalten werden. Die Tür fliegt auf. "Ich wollte meine Akten abholen", sagt Saliha Dourzad und lächelt. Die Männer schrecken auf. Sie starren die Frau mit der bestickten Tunika und den hochhackigen Schnallenschuhen an. Der dickere der beiden Männer findet als Erster Worte: "Salaam, wollen Sie nicht einen Tee trinken?" "Nein danke, ich will meine Akten abholen."

Saliha Dourzad ist Rechtsanwältin. Die 39 Jahre alte Frau will sich nicht bremsen lassen. Nicht hier im Büro des heruntergekommenen Hochhauses in Kabul, wo das Innenministerium seine Ermittlungsakten verwaltet, nicht in all den Behörden des schwer zu durchschauenden Rechtssystems von Afghanistan. Bevor es zu einem Prozess kommt, muss sie Fakten sammeln. Sie sucht das Recht für die Frauen, die sie vertritt. Sie hat keine Zeit für einen Tee.

Saliha Dourzad hat Block und Stift gezückt, sie schaut die beiden Beamten erwartungsvoll an. Der eine erhebt sich, schlurft zu einem der Blechschränke und kramt aus den Papiermassen mit verblüffender Präzision eine Kladde heraus. Saliha Dourzad lächelt wieder, nickt und verlässt den Raum.

Der Fahrstuhl streikt. Die 1,63 Meter große, rundliche Anwältin läuft die sieben Stockwerke hinunter. Vorbei an Frauen in Burka und Männern mit Schnauzbärten und Pluderhosen. Alle haben etwas zu erledigen im Verwaltungsapparat der Hauptstadt, der sich so langsam bewegt wie die Leute hier im Treppenhaus.

Expertin für islamisches Recht

Saliha Dourzad ist etwas Besonderes in Afghanistan. Bis zum Fall der Taliban war es üblich, dass sich Angeklagte selber verteidigten. Es gab kaum Anwälte und Anwältinnen gar nicht. Im vergangenen Jahr waren 225 in Kabul registriert, nur ein paar von ihnen Frauen. "Als ich mit der Arbeit anfing, haben mich die Staatsanwälte und Richter nicht wahrgenommen", erzählt Saliha Dourzad. "Dass eine Frau mit ihnen kommuniziert, war ihnen sehr fremd und manchmal auch unheimlich."

Erst vor vier Jahren wurde eine westlich geprägte Verfassung verabschiedet. Doch weiterhin gilt auch die Scharia, das islamische Recht, das das religiöse, politische und soziale Leben regelt. So werden rund 80 Prozent aller Streitfälle traditionell außerhalb der Gerichte verhandelt, in Versammlungen, bei denen die Stammes- oder Dorfältesten das Sagen haben.

Saliha Dourzad wollte Richterin werden, seit sie im Fernsehen Gerichtsverhandlungen gesehen hatte. Sie schrieb sich an der Scharia-Fakultät der Universität Kabul ein, an der bis heute das islamische Rechtssystem gelehrt wird. Ihre Schwiegermutter war lange Jahre Uni-Professorin in Kabul und unterrichtete Recht und Politische Wissenschaften. Im Gegensatz zur Scharia-Abteilung ist das Studium hier weltlich ausgerichtet.

Die Schwiegermutter ist ihr Vorbild. Wenn die Bürokraten von Kabul zusammenzucken beim Namen Dourzad, dann liegt das auch an der Professorin. Die beiden wohnen nebeneinander. Zwei kleine Häuser, die von bescheidenem Wohlstand zeugen, in der Nähe des Kabuler Flughafens. Die Familie der Anwältin hat einen kleinen Besuchsraum mit tiefen Sofas, der Stolz aller afghanischen Familien. Das Zimmer der zwei Teenager Suhrab und Madiha und des dreijährigen Nachzüglers Idres ist dagegen karg und ohne Spielzeug, nur ein riesiges Barbie-Poster hängt an der Wand.

Ihr Mann Humayon arbeitet in einer Behörde. "Er hilft mir beim Wäscheaufhängen", sagt Saliha Dourzad und zeigt auf den staubigen Innenhof. Wenn sie bei der Arbeit ist, passt die Schwiegermutter auf den Dreijährigen auf. Die ganze Familie war während der Taliban-Herrschaft fünf Jahre im Exil in Pakistan. Saliha Dourzad unterrichtete damals islamischen Religionsunterricht.

Heute verdient sie 530 Euro im Monat, bar auf die Hand. Sie hat damit zehnmal mehr als einer der 1600 Richter und 2000 Staatsanwälte, die es in Afghanistan gibt. Das liegt daran, dass sie nicht vom Staat, sondern von der deutschen Hilfsorganisation Medica Mondiale bezahlt wird. Diese bildet seit 2003 Frauen in Afghanistan zu Anwältinnen und Sozialarbeiterinnen fort, die anschließend ausschließlich Frauen betreuen.

Eine von Saliha Dourzads Mandantinnen ist eine 40 Jahre alte Frau aus Masar-i-Scharif im Norden des Landes, die in Untersuchungshaft sitzt. Die Anwältin trifft sie in Kabul in einem flachen Gebäude mit engen schmutzig-gelb getünchten Gängen. Die Mandantin hält ein Kleinkind auf dem Arm. Sie hat sechs Kinder.

Ihr wird vorgeworfen, gemeinsam mit ihrem Mann ein 16-jähriges Mädchen gewaltsam nach Kabul geschafft zu haben. Angeblich wollte sie das Mädchen mit ihrem Bruder verheiraten. Ist sie tatsächlich eine Entführerin? Oder wurde sie nur als Handlanger benutzt? Welche Rolle haben die Eltern des Mädchens gespielt? Saliha Dourzads Job ist es, die Frau möglichst gut vor dem Gericht aussehen zu lassen. "Ich will, dass die Frauen vor Gericht eine Chance haben, sich zu verteidigen."

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Autor:  JULIA NAUMANN
Datum:  20 | 8 | 2008
Seiten:  1 2
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